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Foto: Benzki

Es gibt Menschen, die kann man nicht ab. Man kann sich die größte Mühe geben, aber warm wird man mit denen nie. Dann gibt es aber auch Menschen wie Kobito, mit denen man sich nach fünf Minuten des Kennenlernens unterhält, als ob man sich schon ewig kennen würde. Mancher mag es Professionalität des Künstlers nennen – ich nenne es guten Charakter.

Seit einer gefühlten Ewigkeit veröffentlicht der Berliner schon Musik – so circa 15 Releases sind dabei schon rumgekommen. Das wusste ich nicht und auch Kobito selbst hatte erstaunlicherweise Probleme beim Nachrechnen. Nun kommt nächsten Freitag mit „Für Einen Moment Perfekt“ das vierte Soloalbum auf dem Qualitäts-Label Audiolith heraus. So viel ist zumindest sicher. Zeit zu quatschen!


Die LP kommt in einer Woche raus. Aufgeregt?

Ja!

Was bedeutet dieses Album in genau dieser Situation, in der Du gerade bist?

Erstmal ist es produktionstechnisch ein riesiger Sprung, den ich auch nicht alleine zu verantworten hab. Einfach dadurch, dass wir dieses Mal nicht mehr die „Beats hin und herschicken, darüberschreiben, dann nochmal drüber reden und dann ins Studio gehen“-Geschichte gemacht haben, sondern, dass alles im Studio entstanden ist. Dass wir einfach von Null an gebaut haben und nichts 08/15-mäßig geschneidert haben. Dass wir super viele kleine Details gemacht haben, ewig lange Studio-Sessions – dadurch klingt das alles viel organischer. Das ist ein viel einheitlicherer Sound.

„Da gibt es niemanden, der da seine Finger drin hat“

Ein Stück nach vorne, das mich einfach freut und total dankbar macht, dass die Jungs das gemacht haben: Raffa [Anmk. d. Verf.: Riffsn] von Grossstadtgeflüster und MisterMo haben ja zusammen komplett alles gemacht. Da gibt es niemanden, der da seine Finger drin hat. Und sonst ist es einfach sehr rund geworden. Ich war noch nie vor dem Release so zufrieden mit einer Platte. Sonst dacht ich immer: „Ja, hm, jetzt machen wir aber nochmal besser!“. Ich bin sehr zufrieden.

Tatsächlich klingt „Für Einen Moment Perfekt“ sehr ausproduziert und durchdacht. Darauf zu finden sind einige alte Bekannte wie Amewu, Refpolk und Spezial-K, aber auch die VBT-Teilnehmerin Haszcara. Das Album wächst mit der Zeit und auch Songs, die zunächst wenig herausstechen, überzeugen bei jedem Hören mehr.

Gab es vorher eine Richtung in die sich der Sound entwickeln sollte? Wie seid ihr an die Platte rangegangen?

Raffa, also Riffsn von Grossstadtgeflüster, hat schon beim letzten Album „Blaupausen“ quasi Post-Production gemacht. Der hat die Beats, die von den verschiedenen Produzenten-Teams kamen, genommen, hat sich mit mir nochmal rangesetzt und da Zeit mit mir verbracht, um die Beats an einigen Stellen besser und runder zu machen. Und deshalb hatte ich total das Bedürfnis ihn da reinzuziehen, nachdem wir fertig waren mit dem letzten Album – also ihn in die Sache zu verwickeln. Einfach weil ich glaube, Raffa ist ein irrer Musiker: Der ist ein richtig guter Pianist, richtig guter Produzent und macht halt einfach seit zehn, 12 Jahren beruflich Musik. Er ist einfach ein irrer Kompetenzträger oder wie man das sagt. Deshalb war die Richtung nach dem letzten Album: „Lass mal mehr interaktiv werden, lass mal auch musikalischer werden. Weniger digital produzieren“. Auf super vielen Songs ist zum Beispiel Klavier gelandet, weil es halt ein super schönes, warmes Instrument ist. Das war so der Plan.

Wie würdest Du beschreiben, was du inhaltlich darauf machst? Was ist der rote Faden darauf?

Ich bin kein Mittzwanziger mehr, sondern Endzwanziger, Dreißiger und ich glaube, da sind einfach andere Fragen, die sich stellen. Es ist nicht mehr alles nur leicht. Es war vielleicht auch vorher nicht alles leicht, aber jetzt sind die Fragen: „Wo soll es denn hingehen? Was mach ich denn mit meiner Zeit? Wie verdiene ich denn mein Geld? Wo pass ich denn überhaupt hin? Mit wem will ich mein Leben, meine Zeit verbringen?“. Vielleicht einfach Fragen, wie sagt man so schön…?

