Spannender Zufall: Vor etwa einem halben Jahr erwarb ich im Plattenladen meines Vertrauens – Zardoz Records im Hambuger Schanzenviertel – eine CD, deren Cover mich ansprach: „True Love Can Wait“ von Knabenkraut. Ein Album von Anfang 2003. Ich hatte keine Ahnung, wer Knabenkraut sein soll, aber für Vier Euro Fuffzich nimmt man’s mit. Zu Hause wurde ich dann höchst positiv überrascht von dem tollen, bodenständigen Soundbild und der dezenten Niedlichkeit im Songwriting. Da hatte ich einen guten Fang gemacht. Schade nur, dass es offenbar von der Band seitdem keine weiteren Lebenszeichen gab, wie meine Recherche mir ernüchternd bewies. Schnitt. ich vor zwei Wochen im ebenfalls sehr geschätzten Slam Records, keine 200 Meter von Zardoz entfernt: Ein nicht sofort zu definierendes, hundeartiges Tier blickt mich von einem CD-Cover an. Drüber steht: „Someone Still Loves You, Knabenkraut“. Wow!


00075001Wie ein tröstendes Wort an sich selbst klingt der Albumtitel, was vielleicht notwendig sein könnte, wenn man den Nachfolger eines Debütalbums beinahe zwölf Jahre später veröffentlicht. Sicher werden sich nicht mehr ganz so viele Menschen an die Band um Marsh-Marigold-Labelchef Oliver Goetzl erinnern. Aber wie könnte man eine Band denn nicht lieben, die sich trotz dieser Tatsache völlig treu geblieben ist? Man hätte sich ja anhand des Titels von Album Nummer 1 darauf einstellen können – True Love can wait.


Knabenkraut halten die Zeit an. Sie spielen auch auf ihrem neuen Werk wunderbaren, handgemachten Pop, wie er heutzutage eigentlich schon fast ad acta gelegt wurde. Vergleichbar vielleicht mit Bands wie Belle & Sebastian verarbeiten Knabenkraut Geschichten des Alltags in Liedern, die die Seele wärmen und sich daher hervorragend für die kalte Jahreszeit eignen. Kein einziges elektronisches Tönchen ist auf „Someone Still Loves You“ zu vernehmen, und es gibt Momente, in denen das sehr gut tun kann. Beispielhaft, wie wenig sich Knabenkraut an Trends und Erfolg orientieren!


Es verwundert nicht, dass Knabenkraut den fast vergessenen Klassiker „Johnny & Mary“ von Robert Palmer in einer langsameren, akustischeren Variante wiederaufleben lassen und ihn damit nochmal schöner machen. Ebenso wenig verwundert es, dass das Album mit einer Reprise zum ersten Stück des Vorgängers von 2003 schließt. Ein ganz und gar runder Zwei-Alben-Zyklus ist hier geschaffen worden, was man bei dieser Wartezeit sicher nicht hätte erwarten können. Schön aus der Zeit gefallen und damit eigentlich schon zeitlos. Wirklich ganz großes Kino, aber mit der Anmutung eines kleinen Autorenfilm-Kinos. Vielleicht kommt ein etwaiges drittes Album erst 2026, aber: I will still love you, Knabenkraut!

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