Iggy Pop und Joshua Homme

Wem muss Iggy Pop heute noch etwas beweisen? Richtig: keinem – außer sich selbst. Dieses Verlangen war der Ursprungsgedanke aus dem später „Post Pop Depression“ (VÖ: 18.03.2016), sein neues Album, werden sollte. Dafür hat er Josh Homme (Queens of the Stone Age, Eagles of Death Metal, Them Crooked Vultures) gewinnen können, der wiederum Dean Fertita (Queens of the Stone Age, The Dead Weather) und Matt Helders (Arctic Monkeys) ins Boot holte.

Iggy Pop - Post Pop Depression

Mit diesen vier Namen steigen die Erwartungen natürlich nochmals immens – insbesondere auch, weil es womöglich Iggys letztes Studioalbum sein wird. Letztlich ist diese Besetzung eine, von der man im Vorfeld definitiv nicht gedacht hätte, dass sie existieren könnte, was natürlich die Frage aufwirft, welche Musik uns auf „Post Pop Depression“ erwarten wird.

Seltsam, mystisch, anziehend

Dass es „anders“ und interessant ausfallen würde, zeigten bereits die vorab veröffentlichten Songs „Break Into Your Heart“, „Gardenia“ und „Sunday“. Die beiden Erstgenannten eröffnen das Album auch gleich. „Break Into Your Heart“, textlich von Depressionen getrieben, baut von der ersten Sekunde eine bedrückende und überlegte Atmosphäre auf. Das Quartett wusste bis aufs letzte Detail, wohin sie mit dem Song wollten. „Gardenia“ wiederum lockert die Stimmung durch einen lockeren, tanzbaren Beat wieder auf, den Iggys tiefe, kontrollierte Stimme trägt.

Gewissermaßen seltsam wird es dann direkt mit dem darauf folgenden Song „American Valhalla“, welches mit einem Xylophon-Intro eingeläutet wird. Iggy lässt tief blicken, wenn er sich fragt, wo sein „amerikanisches Valhalla“ sei und er am Ende des Songs bierernst gesteht, dass er nichts außer seinen Namen habe: „I’ve nothing but my name“. Wieder einmal fällt seine Stimme besonders auf. Sie ist gealtert und hört sich an, wie der alte Mann, der er ja schließlich auch ist. Wenn gerade er dann diesen Text singt, bekommt der gesamte Song eine mystische Stimmung.

Diese tiefen Einblicke begleiten das gesamte Album, welches konzeptionell als eine Art indirekter Nachfolger zum 1977er-Album „Lust for Life“ ist, welches Iggy Pop in Berlin unter anderem zusammen mit David Bowie in einer Zeit aufnahm, die sein späteres Leben sehr geprägt hat. Immer wieder erwecken die Textzeilen den Eindruck, dass diese Zeit im ganz besonderen Fokus steht. Fast schon Kabarett-artig wirkt dann „German Days“, welches musikalisch von einem seltsam anziehenden Groove geprägt wird und Hommes stärkste Desert-Unterschrift trägt.

Glittering champagne on ice
Garish and overpriced
Champagne on ice
Dish overpriced
Schnellimbiss
And Pope Benedict
Brilliant brains
And the end of pain

Iggy Pop – German Days

Viele Ideen, immer bis zu Ende gedacht

Jeder der bisher angesprochenen Songs bietet komplett eigene und einzigartige Ideen. Dies wiederum zieht sich quer durch das gesamte Album. „Sunday“, ein Disco-Beat-Song, ist ein hervorragendes Beispiel für die Art des Inputs, den alle vier Beteiligten jeweils liefern: Hommes Ideen (unter anderem auch die des Orchester-Spiels am Ende des Songs) sind klar herauszuhören, welche durch Fertitas reduzierte und klar akzentuierte Spielweise geflankt werden. Dazu kommt Helders einzigartiger Stil aus minimalistischem, zurückhaltendem und trotzdem treibenden Drumming.

„Chocolate Drops“ hingegen ist sehr vom Blues beeinflusst. Iggy singt über Verletzlichkeit, die musikalisch genau passend durch Hommes Background-Gesang und das Piano-Spiel transportiert wird. „In the Lobby“ steht dem krass entgegen: Zerrende Gitarren-Licks leiten den Song ein und eine großartige Bassline zieht den Song nach vorne.

When is painful to express the things you feel
When it hurts to share because they’re bare and real
So when everyday is judgement day, I won’t pray
When there’s none to share that empty chair, well okay

Iggy Pop – Chocolate Drops

Auch das Finale „Paraguay“ bietet wieder etwas neues. Den Anfang macht ein Gruppengesang aller vier: „While animals they do / Never wonder why / Just to do what they goddamn do“. Anschließend folgt ein wunderschöner, harmonischer Song mit äußerst introvertierten Lyrics, in denen Iggy davon spricht, ins paraguayische Exil zu gehen. Weg von allem, dorthin, wo nichts ist. Dort, wo er sich niemandem stellen und gegenüber niemandem rechtfertigen muss. Im Mittelteil überrascht das Quartett mit einem kompletten Strukturwechsel. Der Gruppengesang setzt wieder ein und man fühlt sich direkt von Iggy angesprochen, wenn er einem an den Kopf wirft, dass er keine Lust mehr hat. Mit einem großen Knall wird „Post Pop Depression“ also beendet und man fühlt sich danach ausgesaugt und ausgelaugt.

Ein Gesamtkunstwerk auf Höchstniveau

Letzten Endes ist „Post Pop Depression“ genau das Album geworden, das man sich erhoffen konnte. Seltsam, mystisch, anziehend, sexy, störrisch, progressiv, kreativ – all das sind Schlagworte, die wunderbar auf das Ergebnis dieser Kollaboration passen. Genauso überraschend, wie die ursprüngliche Album-Ankündigung ist auch das Album geworden. Es weiß einen immer wieder mit interessanten Konstellationen und Ideen am Ball zu halten. Dabei werden diese immer konstant durchgetragen, nichts fühlt sich halbgar an.

Im Grunde funktionieren die Songs auch dadurch als Kollektiv am besten. Nichtsdestotrotz ist es ihnen gelungen, dass jeder Song auch für sich selbst stehen kann. Diesen Spagatsprung schafft bei weitem nicht jede Band und hieran erkennt man auch die musikalische Klasse, die in „Post Pop Depression“ steckt. Es ist eines der stärksten Alben, die Iggy Pop im Laufe seiner Solo-Karriere veröffentlicht hat und auf einem Niveau mit „The Idiot“ und „Lust for Life“.

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