Foto: Sebastian Igel

Das Oakfield Festival hatte dieses Jahr leider mit einigen Absagen zu kämpfen. Das Schöne allerdings ist, wenn auf einmal eine Band wie Lygo als Ersatz einspringt und mir ein Leuchten in die Augen zaubert. Ich habe keine drei Sekunden überlegt als ich davon erfahren habe und die Jungs direkt gefragt, ob sie Lust auf ein Interview hätten – und was soll ich sagen – sie haben „Ja“ gesagt!

Lygo ist eine dreiköpfige Band aus Bonn und ist mir zum ersten Mal im Vorprogramm von Heisskalt über den Weg gelaufen. Der Punkrock inklusive großartigem Schrei-Gesang, fantastischen Texten und einer ordentlichen Portion Wumms hat mich auf Anhieb überzeugt, weshalb ich sie ganz besonders live sehr, sehr gerne erlebe.

Nach ihrem Auftritt auf dem Oakfield, habe ich mich mit Simon, Jan und Daniel zusammengesetzt und mit ihnen unter anderem über ihre erste Tour, Küsschen und Diebstahl gesprochen.

Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Ihr seid eine Band, die häufig noch als Geheimtipp fungiert, findet ihr das auf Dauer eher nervig oder von Vorteil?

Jan: Ich finde das eigentlich ganz angenehm und ganz spannend, dass man immer noch so wahrgenommen wird, als wenn man gerade neu die Bühnen erobert. Aber uns gibt es schon ziemlich lange, deswegen ist es eigentlich ganz schön und ganz erfrischend, dass man nicht als eine Band abgestempelt wird, die es schon lange gibt und eigentlich gar nicht so spannend ist.

Aber wenn man eine Band ist, die es schon lange gibt, ist es ja auch nicht schlecht.

Simon: Aber ich denke auch, wenn man als Geheimtipp bezeichnet wird, dann heißt das auch eher, dass die Leute ohne Erwartungen kommen und wenn es dann halt cool ist, ist es eher eine Überraschung. Wenn die Leute schon mit Erwartungen kommen und es eine gute Band ist und man spielt ein gutes Konzert, dann ist einfach nur die Erwartung erfüllt und na ja … es haut einen aber nicht vom Hocker.

Wer wäre denn euer Geheimtipp?

Jan: Boah! Ist Lirr noch ein Geheimtipp?

Simon: Ich glaub so ähnlich wie wir (lacht).

Nichts gegen Lirr! Aber ich glaube schon, dass ihr eine Treppe höher seid.

Simon: Ja, die haben einen Tonträger weniger!

Jan: Ich finde es kommt immer drauf an mit wem man redet, in einer bestimmten Szene in der man sich bewegt, kennen viele Leute andere Bands ja schon. Aber ich glaube außerhalb so einer Szene würde ich Lirr definitiv als Geheimtipp sehen.

Simon: Und Blut Hirn Schranke können wir vielleicht noch nennen, weil die tatsächlich noch nicht so lange unterwegs sind. Die haben halt ein Album draußen und stehen gerade in den Startlöchern. Finden wir alle sehr gut!

Jan: Dann muss man aber auch noch Ein Gutes Pferd nennen!

Die hattet ihr doch auch mit auf Tour oder?

Jan: Alle drei Bands!

Simon: Ach, stimmt! Lirr in Hamburg, Blut Hirn Schranke war die erste Hälfte mit und Ein gutes Pferd die zweite.

Also all eure Support Bands sind Geheimtipps.

Jan: Ja! Weil wir die selber abfeiern!

Jan und Simon, ihr beide seid ja die Sänger. Nun brüllt ihr euch auf der Bühne die Seele aus dem Leib, bedarf das eines gewissen Trainings oder muss man da auf bestimmte Sachen aufpassen, vielleicht nicht so viel rauchen oder so?

Simon: Ja, also Jan raucht gar nicht, ich rauche immer an den Tagen vor den Konzerten nicht, sondern erst danach, das hilft auf jeden Fall um mehr Ausdauer zu haben.

„Wir haben es nicht gelernt, das ist einfach über die Jahre zusammengekommen.”

Wenn man viel spielt, dann muss man sich halt einen Weg überlegen oder einen Weg finden, wie es funktioniert länger zu spielen oder mehrere Konzerte hintereinander zu spielen. Das hat auch am Anfang nicht funktioniert, da war man dann nach einem halben Set stimmtot. Mittlerweile klappt es eine Stunde, das hätten wir uns nie vorstellen können und vielleicht klappt es ja auch mal eineinhalb Stunden oder so.

Jan: Das Angenehme bei uns ist, das wir uns ja auch immer abwechseln. Das heißt, dass nicht einer immer durchgehend durchpowern muss durch die Abwechslung in den Songs selbst und im Set, das ist dann nicht ganz so anstrengend.

Glaubt ihr, dass Punk wehtun muss?

