Locas in Love

„Mittlerweile sind all meine Großeltern tot.” Mit einem Satz wie diesem beginnt ja nicht gerade jede Band ihr Album. Doch wie viel Ehrlichkeit soll bei der Gruppe Locas in Love denn noch erstaunen? Seit jeher steht die Band um Björn Sonnenberg für Songs, die direkt dem Seelenleben des Kölner Sängers und Songwriters zu entspringen scheinen und mit ihrer sachlichen Emotionalität immer wieder die eigenen Gedanken und Empfindungen perfekt einzufangen scheinen. Damit ist es also gar nicht so verwunderlich, dass Sonnenbergs erste Worte auf der neuen LP „Kalender” vom Zerfall, von der Sehnsucht, vom Tod handeln. Wie bereits in Songs wie „Monkey” oder dem erst Anfang des Jahres erschienenen Nachfolger „Affe” wünscht sein Ich-Erzähler sich in der Zeit zurück:

„Und man es nie kommen sieht, nie weiß, wann sich verabschieden. Und manchmal, nur ganz selten, hätt‘ ich gern alles zurück, was ich je verloren habe. Um vernünftig Entschuldigung oder Lebewohl zu sagen, oder um über gar nichts zu reden.”

Vom Zerfall schien teilweise auch die Entstehungsgeschichte des im Februar erschienenen Doppelalbums „Use Your Illusion 3 & 4” zu handeln, die die Band später als all zu mühsame, von Zweifeln geprägte Zeit beschrieb. KalenderUmso erfreulicher, dass man sich in den bandeigenen Bear Cave Studio nach Veröffentlichung der hier von uns besprochenen Platte sogleich ans Werk machte, das neue Werk as soon as possible fertigzustellen. Hier ist es nun also: „Kalender”. Der Titel verspricht nicht zu viel: Der LP- als auch CD-Version liegt ein Wandkalendert mit Motiven bei, die von der als bildende Künstlerin tätigen Locas-Bassistin Stefanie Schrank stammen. Welches Label dem Quartett das durchgehen lässt? Warner Music ist es nicht mehr, die letzte Veröffentlichung bleibt zunächst die einzige auf dem Major Label. Stattdessen sind die Locas wieder beim Berliner Indie Staatsakt zu Hause, die ja auch schon Platten zum Selberbekleben veröffentlichte. Ein Kalender liegt hier also gar nicht so fern.

Hört man das folkige „Alphabet”, sorgt man sich kurz um Sonnenbergs enormes Songwritingtalent, denn er fordert: „Ich brauch‘ ein neues Alphabet!” Sind seine Worte wirklich aufgebraucht? Der nächste Song versichert: Nein. Mit „Ultraweiß” hat er sich flugs ein neues Wort gesucht, eines, das man recht selten benutzt, sofern man nicht im Baumarkt Farben verkauft. Aber völlig egal, was man in seinem Leben so macht: Die Lyrics appellieren an jeden Menschen, der denkt!

„Wenn du das hier hörst, brauchst du vor nichts mehr Angst zu haben! Nein, Angst und Wut und Neid, der ganze Quatsch, der dich treibt, ist ein Relikt von anderen Tagen.”

Kreativ zeigt sich Sonnenberg nicht nur bei der Wort-, sonder auch Zahlenwahl: „35 Tausend Millionen Mal habe ich es gehört. Ich glaub‘ es noch immer nicht!” – Ein Satz, der auf vielfache, wunderbare Weise wie aus dem Mund eines Kindes wirkt! Die zur Kenntlichkeit entstellte Milliardensumme, der Trotz, das Beibehalten des eigenen Glaubens. Ähnliche Gedanken kommen bei „Ruinen”, dem besten Song des Albums, in den Kopf:

„Wenn wir für immer auseinandergehen, kannst du mich nicht einfach mitnehmen? Kannst du nicht einfach mitkommen?”

Wie großartig dieser Satz ist! Bei all diesem Festhalten und Sich-nichts-ausreden-lassen-wollen könnte man, wenn man es programmatisch will, fast den Claim „Glaube, Liebe, Hoffnung” über den Bandnamen Locas in Love stempeln. Hier macht dann allerdings „Gebet” einen Strich durch die Rechnung und bittet den Herrn Jesus um handfeste Beweise – „und wenn du das schaffst, glaube ich an deine Kraft!”

Nachdem zuletzt eine ganze Doppelalbumhälfte für Instrumentalstücke aufgehoben wurde, fügen sich diese nun ganz organisch in reduzierter Länge an zwei passenden Stellen von „Kalender” ein. Fremder wirken dagegen zunächst die von Stefanie Schrank gesungenen, experimenteller anmutenden Songs „Oh!” und das wundervolle „Ich bin eine Insel”, auf dem sich der sonst recht geerdete Indiepop-Sound in höhe Sphären aufmacht und mit elektronischem, shoegazigem Klang und Stimmverzerrern zu begeistern weiß.

Kurz vor Schluss proklamiert Björn Sonnenberg seinen Antrieb als Liedtexter: „Ich werde ein Lied für alle schreiben”. An mancher Stelle kam er diesem Wunsch im Verlaufe der zum Kalender passenden zwölf Songs verdächtig nahe – schon wieder! Diese Band überzeugt jedes Mal aufs Neue, dieses Album tut dem ganz sicher keinen Abbruch. Zum Schluss sagen sie noch einmal „Gute Nacht”, was sich wiederum gut einfügt, da dieses Album seine volle Wirkung auch besonders in den ruhigeren, nächtlicheren Stunden entfaltet. Und ich sage: Danke für ein weiteres, sehr großes Werk.

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