Chrissie von Audiolith: Midlife-Crisis?

Nee! [lacht] So an Abzweigungen… Ausfahrten, Gabelungen, Abzweigungen des Lebens. Weichenstellzeit!

Hast du denn bloß das Gefühl, dass Du nun diese Entscheidungen treffen müsstest, oder gibt es konkrete Situationen in denen Du Dich fragen musst: „Was mach ich?“.

Nee, sehr konkret. Ich hab das Gefühl, es gibt Sachen, die man eintüten muss und vielleicht auch Stücke vom Kuchen, die man sich holen muss, weil sie nicht zu einem kommen. Auf jeden Fall sehr konkret, ja.

Man hört es aber auch auf fast jedem Song, dass du Angst hast in so ein bürgerliches Milieu zu kommen.

Echt? Das wurde ich jetzt schon zwei Mal gefragt…

Worauf ich hinaus möchte…

Ob ich Angst habe bürgerlich zu werden? Nee, überhaupt nicht.

Du hast auch noch nie bürgerlich gelebt!

„Ich lebe alles andere als bürgerlich“

Nee, ich glaube, ich lebe alles andere als bürgerlich. Ich beweg mich sehr frei, mache wenige Kompromisse und bezahl den Preis. Tatsächlich ist es überhaupt nicht meine Angst. Es ist so, dass man natürlich den Druck spürt. Dass man die Konsequenzen tragen muss, wenn man halt nicht ganz mitspielt. Wenn man einen Weg geht, der nicht nur mit Geld oder mit Lebenslauffüllendem bezahlt wird. Aber den Druck, den würde ich jetzt nur als bedrohlich wahrnehmen, wenn ich das Gefühl hätte, ich würde damit nicht gehört werden. Oder ich hätte gar keinen Erfolg. Oder es ist eine ziemliche Scheißnummer, die ich hier gerade fahre. Da das aber alles gerade okay läuft und ich das Gefühl hab, dass man Leute erreicht, ist damit alles ausgezahlt, was die Zweifel auf den Tisch legen.

Was ich interessant fand und weshalb ich auf das Thema zu sprechen gekommen bin: Es klingt so, als wärst Du derjenige, der den Büro-Job hat, dort feststeckt und bereits all die falschen Entscheidungen getroffen hat. Wie kommt das, obwohl Du ja gar nicht in dieser Situation steckst?

Vielleicht sind das einfach Perspektivenübernahmen. Ich hatte definitiv noch keinen Büro-Job und will auch nie einen haben. Das ist interessant, dass Du das so herausarbeitest. So hab ich das noch nicht gesehen. Vielleicht sind das eher Sachen, die ich aktiv ablehne. Ich kenn Leute, die so arbeiten und ich bin ein krass aktiver Beobachter. Und ich fahr auch U-Bahn…

Auch um 07:00 Uhr, wenn die Leute zur Arbeit fahren?

Ja, wenn ich nach Hause komme! Und ich seh halt so krass geknickte Leute. Die sehen so lustlos aus und ausgepumpt. Verzweifelt. Die haben vielleicht den Freiraum nicht gefunden und die Orte, wo man sich zurückziehen, ein bisschen erholen kann. Das ist 100% Perspektivenübernahme, wenn ich davon spreche, dass wir sozusagen im Uhrzeigersinn leben und die Zeit uns alles angibt, und wir ackern und die Zeit läuft uns davon und bla bla. Das ist nicht mein Leben.

„Man sieht, wie die Menschen verschrumpeln“

Natürlich gibt es Momente, wo ich das Gefühl habe, ich bin nur am Ackern und mach gerade nicht das, was ich möchte. Aber so ist mein Leben strukturell nicht ausgerichtet. Ich finde es einfach nur total schlimm, wenn es so wäre. So spreche ich halt über das, was ich so sehe. Das muss kein Büro-Job sein, sondern kann auch ein Putz-Job sein. Irgendwas, wo sich die Menschen nicht verwirklichen. Dann sieht man, wie die verschrumpeln.

Ein Kollege von mir versucht in München gerade Fuß zu fassen in einer Werbefirma und für den ist das der Traum schlechthin.

