Foto: Sunnyi Löhmann

Manchmal sagen Album-Cover und Pressefotos mehr über die dahinter steckende Musik aus, als man im Vorfeld annehmen mag. So ist das auch bei „Alice“, dem dritten Werk der Stuttgarter Post-Punker. Während sich die ersten beiden Werke „Seid Umschlungen, Millionen“ und „Es geht sich aus“ aufs Maximalste reduzierten und per Definition keine Spielereien zuließen, zeigt die Gruppe auf „Alice“ einen deutlich farbenfroheren und breiteren Sound.

Insbesondere „Es geht sich aus“ perfektionierte Monotonie als Stilmittel der kargen Dystopie. Stoig wurden düstere Bildnisse gezeichnet. Varianz, Dekoration und Extras waren fehl am Platze. Alles wurde dem großen Gesamtbild unterworfen. „Alice“ hingegen wählt einen bemerkenswert anderen Weg. Das lässt sich beispielsweise an den Texten festmachen. Thematisch verlassen sie ihr schlecht gelauntes, depressives Gefilde beileibe nicht, allerdings sind die Songs deutlich textlastiger. Wurden Texte zuvor überaus punktuell eingesetzt, tragen sie nun die strafferen Strukturen der Songs.

Der Sound als solcher steht noch mehr Kopf. Es muss nicht mehr nur dunkelgrau sein. Während die Exzentrik dieser Grundsatzidee hauptverantwortlich für meine Wertschätzung der Band war, ist der runderneuerte Ansatz nicht minder spannend. Ihre radikale Interpretation des Post-Punk fungiert zwar weiterhin als Fundament, wird aber immer wieder durch Wave-, Industrial- und Prog-Elemente erweitert, vervollständigt und mitunter auch komplett übernommen – all das in meiner musikalischen Lockerheit, die man so sicherlich nicht von Karies erwartet hätte.

Gekonnt werden hier nicht nur Genres, sondern auch gegensätzliche Attitüden, Emotionen und Stimmungen in einem homogenen Ganzen kombiniert. Das wiederum belegt eine immense Weiterentwicklung im Sound sowie der zugrunde liegenden Idee und deren Auffassung. „Alice“ ist sicherlich das durchdachteste und wohlüberlegteste Album der Stuttgarter. Das zeigt sich an jeder Ecke und an jedem Stein, der wie selbstverständlich umgeworfen wird. Es ist aber auch das gelungenste Album der Stuttgarter. Das zeigt sich an jeder Stelle der knapp 40 Minuten Spielzeit.