Daniel: Muss nicht, aber wenn man Bock drauf hat, dann kann es gerne wehtun. Muss jeder für sich selbst entscheiden. Da würde ich jetzt nicht sagen, Punk muss wehtun. Manchmal tut es weh … wenn wir Punk machen sollten …

Simon: Ja genau, das wollte ich gerade sagen. Wir bezeichnen uns selber auch nicht als Punks und unsere Musik dann auch eher als Punkrock, weil es musikalisch eher verlinkt ist. Also Punkrock muss wehtun (lacht).

Jan: Bei Punk muss man das differenzieren, bei Punkrock nicht, da muss es wehtun. (alle lachen)

Ihr ward vor kurzem auf Tour und wie vorhin schon erwähnt, auch in Hamburg. Das war ja das erste Konzert das ausverkauft war. Was glaubt ihr, was in Hamburg so gut ankommt? Oder warum eure Musik in Hamburg so gut ankommt?

Sebastian (Fotograf): (ganz leise) weil Hamburg keinen Geschmack hat (alle lachen).

Weil Hamburg richtig guten Geschmack hat!

Simon: Stimme aus dem Off!

Jan: Sebastian in Klammern Fotograf „weil Hamburg keinen Geschmack hat.“

Daniel: Also Hamburg ist ja eine sehr große Stadt und wir haben in einem sehr kleinen Laden gespielt (alle lachen) …

Achso, deshalb war das so schnell ausverkauft …

Daniel: … natürlich waren wir auch überrascht, dass es vorher ausverkauft war, aber ich denke, in Hamburg kommt solche Musik auch ganz gut an, da gibt’s vielleicht ein paar mehr Leute die das hören. Wie gesagt, große Stadt, kleiner Laden.

Jan: Große Szene.

Aber ihr hattet zwischendurch ja bestimmt auch noch größere Läden.

Jan: Größere Läden … Ja … In Berlin haben wir zwei Tage später glaube ich gespielt, im Zukunft. Das war zwar nicht ausverkauft aber das war von der Personenzahl her schon größer. Ich glaube aber auch, dass gerade in Hamburg – jede Stadt hat ja so seine Szene – Hamburg ist da einfach angenehm zu spielen weil es einfach Leute gibt, bei denen solche Musik ankommt.

Simon: Das bestbesuchte Konzert war aber Münster. Das war der Tourabschluss und da waren ca. 170 Leute da. Das war auf jeden Fall jetzt eine größere Überraschung als das in Hamburg.

Ihr habt euch ja auch den kleinsten Laden in Hamburg ausgesucht.

Simon: Joa, aber ist ja trotzdem schön, etwas auszuverkaufen, so ist es ja nicht! (lacht).

Gibt es denn mittlerweile Songs, die ihr nicht mehr spielen wollt oder auf die ihr keine Lust mehr habt?

Jan: Ja!

Simon: Also vom Album gibt es schon ein paar Songs, die sind jetzt auch dann teilweise vor fünf/sechs Jahren geschrieben … und wenn man die dann irgendwie hundert Mal live gespielt hat, dann ist das nicht mehr so geil die live zu spielen wie am Anfang.

„Und es gibt auch zwei bis drei Songs, die wir in letzter Zeit gar nicht mehr gespielt haben.”

Aber das kommt auch so hin, wenn wir halt eine Stunde spielen – länger spielen wir bisher nicht – dass wir das dann mit anderen Songs füllen und dann nimmt man natürlich die, die man am liebsten mag. Prinzipiell würden wir auch alles noch mal spielen, also theoretisch.

Wenn ihr auf Tour seid, was vermisst ihr dann am meisten von zuhause.

Daniel: Den Schlaf!

Jan: Zuhause auskatern! Ich hasse es unterwegs im Auto auszukatern, da weine ich auch immer sehr viel.

Simon: Also ich vermisse im Moment eigentlich nichts. Wir haben noch nicht so viel getourt und alle durchgehenden Touren, die wir bisher gespielt haben, waren alle super spannend und machen eigentlich immer Bock auf mehr – und eigentlich hat man am Ende jeder Tour noch Bock weiter zu fahren.

Was ist der beste Gegenstand, den ihr jemals geklaut oder gekauft habt?

Simon: Wir waren vor drei Wochen beim Woodstick Festival und da war neben einem Parkplatz so ein bisschen Schrott gelagert und da haben wir den Kopf von einer Skulptur mitgenommen. Das war ein Kranich oder ein Storch, wir sind uns nicht ganz sicher, aber es sah schon sehr nach Storch aus. Und da wir ja ein Lied haben, das „Störche“ heißt, fanden wir das sehr schön und haben das mitgenommen und haben das jetzt im Proberaum. Wir haben auch noch keine Verwendung dafür, aber das fand ich schon den schönsten Gegenstand den wir geklaut haben. Ansonsten klauen wir gerne Handtücher, bringen die aber auch gerne bei anderen Veranstaltern wieder mit.