Ich muss echt sagen, ich arbeite ja noch nebenbei, weil die Mukke auch echt nicht sicher genug ist und ich möchte mich nicht drauf verlassen müssen. So kann ich machen, was ich will. Aber ich hab auch schon mal in so einem Marketing-Werbungskram was gemacht und hab gerade erst jetzt ein krasses Angebot abgelehnt, was Kohle angeht, weil ich das Gefühl hab: „Ich möchte das nicht“. Ich möchte einfach integer bleiben. Ich möchte Sachen machen, die ich wirklich vertreten kann und nicht irgendeinen Scheiß bewerben. Insofern: Es lockt mich nicht. Dann hock ich lieber da und denk: „Wie soll das alles gehen?“ anstatt, dass ich denke: „Was mach ich hier überhaupt?“.

Denkst Du denn, dass Du auch mit der Musik noch einen finanziellen Schritt machen könntest? Bei dem, was du jetzt musikalisch alles da rein gesteckt hast…

Keine Ahnung. Das wäre natürlich cool, aber ich warte nach wie vor nicht darauf mit dem Album 10.000 Platten zu verkaufen, damit ich mir danach ein Auto kaufen kann. Ich glaube, ich bin zurückhaltend, was deine Frage angeht. Ich mach das schon viel zu lang und hab mich schon oft viel zu früh gefreut und das soll auch nicht super prekär klingen – ist auch nicht schlimm oder so – aber: Ich mach das nicht deswegen und deshalb zähle ich nicht auf das Geld. Ich mach andere Sachen, die mich absichern. Wenn da Geld kommt, ist das cool und das hoff ich auch, weil da mittlerweile eine Menge drinsteht. Aber es ist nicht mein Pferd, auf das ich setze: „So, mit dem Album muss es jetzt passieren, sonst bin ich frustriert“. Es geht um andere Sachen. Wenn es keiner hört, wenn es keinen interessiert und ich merke, es ist in die Luft geschossen, dann bin ich enttäuscht. Aber wenn ich merke, ich kann davon nicht leben; tja, dann ist es halt so.

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Foto: Lorenz Koch

Zufälligerweise war ich vor wenigen Wochen noch auf dem Dockville Festival unterwegs, und neben den Antilopen und Marsimoto hatte Kobito die gefühlt größte Menge an Merchandise unter das Volk gebracht. Er wundert sich: „So viele haben wir ja gar nicht verkauft“, gibt letztendlich dann doch zu, dass mittlerweile auch ein paar Euros rumkommen. Dennoch gab es auch eine Zeit, in der Kobito in den linken Zentren der Bundesrepublik unterwegs war. Die Erlebnisse verarbeitet Kobito auf dem Song „Schlechter Scherz“.

Das war eine super schöne Zeit. Das muss man als erstes sagen. Das ist unglaublich gut. Sag ich ja auch auf „100.000 Kilometer“: „So viele Geschichten und Szenen, ich könnt immer noch erzählen“ [Anm. d. Verf.: Oder so ähnlich]. Das ist ja das Beste, das macht ja alles aus, was ich bin. Es war übelst lustig und wir haben Dinge erlebt, die andere Leute nie erleben. Übercool. Niemals zweifeln.

„Das macht alles aus, was ich bin“

Aber zu „Schlechter Scherz“ muss man auch sagen: Refpolk und ich haben ja als Schlagzeiln früher Mukke gemacht und wir haben eigentlich alle Themen immer hochironisch und zynisch bearbeitet. Und deshalb war es für uns relativ klar, dass wir keinen Song machen können wo wir sagen: „Oh man, Junge, war das alles schön früher!“, sondern dass es einen Twist haben muss und dieser ist ja dann die Hook, der Refrain. Den hab ich übrigens erst einen Tag vor Studio zu Hause geschrieben, dieses: „Wir sind für immer Jungs, brauchen kein Geld, denn wir leben von Kunst. Wir sind für immer jung, glauben an gar nichts, wir glauben nur uns“.

„Der Song ist ein lieb gemeinter Fuck-Finger”

Das ist einfach nur eine etwas zynische Abrechnung damit, was man alles so reingegeben hat. Und man hätte natürlich seine Zeit klüger verbringen können, wenn man nur aufs Konto gucken würde. Und gleichzeitig ist es ehrlich gesagt auch eine Reaktion auf Kritik, die von außen kam, wo in der eigenen Szene sozusagen Leute plötzlich anfangen gegen einen zu schießen und sagen: „Jetzt seid ihr voll die Stars und sellout“. Da hab ich gedacht, da müssen wir diesen Song schreiben, wo ich auch sage: „Heute schreien sie »Kommerz!«. Ich guck auf mein Konto: Schlechter Scherz!“. Weißte? Das ist alles, was man dazu sagen kann. Wer kann mir schon sagen, dass ich sellout bin, nur weil ich versuche irgendwie Leute zu erreichen? Ich mach offensichtlich immer noch nicht die Geschichte für Geld, denn sonst würde es einfach anders klingen. Der Song ist einfach nur ein lieb gemeinter Fuck-Finger in Richtung solcher Kritik.

