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Still aus „Boom Boom Boom“

Eigentlich fängt alles ganz gewöhnlich an – zumindest für ein K.I.Z.-Album. Vor zehn Jahren machten sie mit ihrem „Rap-Deutschland-Kettensägenmassaker” erstmals von der damaligen Berliner Straßenrap-Brutstätte aus – dem Royal Bunker – die Szene unsicher, 2007 wurde „Spasst” zum unausweichlichen Hit. Seither pflegen die Kannibalen in Zivil ihr Alleinstellungsmerkmal als grenzüberschreitende Schlauköpfe, die dank ihrer Mischung aus gnadenlos überspitzten Klischee-Spielereien und mal mehr, mal weniger versteckten politischen Statements immer wieder zu überraschen und unterhalten wissen. Und so ist es für sie eben auch ganz normal, ihre neue, sechste Platte „Hurra die Welt geht unter” mit einem heillos überzogenen Representer zu eröffnen, in dem Nico zu verstehen gibt: „Ich bin kein Großkotz, ich bin bloß Gott”. Alles ganz normal für die drei Berliner Rapper und ihren DJ Craft.

Auf jenen epischen Opener lassen sie dann mit „Geld” Westcoast-Synthies folgen und handeln mal schnell die zwei Seiten der Medaille namens Kapitalismus ab. Auch das ist nicht gerade ungewöhnlich für K.I.Z., doch langsam aber sicher stellt man sich die durch ihr bisheriges Schaffen zwingende Frage: Wo ist der Gag? So klar und unironisch wurde ihre Kapitalismuskritik bisher selten formuliert:

„Vor ’nem prall gefüllten Schaufenster an Hunger krepieren – wegen bedrucktem Papier – Das ist Geld!”

Dieses Gefühl stellte sich auch bereits im Voraus bei der Videosingle „Boom Boom Boom” ein: Zwar hat das Instrumental ganz K.I.Z.-typisches Dancefloor-Potential und die Venga-Boys-Adaption in der Hook lädt ihre Konzertbesucher mal wieder zum Mitbrüllen ein, doch auch hier rechnet beispielsweise Tarek mit Zeilen wie „Denkt ihr, die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen, mit dem großen Traum im Park mit Drogen zu dealen?!” sehr harsch und unverhohlen mit Pegida-Idioten und co. ab.

Diese Wut auf bestimmte Vertreter der Gesellschaft lassen K.I.Z. dann im großartigen „AMG Mercedes” zum Aufstand der Unterpriviligierten anwachsen:

„Du bist gerade im Club auf Nase mit den Mädels! Und ich ritze diesen Text in deinen AMG Mercedes! Wir stehen vor deiner Villa und du hörst uns schreien: Wir sind das letzte, doch werden die ersten sein!”

Untermauert wird das Ganze mit autobiografischen Berichten aus der Jugend der drei MCs – und als wäre das nicht schon persönlich genug im Vergleich zum sonstigen Output der Crew, liefert Tarek dann mit „Freier Fall” sogar einen ziemlich ironiefreien Trennungssong ab! Die erste Hälfte des Albums geht damit zu Ende und langsam zeichnet sich ab: K.I.Z. gehen mit dieser Platte einen Schritt weiter in ihrer Karriere und verlassen ihre bequeme Position im deutschen Rap, wo sie bis dato als so etwas wie die ironisch gebrochenen Polit-Rapper mit den guten Punchlines galten.

hdwguAb dieser Stelle im Album gibt es dann kein Zurück mehr: Spätestens mit dem Song „Ariane”beginnen sie, eine wahnsinnig düstere Atmosphäre aufzubauen, die uns in die Abgründe der menschlichen Seelen blicken lässt. Nico mimt einen werktags fleißig im Büro ackernden Typen, der am Wochenende durchdreht, Sex mit fünfzehnjährigen Mädchen auf Koks hat und sich als Gelegenheits-Lude probiert. Brutal und ohne Blatt vor dem Mund wird uns das Ganze auf einer Art Culcha-Candela-Beat-Persiflage präsentiert. In ähnlichen Gefilden siedelt sich lyrisch auch „Ehrenlos” an:

„Was‘ das hier für ’ne Party?! Noch keiner was gelegt? Zehn Vodka-Bull für Papi – Zeit, dass sich was dreht! Die Kleine find‘ mich geil, ihre Freundin flüstert: Mach‘ das nicht! Zeig‘ mal dein‘ Ausweis, gnade dir Gott, wenn du Schlampe schon über 18 bist!”

Mitreißendes Storytelling auf höchstem Niveau, ebenso bei „Verrückt nach dir”, in dem jeder drei Rapper in die Rolle eines psychopathischen Liebhabers schlüpft oder „Superstars”, dessen Protagonisten wahlweise an Bonnie und Clyde oder doch eher an Pumpkin und Honey Bunny aus Pulp Fiction erinnern. Jeder dieser Songs offenbart dem Zuhörer eine eigene, kleine Welt, die immer wieder auf’s Neue dreckige und grauenhafte Wahrheiten über unsere Gesellschaft zu Tage fördert.

Den Höhepunkt erreicht die bis hierher perfekt aufgebaute Atmosphäre dann mit „Was würde Manny Marc tun?”. Bevor ich versuche, in Worte zu fassen, was hier geschieht, sollte man sich einfach anhören, in welche Hirne sich K.I.Z. und ihre Feature-Gäste Audio 88 & Yassin dieses Mal versetzen – und was Die-Atzen-Hälfte Manny Marc dazu zu sagen hat.

Dieses Album zieht den Spannungsbogen auf wirklich grandiose Weise kontinuierlich an, lässt den Zuhörer langsam aber sicher an der Welt um ihn herum zweifeln und endet zum Schluss im perfekten Befreieungsschlag: Dem Titeltrack des Albums „Hurra die Welt geht unter”. Endlich zerschlagen K.I.Z. und Annenmaykantereit-Sänger Henning May die Tristesse und lassen den nervenaufreibenden Trip in einer wundervollen Weltuntergangs-Utopie enden.

Zugeben, als der Titelsong vor Album-VÖ bereits als Single erschien, sagte mir das nicht sehr zu – zu wenig K.I.Z., wie man sie kannte, zu corny diese Nummer mit dem Kind, das am Ende fragt „Warum soll ich dir was wegnehmen, wenn wir alles teilen?” Doch nach einer Stunde brillantem wie erschreckendem Storytelling, das direkt unserer Gesellschaft entspringt, ist es dann doch ganz klar, dass auch ich mit einstimmen muss: „Hurra, diese Welt geht unter!” Hurra, Hurra, Hurra.

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