Kann man Handtücher klauen?

Simon: Bühnenhandtücher kann man klauen, aber man bringt ja auch manchmal ein Bühnenhandtuch mit und lässt es versehentlich im Laden und dann ist es quasi eine Nullnummer.

Jan: Die rotieren dann quasi einfach nur durch Deutschland.

Ich glaube es gibt nicht so viel Bands, die so nett sind und ihre Handtücher wieder mitbringen.

Simon: Na ja, sonst hat man ja irgendwann 20 zuhause, die braucht ja auch keiner (alle lachen).

Was macht euch mehr Angst? Freiheit oder Sicherheit?

(lange Pause – alle überlegen angestrengt)

Simon: Also wenn man es für den privaten Bereich nimmt – so Lebensentwurf und so – dann macht mir glaube ich, Freiheit oder mangelnde Sicherheit mehr Angst, aber ich probiere mutige Schritte in Richtung Unsicherheit zu gehen. Also wenn Freiheit das Gegenstück von Sicherheit ist, dann halt in Richtung Freiheit.

[Stille]

Ok, ich mach einfach die nächste Frage. Ich hab vorhin mit einem Typen gesprochen und er meinte, ich solle euch fragen, warum ihr euch so wenig auf der Bühne küsst? Es sollte mehr Homosexualität auf der Bühne existieren.

Jan: Hat er das heute gefragt oder hat er uns schon öfter gesehen? Heute könnte ich nämlich behaupten, weil ich krank bin haben wir uns nicht geküsst. Aber … haben wir das schon mal gemacht?

Simon: Wir haben uns schon mal auf der Bühne geküsst, aber ja … sowas als modisches Muss oder als Mutprobe zu sehen oder so finden wir auch alle nicht besonders cool. Freundschaftliche Küsse gibt’s aber hin und wieder, auf und neben der Bühne!

Daniel: Meistens ist irgendwie ein Instrument dazwischen, was es dann schwierig macht.

Ich glaube beim Schlagzeuger ist es allgemein schwierig.

Daniel: Ach … ja, aber im Nachhinein oder vorher gibt’s auch immer ein paar Küsschen. Auf jeden Fall, würde ich schon sagen, oder?

Wie geht es denn jetzt bei euch weiter? Habt ihr Pläne für ein neues Album oder so?

Sebastian (Fotograf): Lygo lösen sich auf und 2019 kommt eine Reunion-Tour!

Jan: Warum erzählst du jetzt den Masterplan?

Daniel: Tatsächlich schreiben wir an einem neuen Album, sind fleißig dabei. Höchstwahrscheinlich kann man etwas irgendwann im nächsten Jahr erwarten. Also es ist in Planung.

Simon: Es ist noch nicht fertig geschrieben, deshalb kann man schwierig sagen wann es rauskommt, weil wir jetzt nicht so sind, dass wir einen Veröffentlichungstermin setzen und dann unbedingt rechtzeitig fertig sind. Aber wir sind auf sehr gutem Wege.

Ok, dann komme ich zu meiner letzten Frage. Was sind die besten Ravioli?

Lygo waren in einem Beitrag vom ZDF Wiso über die besten Ravioli zu sehen:

https://www.zdf.de/verbraucher/wiso/ravioli-im-teuer-oder-billig-check-100.html

(alle lachen)

Simon: Also ich hab sehr lange keine Ravioli mehr gegessen, aber früher auf Festivals waren es dann aus finanziellen Gründen die billigen von Ja!, glaube ich.

Hatten die nicht den letzten Platz?

Simon: Ne, Lidl oder? Waren die nicht sogar ganz ok?

[Diskussionen darüber, wer welchen Platz gemacht hat]

Simon: Auf jeden Fall bin ich in letzter Zeit eher bei Gnocchi gelandet, die kann man echt super einfach machen! Die wirft man ins Wasser und wenn die hochkommen nach zwei Minuten, dann sind die schon fertig. Dann wirft man die in die Pfanne, ein bisschen Gemüse dazu – sehr gut für Leute, die nicht so gut kochen können, wie mich, weil das gelingt eigentlich immer!

Wollt ihr noch etwas loswerden?

Simon: Geht mehr auf Festivals

Daniel: Schützt eure Ohren bei Konzerten!

Das hat noch nie jemand gesagt, das ist gut!

Simon: Und benutzt Kondome beim Sex!

Das hat auch noch nie jemand gesagt, alles klar! Dankeschön!


Vielen lieben Dank für das nette Interview, ich freue mich schon jetzt auf euren Auftritt beim RBF17!

Wer Lygo live erleben möchte, sollte sich unbedingt ein Ticket für das Reeperbahn Festival besorgen, denn dort werden sie am 23.09. um 20:00 Uhr im Molotow auf der Bühne stehen.

(Visited 341 times, 1 visits today)