JuseJu

„Juse Ju mein Name, Untergrund mein Status!” – so stellt sich der in München aufgewachsene MC selbst im Song „Untergrund bedeutet” vor. Echter Hip-Hop-Untergrund bedeutet bei ihm schon seit Längerem, seine Musik völlig kostenfrei unters Volk zu bringen. Schon das letzte Album des Wahlberliners, „Übertreib nicht deine Rolle”, erschien als Free Download. Und obwohl seine Bekanntheit zumindest szeneintern derzeit größer denn je sein dürfte – Antilopen-Gang-Features und Videobattle-Moderationen sei Dank – erscheint auch der neue Wurf von Juse Ju mal wieder unentgeltlich auf seiner Facebookseite. Zwar wird es eine Vinylauflage mit zwei zusätzlichen Songs geben, doch das vom aktuellen Deutschrap-Hype winkende Geld scheint den seit 2001 aktiven Rapper wohl nicht all zu sehr zu reizen.

Nach dem 2009 erschienenen „Yo! Hip Hop hat mein Leben zerstört” und der bereits erwähnten Veröffentlichung vom letzten Jahr, gibt es nun seit vergangenem Donnerstag also mit „Angst & Amor” ein drittes Soloalbum von Juse Ju. Gleich zu Beginn verpackt er auf „Lalala” ganz lässig Kritik am homophoben Rap-Game:

„Gruß an Maskulin, das ist Juse Feminin. Bringt die Raps, von denen die Jungs aus deiner Crew ’nen Ständer kriegen. Dass sich Männer lieben, sorgt wohl immer noch für Erregung. Was ein echter Mann ist, weiß ich aus der Pizzaburger-Werbung.”

Die all zu oft in ihren Punchlines nur Mütter, nie Väter begattende Belegschaft der zur Zeit so beliebten Battleformate, von denen Juse das vielleicht wichtigste hostet, scheint also glücklicherweise nicht auf ihn abgefärbt zu haben. Stattdessen handelt er in Tracks wie „German Angst” treffend und pointiert aktuelle Thematiken unserer Gesellschaft ab, in der einfach zu viele Hirnis Angst vor wahlweise den Griechen oder Echsenmenschen zu haben scheinen. Auch auf dem LP-exklusiven „Akte X” schießt er gegen die selbe Klientel:

„Spring doch bitte mit deinem Kopf voran in ein kongolesisches Minenbeet, bevor du mit deinem tollen Internet-Knowledge mir erzählst, worum es in internationalen Krisen geht – du Bitch!”

Manchmal braucht es für Ansagen gegen diese Art von Leuten auch gar keine großangelegten Punchlines mehr: Auf den wutbürgerlichen Unsinnskommentar „Für Volk und Vaterland zu demonstrieren ist nicht rechts!” lässt er bloß ein trockenes „Doch, das ist richtig rechts” fallen. Word Up. Und trotz der ernsten Themen weiß all das aufgrund Juses entspannten Vortrags auf ebenso unaufgeregten Boom-Bap-Beats hervorragend zu unterhalten.

Eine Leidenschaft scheint Juse auch darin gefunden zu haben, sich in seinen Raps in andere Rollen zu versetzen: So markiert er in „Highscore” den geldgeilen Poser, „Youtube Pin-Up” beschreibt die Sicht eines verwöhnten und verklärten, perspektivlosen Jugendlichen:

„Ich bin immer vollkommen pleite, verdammt. Obwohl meine Eltern das Geld haben. Hm, seltsam. […] Diese Welt ist gegen mich und deswegen checke ich nach dem Abitur zur Weltreise ein!”

Zu guter Letzt gibt Juse noch den Stan in „Messias von Benztown” und rechnet mit Max Herre ab – berechtigt, wenn jemand vom Aushängeschild der Weltsprache Esperanto zur Voice of Germany wird! Bei dem am Ende des Tracks gesampleten „Massakrieren eines Eminem Songs” war Herre zwar selbst AundAgar nicht anwesend, doch zu belustigen weiß dieser Rückblick auf das Rapfans peinlich berührende, die Jury aber so begeisternde Ereignis allemal.

Juse Ju zeigt mit „Angst & Amor” erneut, dass in ihm mehr steckt, als der Battlerapper-ankündigende Sunnyboy bei Don’t Let The Label Label You. Durch seine jahrelange Erfahrung als MC und die dennoch so unverkrampfte Herangehensweise, gelingen ihm problemlos Retro-Synthie-Hits wie „Rebound Boy” ebenso wie unterhaltsame Boom-Bap-Kopfnicker, beispielsweise „Scheitern als Chance”. In dem Großteil dieser Songs spielt die Selbstironie eine tragende Rolle – und welchem Genre könnte Selbstironie besser tun als dem deutschen Hip Hop? Wie gut, dass Juse Ju da ist. Wie gut, dass er es auch mit diesem Album wieder geschafft hat, auf voller Länge zu überzeugen.

„Angst & Amor” zum Free Download