Ich vermeide es, weiter auf dieser elendigen Zecken-Rap-Geschichte rumzukauen. Kobito ist sichtlich dankbar. Zu häufig werden Schubladen aufgemacht, aus denen sich der Künstler nur selten befreien kann. Kobito der Zecken-Rapper? Das würde einem Album wie „Für Einen Moment Perfekt“ nicht gerecht werden, geht es doch um viel mehr, als bloß Politik. Ich komme auf die wenig lesenswerte Diskussionsrunde im aktuellen Juice-Magazin zu sprechen, in der auch über Haftbefehl gesprochen wurde.

Haftbefehl hab ich auf jeden Fall eine Weile lang gepumpt. Fand ich schon krass als es rauskam, dieses „Russisch Roulette“. Ich mein, da hab ich schon immer einen anderen Zugang. Klar bin ich so oder so erstmal Hip-Hop-Fan. Dann fucken mich einige Sachen natürlich ab, die er da erzählt und die Art, wie er darüber redet. Auf jeden Fall. Aber gleichzeitig versuch ich auch immer zu verstehen, was er da jetzt neu gemacht hat. Das ist das Spezielle daran. Und gerade bei Hafti muss man halt echt sagen, der hat ja einfach eine totale Tür aufgestoßen für einen kompletten Stil. Eine Art zu Reden. Hat ein eigenes Vokabular mitgebracht, hat eine Attitüde mitgebracht und das fand ich schon interessant zu checken und hat mich schon auch mitgenommen.

Es gibt zum Beispiel Songs, wie „1999 Pt.1“. Da erzählt er, wie sein Tag beginnt. Kippe rauchen am Fenster, traurige Aussicht, bla bla so. Bunkert sein Gras woanders, weil es letzte Woche seine Tante gefunden hat [Anm. d. Verf.: Eigentlich aus „1999 Pt.2“]. Das ist der beste Song auf dem Album, finde ich. Nicht diese ganzen „Ratatatat – ich schieß in die Luft“, sondern die Tristesse von so einem komischen Dealer-Leben. Das sind meiner Meinung nach die besten Momente in so einem Hafti-Album. Und da zieh ich schon meinen Hut vor. Der ganze Rest, da kann man drüber diskutieren und meine Kritikpunkte sind glaub ich an 100.000 Stellen gesagt worden. Aber der bringt schon auch was dazu, also das ist durchaus gerechtfertigt.

Aber es gibt ja auch Zeilen, über die man sich streiten kann. Ignorierst Du das einfach? Zum Beispiel diese Rothschild-Adlibs auf „Unzensiert“.

Klar, ich ignoriere das nicht. Ich weiß das und ich hab tatsächlich die Diskussion um den Antisemitismusvorwurf verfolgt. Dazu hat er sich ja auch geäußert. Hat er für mich nicht so richtig aus dem Weg räumen können und auch so Sachen wie „Free Palestine, Boykott Israel“ find ich nicht geil. Und ja, gleichzeitig muss ich zu dem stehen, was ich gerade gesagt habe. Ich funktionier nicht so inhaltlich. Da sagt einer etwas, was ich scheiße finde, stell das in die Ecke und das ist pfui. Sondern wenn es eine musikalische Innovation hat, dann versuch ich zu verstehen: Was ist das, wie macht der das? Und ich kann den Teil der Arbeit geil finden. Denn ganz ehrlich: Wenn ich das nicht machen würde, was könnte ich denn dann hören im Rap? Dann könnte ich gar nichts hören. Dann könnte ich nicht das hören, was ich feier. Das ist für mich keine Option, ich liebe Rap.

Ich kann nicht ein Album hören, aber an der einen Stelle sagt der dies und das und dann schmeiß ich das Album weg – dann hab ich nichts zum Hören! Und deshalb ist „abgestumpft“ oder „ignorieren“ nicht der richtige Begriff, aber „einordnen“. Richtig einordnen. Und ganz ehrlich: Ich kann auch einen Song von 50 Cent geil finden; oder Rihanna, kann ich auch gut finden – immer in der richtigen Einordnung. Ich weiß, wo er steht. Ich weiß, wofür er steht und ich weiß, was mir daran nicht gefällt. Aber es gibt eben auch Sachen, die er richtig macht – Stimmeinsatz zum Beispiel. Richtig krass. Von ganz tief bis ganz hoch. Der hat seine Stimme super im Griff, find ich beeindruckend.

Wo wir schon beim Thema Technik sind: In Deinem Pressetext steht sowas von „Solider Rap“ drin. Hat Dich das gekränkt?

