Foto: Trondur Dalsgard

Fast genau fünf Jahre ist es her, dass eine der wenigen zugleich hochspannenden und radiofähigen Bands dieses Landes auf unbestimmte Zeit abdankte. „Wir sind erstmal raus“ titelt bis heute die Webseite von Wir sind Helden, mit einer Rückkehr rechnet aktuell vermutlich kaum wer. Frontfrau Judith Holofernes stellt dieser Tage abermals auf die Probe, wie traurig wir wirklich über diesen Umstand sein müssen: Am Freitag erschien nach „Ein Leichtes Schwert“ von 2014 ihr zweites Solowerk unter dem hübschen Titel „Ich bin das Chaos“ auf ihrem eigenen Label Därängdängdäng Records.

Was sich die Berlinerin jetzt so offensiv auf die eigene Fahne schreibt, klang bereits im durchaus rumpeligen, ja, chaotischen Sound des Vorgängers durch – sie selbst nennt es ihr „zerzaustes Debüt“. Jetzt jedoch hat sich Holofernes eine Art Ruhepol für die Produktion hinzugeholt, der stark am Klang des Albums beteiligt ist: Teitur von den Faröer-Inseln. Als Head of Ordnung sozusagen hielt er den Sound des Albums im Rahmen – sagt jedenfalls der Musikexpress.

Unorthodox fängt es dennoch an, das neue Werk, nämlich mit der zuerst ausgekoppelten Videosingle „Der letzte Optimist“, dem wohl traurigsten Lied. Ein wenig erinnert diese Herangehensweise an die erste Kettcar-Platte, damals jüngst dem …But Alive-Punk entwachsen und wie zum Trotz mit dem extrem ruhigen „Volle Distanz“ beginnend. Der Kampf ist verloren, die Wunden versorgt, Ruhe und Tristesse eingekehrt. So klingt auch „Der letzte Optimist“, dessen Erzählung den Hörer mal ganz gehörig auf den Boden der Realität hinunterreißt:

„Deine Freunde sind schon gegangen, wussten nichts mehr mit sich anzufangen.
So eine Nacht wird ja auch lang, wenn man eh nicht helfen kann.
Du liegst immer noch auf dem Weg vor ihrem Haus.
Und ja, es sieht nicht so gut für dich aus.“

Das kann Judith Holofernes seit jeher – nervenaufreibende Balladen schreiben. Was sie aber fast noch lieber zu machen scheint, zeigt sich dann im komplett gegensätzlichen „Oder an die Freude“, das sich in seiner Referenz an den alten Beethoven-Schinken in eine Reihe mit der „(Ode) an die Arbeit“ vom dritten Helden-Album stellt. „Oh Henry“ reminisziert in seiner immerwiederkehrenden Ansprache von „Henry, oh Henry“ gar an – echt jetzt – den guten, alten Loch-im-Eimer-Karl-Otto! Ist aber richtig gut, keine Sorge.

Und ansonsten hält sich Holofernes auch zumeist an die von ihr selbst präferierte und perfektionierte Art zu Schreiben: Über fiktive und/oder reale Personen, die etwas zu sagen haben oder über die sich etwas zu sagen lohnt. Früher waren das die „Pechmarie“ oder gar Buddhas Sohn Rahula, heute ist es beispielsweise „Charlotte Atlas“, die auf tanzbarem Garage-Punk-Pop „Boccia mit Planeten“ spielt. Beim „Analogpunk“ geht’s dann zwar ein paar Einsen und Nullen zu weit in Richtung Klischee, dennoch weiß aber auch hier zumindest die bassige, musikalische Ebene zu begeistern. Und auch, wenn ein Song wie „Unverschämtes Glück“ dann auf einmal ein Barpiano auffährt, fühlt er sich im Reigen der anderen Stücke keineswegs deplatziert an. Große Leistung, hier den Faden behalten zu haben!

„Ich bin das Chaos“ kann also eine ganze Menge, ist thrilling und chilling zugleich – im Falle der Nachkriegsballade „Der Krieg ist vorbei“ gar beides in nur einem Track. Wie hier die klaustrophobischen Szenen, verpackt in die richtigen Worte, völlig greifbar vor Augen geholt werden und dann das erlösende „Nimm‘ meine Hand“ erklingt, verursacht Gänsehaut und macht den Song zum besten der Platte. Diese erweitert Judith Holofernes‘ Werk als ohnehin hervorragende Songschreiberin und Performerin um elf weitere, starke Lieder, die ihren Erstling größtenteils in den Schatten stellen. Manchmal vielleicht sogar die alten Helden-Songs. Ein weinendes Auge bleibt zwar, doch „Ich bin das Chaos“ weiß die Wunden zu heilen. Selbst die des Niedergeschlagenen, der fortan wieder als letzter Optimist durch die Welten schreiten darf, ein fröhliches Holofernes-Lied auf den Lippen.

Wer dabei übrigens mitmachen will, kann und sollte übrigens die gerade angelaufene Tour besuchen, deren Termine ihr hier bei uns findet!

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