Björn Sonnenberg vermutete 2007 im Song „High Pain Drifter“, dass nichts für immer ist und nichts je vorbei. Zu diesem Zeitpunkt hatten er und Stefanie Schrank bereits ihre Erstband Unser Kleiner Dackel a.k.a. The Dackel 5 hinter sich gelassen, einen Lo-Fi-Kellercharme auf die ersten Locas in Love-EPs gebannt und mit dem Debütalbum „What Matters Is The Poem“ ihren deutschsprachigen Indierock schon nahezu perfektioniert. Auf „Saurus“ liefen sie dann mit melancholischen Popsongs wie „Honeymoon Is Over (If You Want)“ zur Höchstform auf. Im selben Jahr veröffentlichte man gemeinsam mit Claire Oelkers als Karpatenhund ein poppig-unbeschwertes Album, auf das zwei Jahre später eine Kehrtwende in Richtung Depression auf dem zweiten und letzten Album „Der Name dieser Band ist Karpatenhund“ folgte. Und auch die Hauptband Locas in Love stand nicht still: Es erschien ein „Winter“-Konzeptalbum, zuletzt erweiterten sie ihren musikalischen Kosmos um Krautrock-Elemente auf „Lemming“ und „Nein!“. Und trotz aller musikalischer Neuerfindungen lässt sich auf jedem Release der Kölner immer noch ihr Frühwerk wiedererkennen – kaum eine Band schafft es hierzulande, Epos und Proberaumfeeling so hervorragend miteinander zu vereinen. Denn ja, nichts ist für immer und nichts je vorbei: Die vier lassen immer wieder neue Einflüsse in ihr Werk und probieren vieles aus, verlieren aber nie den Faden und bleiben ihrem ganz eigenen Stil treu.

Am 20. Februar bringen Locas in Love ihr neues Doppelalbum „Use Your Illusion 3 & 4“ bei Warner Music heraus. Keine Angst: Es hat musikalisch weder mit Guns’n’Roses noch mit Majorlabel-Mainstream zu tun.

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„Use Your Illusion 3“ startet mit dem vorab veröffentlichten, nach vorn preschenden „Blackbox“, in dem Sänger Björn Sonnenberg fast sprechsingend zeigt, dass eines seiner großen Songwritingtalente darin besteht, Privates mit dem großen Ganzen zu verknüpfen: „Und ich, ich bin der Junge, den du nicht Mann nennen sollst, weil das für alles steht, was falsch ist!“

Im stakkatischen, sich aufbäumenden „Teile“ singt Stefanie Schrank: „Je näher ich dem Ende komme, umso mehr schreib‘ ich den Anfang“ und genau so wirkt „Use Your Illusion 3“. Das Album vereint so vieles, was Locas in Love in ferner und näherer Vergangenheit ausgemacht hat. Am stärksten blickt sicher ihr oben erwähntes Album „Saurus“ durch – mit „Neue Sachen“ bringt Sonnenberg den zweiten Teil zu dessen Opener „Sachen“ und ist auch hier schamlos selbstreferenziell (und sogar selbstreferenz-referenziell: „So wie meine Lieder, meine Lovesongs und meine Songs über Hass. Und meine Songs, die davon handeln, Songs zu schreiben.“) Acht Jahre nach dem ersten „Sachen“ kommt das Stück sehr viel getragener, auch verbitterter daher.

Es ist komisch, dass so viele ihren Eltern immer ähnlicher werden. Vor lauter Jobs und Sicherheit und Konstanten im Leben. Und wir noch immer unverändert weiter machen. Mit diesem Kram der uns alles bedeutet. Mit unseren Sachen.

Das bassgetriebene „Affe“ ist ein musikalischer Thriller, der das Blut in den Adern gefrieren lässt, wenn das lyrische Ich merklich den Verstand zu verlieren droht und darüber sinniert, sich „die letzten Jahre nur eingebildet“ zu haben. Gerade in diesem Stück kommt so vieles zusammen: Die Tragik der späten Karpatenhund im Textlichen, Songs wie „Geister“ vom letzten Album im Musikalischen und es liegt nicht fern, dass „Affe“ das zugespitzte Sequel des 2007er Songs „Monkey“ ist. Was damals schon gewaltig war, wirft den Hörer wie den Erzähler hier endgültig aus der Bahn. Ähnlich gelagert ist das melancholische „Durch die Dunkelheit“:

Könnte man doch bloß ins Bett gehen und am nächsten Tag wären alle Dinge, die wir nie sagten, endlich gesagt. Alle Dinge getan, die wir einfach nie taten. Und alles wieder da, was wir auf dem Weg verloren haben. Und ich weiß, wir alle straucheln, wir alle fallen, wir alle scheitern. Doch ich gewöhn‘ mich nicht daran! Es wird einfach nicht leichter!.