Solide ist doch stabil. Ist doch solide…

Für mich klang das jetzt nicht sehr aufsehenerregend.

Ich weiß nicht. Ich glaub ich rappe auch nicht aufsehenerregend. Das ist auch gar nicht das Ziel.

Aber mehr als solide würde ich behaupten!

Ja, danke! [Zum Label-Mensch gewandt: Lass uns das nächstes Mal „stabil“ schreiben!].

Würdest Du Dich denn nur als „solide“ einordnen?

Nö. Ich glaub, ich bin inzwischen gut. Auf jeden Fall. Ich habe lange geübt und bin inzwischen gut. Was nicht heißt, dass ich nicht noch meine Schwachstellen hab. Storytelling ist schon mehr meine Stärke, als krasse Double-times oder so. Sowas wie Reimschemata hab ich mich schon mit beschäftigt und kann ich inzwischen echt gut. Die auch keiner kapiert, aber jeder fühlt. Das ist auf jeden Fall ein Anspruch, also ich hab einen großen technischen Anspruch.

„Ich habe lange geübt und bin inzwischen gut”

Aber es ist nie mein Anspruch gewesen, jetzt 48-fach Reime in Triple-time zu bringen, weil ich das Gefühl hab, das sind Sachen, die sind wie ein Blitz-Effekt: Sie machen einen kurz high und beeindrucken, aber berühren tun sie mich nicht. Dann denk ich: „Okay, krass. Das kannst Du echt gut“, aber ich werd mir den Song nicht nochmal anhören, wenn er nicht inhaltlich toll ist. Oder wenn er nicht Delivery hat oder irgendein Gefühl dazu. Das andere ist meine Stärke. Wortspiele und Stories. Ich kann zwar das eine, aber mach es nicht die ganze Zeit und konzentriere mich auf was Anderes, weil ich etwas machen möchte, was mich berührt und mich berührt kein Technik-Rap.

Zum Abschluss: Hast Du noch einen musikalischen Tipp?

Auf jeden Fall Frank Ocean. „Blonde“. Für das Album hab ich mir iTunes runtergeladen und es gekauft, weil ich es unbedingt haben muss. Und es ist krass. Es ist überkrass. Schon bei „Channel Orange“ hat er mich monatelang begleitet und das neue Album ist wieder unglaublich. Der hat eine Art Sound zu kreieren und eine Atmosphäre zu schaffen. Texte versteh ich bei dem gar nicht, ehrlich gesagt. Ich hab keine Ahnung worüber der redet, bis ich genius.com besucht hab, weil der so kryptisch schreibt. Aber ist irgendwie auch egal. Das sollte man sich auf jeden Fall anhören.

Was sollte man sich noch anhören? Es gibt einen Typen, der heißt Redders aus UK. Total kleine, unbekannte Nummer. Hat mir ein Kumpel, DJ Forster Ctrl empfohlen und das ist so UK-Grime-Dancehall-Kram. So richtig Garagen-Mukke. Kann man sich in so einem kleinen Klub vorstellen. Mega rotzig und abgebrannt. Find ich geil. Das war mein zweiter Typ. Und halt Skepta. Da kommt man nicht drum herum – oh mein Gott! „It Ain’t Safe“, ich geh kaputt. Inhaltlich muss man auch schon wieder Abstriche machen, aber Skepta hat eine Energie und eine Präsenz und Story dahinter mit dieser „Roll Deep / Boy Betta Know“-Geschichte einfach 20 Jahre zurück.

Abschließende Worte?

Checkt mal das Album. Checkt den mal aus, weil ich glaube, dass das gut geworden ist. Eigentlich wünsche ich mir am Liebsten, dass die Leute überhaupt nichts mehr darüber oder über mich lesen, sich Gedanken machen, was für eine Kategorie ich bin oder was ich für ein Rapper bin. Bin ich jetzt Zecken-Rapper, Conscious-Rapper, Berlin-Rapper oder What-The-Fuck-Rapper. Ich wünsch mir einfach offene Ohren, so wie jeder, der Kunst macht. Hört mal rein! Ist, glaub ich, eine runde Sache geworden. MisterMo und Riffsn gebührt ein Oscar. Äh, ein Grammy!

Dankeschön und viel Erfolg!


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Wir hängen noch ein paar Minuten ab und warten draußen bei bestem Wetter auf den nächsten Interview-Partner. Irgendwie bin ich nach einem langen, anstrengenden Tag und einem geglückten Interview sehr zufrieden mit mir. Irgendwie „Für Einen Moment Perfekt“.

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