Foto: Maxi Baier

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Deutschrap 2015: Cro spielt als jüngster Künstler ein Unplugged Konzert für MTV, Sido fliegt mit Andreas Bourani in die ungeahnten Charthöhen und Keno veröffentlicht ein Soloalbum. Endlich, könnte manch einer meinen. Erste Gehversuche unternahm der MC mit Kollege Fatoni und Produzent Bustla als Creme Fresh in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts. Nach der Auflösung formierte sich die Band Moop Mama um der Welt die Blechblasmusik näher zu bringen. Mit Keno als Frontmann erschienen bis dato zwei starke Alben und neben etlichen Solo-Gigs in der Republik tourte die Formation zuletzt auch als Vorgruppe mit Chefstyler Jan Delay.

Anstatt dem gesteigerten Interesse an der Brass Band gerecht zu werden kommt nun ein klassisches Rap-Album mit Produzent Flying Pussyfoot. Letzterer kreiert aus türkischen Samples einen abwechslungsreichen Klangteppich: oft oldschoolig („Pij“), mal livetauglich („Backpacker“). Das ganze klingt verschroben, dreckig und apokalyptisch aber niemals langweilig. Textlich wird Keno dem Anspruch an die Oldschool gerecht. Keiner mag Schubladen, aber der Begriff „Conscious“ kommt einem immer wieder in den Sinn beim Hören des Albums.

Es gibt wohl wenige MCs mit einer ähnlich guten Beobachtungsgabe und der Fähigkeit gesellschaftliche Probleme so gekonnt auf den Punkt zu bringen. Keno legt sich sowohl mit Apple, Facebook und Google an, als auch dem Rest der Menschheit. Zumindest dem Teil der sich unreflektiert dem Konsum und dem Hedonismus hingibt:

„Ein fabelhafter Vintage-Filter macht aus jeglicher Szenerie irgendjemandes verwischte Kinderbilder“ („Wie sie sind“)

Es geht um die Flüchtlingsproblematik und die eigenen Lebensziele. Kluge Zeilen wie: „Am vierten Tag schuf er [der Mensch] Geld und Kapitalismus, am fünften den weltweiten Massentourismus“ („Über den Wolken“) sind hier keine Ausnahme sondern die Regel. „Der Hunger ist uns ein Unbekannter, Homo Sapiens Sapiens: ein Schnäppchenjäger und Punktesammler“ aus „Paradajz Lost“. Beim Hörer stellt sich ein mulmiges Gefühl ein: „Spricht der da gerade von mir? Bin ich da gemeint?“. Man fühlt sich zwangsläufig ertappt. Doch im Gegensatz zu einigen anderen Rappern und Rap-Formationen, die aktuell für intellektuellen Output stehen, vergisst es Keno sich mit seinem Publikum zu solidarisieren.

Es entsteht das Gefühl, dass da ein Gutmensch spricht. Da fallen Sätze wie: „Der Mensch muss immer nützlich sein“. Sagt wer? Am Ende ist dies eine Trivialaussage, die Jedem den freien Willen abspricht. Wenn man sich durch Schule, Praktika und Studium quält ohne Spaß an der Sache zu haben, ist das wohl auf die eigene Mutlosigkeit zurückzuführen. Zu sagen, dass die „Gesellschaft“ einen in gewisse Rollen „zwingt“ ist leicht. Das Album „Paradajz Lost“ ist grandios, doch tut weh. Jedem, der bereit ist zur Selbstreflektion, denn die eigenen Schwächen werden in nahezu jeder Zeile bloß gestellt. Doch Keno ist ein guter Mann und bringt zum Abschluss das philosophische „Per Anhalter“, dass wie Penaten-Creme auf der Wunde wirkt. Der Autor macht sich jetzt dennoch erstmal einen Kamillentee zur Beruhigung.

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