Fotos: Babak Kidney, noisiv.de

Ihm beim Singen zuzuhören, ist ein bisschen so, als würde man eine alte Liebe besuchen: Anfang des Monats gastierte Bloc Party-Frontmann Kele Okereke im Hamburger Molotow und stellte einige Stücke aus seiner aktuellen Soloplatte „Fatherland“ vor. Der Brite war im Rahmen seiner intimen Clubtour auf der Reeperbahn zu Gast, gastierte u.a. auch in Berlin und Köln. Eine Backing-Band ließ er zuhause, dafür gab’s zahlreiche Klassiker stattdessen Unplugged auf die Ohren.

Dream-Pop mit einem gewissen Etwas: Hey Elbow

Die erste Überraschung gab es gleich zu Anfang: Hey Elbow aus Schweden stiegen um 21 Uhr auf die Bühne. Ihr Sound erinnerte an verträumten Dream-Pop, versetzte jedoch Elemente aus Pop, Rock, Elektronik und Noise zu einem hochinteressanten Mix, der über klassische Dream-Pop-Motive hinausgeht. Das Trio um Julia Ringdahl (Gesang und Gitarre), Ellen Petersson (Hörnern und Synthesizern) und Schlagzeuger Liam Amner hinterließ einen soliden Eindruck, nutzte nahezu jede Minute um Stücke aus ihrem Erstling „Every Other“ von 2015 zu spielen oder neue Titel einzustreuen, die auf dem baldigen Nachfolger erscheinen sollen. Große Ansagen sind während des halbstündigen Sets nicht gefallen, immer wieder waren jedoch „What is your name?“-Rufe aus dem Publikum zu vernehmen. Mit einer Vorband hatte an dem Abend nämlich keiner gerechnet.

Ein Engel lädt zum Wohnzimmerkonzert

Es war ca. halb zehn als Kele Okereke die Clubbühne des Molotow betrat. Als er zur ersten Nummer („Streets Been Talkin’“) ansetzte, schien er außer seiner Westerngitarre und einem kleinen Stuhl nicht viel zu gebrauchen. Der Mann, der wie ein Engel komplett in Weiß daherkam, funktionierte das Bandequipment von Hey Elbow kurzerhand zur Bühnenkulisse um. Es war schon fast Grotesk wie es dem 36-jährigen auf Anhieb gelang, nur mithilfe seiner Stimme und einer Gitarre, seinen bisherigen Songkatalog auf’s Grundgerüst herunterzubrechen. Starke Songs, so hört man, funktionieren eben auch in ihrer simpelsten Ausführung. „Let Go“ etwa, welches im Gegensatz zur Studioversion (einer Kollaboration mit dem portugiesischen DJ RAC) vollständig auf seine Samples und markanten Soundpassagen verzichtete, und dank Keles Performance eine wunderschöne Melodie freisetzte.

As silent, as a„Silent Alarm“ can be

Kele, der zuvor hauptsächlich mit seiner Hauptband und elektronischen Nebenprojekten anzutreffen war, nutzte die Gelegenheit um in seiner bisherigen Karriere zu graben. Zwar dominierten Stücke aus seinem aktuellen – und äußerst introspektiven – Album „Fatherland“ den Abend (u.a. „Do U Right“, „Road To Ibadan“ und „Versions Of Us“), mit „Blue Light“ und „This Modern Love“ fanden sich jedoch auch zwei besondere Perlen aus dem 2005er-Debüt „Silent Alarm“, der Platte, die Kele und seine Band erst auf die Karte setzte. Doch der Musiker aus Liverpool wollte es selbst dabei nicht belassen: Immer wieder holte er zu Cover-Songs aus, spielte Titel, von denen er sich wünschte, sie selbst geschrieben zu haben („Landslide“ von Fleetwood Mac) oder griff auf das legendäre „My Girl“ zurück, dass er erst kürzlich für eine Spotify-Kompilation aufgenommen hat – und gemäß seiner eigenen Bedürfnisse in „My Guy“ umfunktioniert hat.

Fazit: Ein runder Abend – mit ein paar Ecken

Für nur weniger als 20 Euro, bemühten sich Hey Elbow und Kele Okereke in einen schönen Samstag Abend zu hinterlassen. Die Performance der Schweden hat gesessen, ihr kommendes Album wird definitiv mal durch meine Speaker laufen. Auch Kele ließ das Publikum an jeder Emotion, jeder schmerzhaften Silbe der teils schwermütigen Lyrics teilhaben. Doch machten sich im Verlauf der 15 Stücke auch kleinere Schwächen bemerkbar. So viel das Konzept der Unplugged-Performance zur Präsentation der Titel beiträgt, so sehr legt es eben auch offensichtliche Schwächen im Songwriting offen, die durch Produktionsarbeit im Studio noch kaschiert werden können.

Das Songwriting des Indie-Rock-Veteranen scheint sich im Verlauf der Jahre nur marginal verändert zu haben, auch Jahre nach dem Debüt ähneln sich Aufbau und Kompositionen mitunter so sehr, dass man meint den Song eben schon Mal gehört zu haben – wären da nicht die einfühlsamen und großartigen Texte, die Kele auf diese Stücke legen würde. Sei’s drum: Wir setzen Kurs auf ein Wiedersehen im Oktober zur großen „Silent Alarm“-Show in der Berliner Columbiahalle am 18. Oktober! Dann wird es mir vermutlich ähnlich gehen wie an diesem Abend und es wird sich alles wieder genau so anfühlen – eben wie ein Besuch bei einer alten Liebe.

[asa]B073R6Q222[/asa]