Die Texte auf der neuen Locas in Love sind nicht bloß extrem getragen, sie sind schonungslos ehrlich. Wie schon 2012 bei „Ich habe mich schrecklich benommen“ gelingt es auch auf dem folkigen „Es tut mir leid“, harte Selbstreflektion in ein musikalisch leichtes Gewand zu hüllen:

Es tut mir leid, es tut mir so, so, so leid. Ich werde dich enttäuschen, ich werde dich im Stich lassen. Nicht, weil ich es will, sondern, weil ich so bin. Es passiert einfach. Es tut mir leid, es tut mir so, so, so leid.

lied„Use Your Illusion 3“ ist unfassbar emotional, immer on point und immer wieder fast zerschmetternd. Ein Tanz auf dem Vulkan zwischen einwandfreiem Independent Rock/Pop und an der Seele nagenden Texten. „Wir weinten die ganze Nacht, obwohl es keinerlei Grund gab – außer, dass unsere Leben scheiße waren und wir so viel mehr wollten“ – wer das verstehen kann, wird von Locas in Love abgeholt, in einen Sog der Zweifel gerissen und dann gottseidank nicht allein gelassen: „Da ist ein Licht“ beendet das Album mit einer Uptempo-Nummer, die mit dem wohl bekanntesten The Smiths-Zitat überhaupt gespickt ist. Ihr wisst schon. Und hier wird der Hörer endlich aufgefangen und die Tränen weggewischt – bitter nötig nach einem Hördurchgang dieses fulminanten Albums.

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Locas in Love machen noch keinen Punkt hinter den elf Songs plus traditionellem Field Recording-Bonustrack. Auf „Use Your Illusion 4“ müssen Björn Sonnenberg, Stefanie Schrank, Jan-Niklas Jansen und die reaktivierte Drummerin Saskia v. Klitzing ohne die gewohnte Wortgewaltigkeit auskommen und fügen ihrem bisher besten Album eine zweite CD hinzu. Wieder sind elf Songs enthalten, diesmal jedoch vollkommen instrumental. Doch wo andere Bands ihre Alben einfach um die Gesangsspuren reduzieren und als Bonus-CDs in fragwürdigen Special Editions beilegen, haben Locas in Love einfach ein komplett autarkes Extra-Album aufgenommen, ohne das Material von „Use Your Illusion 3“ dafür zu nutzen. Eine Special Edition gibt es für das Doppelalbum übrigens trotzdem, in bester Locas-Manier wurde aber auch hier einiges an Liebe hereingesteckt: Die Box ist von der Band selbst besiebdruckt worden und enthält unter anderem eine von Stefanie Schrank angefertigte Dinobot-Figur. Jeder Fan bekommt zudem ein kleines Stück aus der Entstehungsphase der 2LP, eine Gitarrensaite beispielsweise.

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„Use Your Illusion 4“ nimmt uns mit auf eine Reise in der Kölner Stadtbahn, wie die nach Straßen vergebenen Songtitel verraten. Ob es am „Wiener Platz“ so bedrohlich zugeht, wie im gleichnamigen Stück, vermag ich leider nicht zu sagen, doch das soll unsere Sorge nicht sein, denn auch ohne Kenntnis über die Stationen der KVB sprechen die wortlosen Songs Bände. An der „Trimbornstraße“ gibt es eine Verfolgungsjagd zwischen krautrockigem Schlagzeug und röhrender Bassgitarre, die Station „Geldernstraße / Parkgürtel“ steht im Zeichen von experimentellen Elektroklängen und einem treibenden Beat. Am „Frankenbad“ wird es stiller, man fühlt sich von den Instrumenten in höhere Sphären getragen.

Songgerüste wie „Christophstraße / Mediapark“ hätten sicher auch als Grundlage für Songs auf „Lemming“ dienen können, denn auf den Instrumentalstücken zeigen sich Locas in Love von ihrer Kraut-affinen Seite und mischen diese mit Experimenten, die sie zuvor eher nicht gewagt haben. Doch auch ohne Gesang gelingt es ihnen auf Songs wie „Keupstraße“ und dem ausufernden „Ebertplatz“, Emotionen ebenso nahezubringen, wie schon eine Dreiviertelstunde zuvor auf „Use Your Illusion 3“.

Auf diesem Doppelalbum passt wirklich alles. Es reiht sich fast schon wie das letzte, fehlende Puzzlestück in die Locas-Diskografie ein und könnte der perfekte Abgang sein. Nie zog das Quartett mehr in den Bann, nie waren sie vielschichtiger. Aber wenn Locas in Love mit „Use Your Illusion 3 & 4“ einen Schlussstrich zögen, würden sie zwar ihr Gesamtwerk mit einem Rumms beschließen, hätten aber auch mehr denn je klar gemacht, dass sie in der hiesigen Musiklandschaft gebraucht werden. Deshalb darf und wird es hier auch nicht aufhören, denn schon bei der Ankündigung der Platte im Band-Newsletter ließen Locas in Love fallen, wie viel weiteres Material bereits aufgenommen wurde und wird. Und das hellt die Stimmung nach diesem emotionsdurchtränkten Meisterwerk auf. „Da ist ein Licht, das niemals ausgeht!“

So bleibt nur zu sagen: Danke für dieses Doppelalbum und die Aussicht auf viele neue Projekte, Experimente, Werke. I am in love with Locas.