Foto: Nico Wöhrle

Foto: Nico Wöhrle

Wer ist eigentlicht dieser Maeckes? Der adrette junge Mann da oben? Nee, das isser nicht. Das sagt er jedenfalls seit Urzeiten von sich selbst: „Ich bin nicht Maeckes“. Immer wieder fällt diese Zeile der Selbstverleumdung, der Abkopplung der Person Markus Winter vom Sprechgesangskünstler Maeckes, halb im Punchline-Spaß, halb im Selbstentfremdungs-Ernst. Und das ist durchaus eine Eigenschaft, die sein bisheriges Schaffen stets auszeichnete: Kaum ein anderer deutscher Rapper geht gefühls- wie auch kopftechnisch so tief wie er, zeitgleich betätigt er sich allerdings auch rege bei Deutschraps Äquivalent zum Fun-Punk – Die Orsons – mit komplett gag-getriebenen Tracks. Ein Spagat, den nicht viele zu meistern wüssten.

tilt

Über sechs Jahre nach dem Vorgänger „Kids“ erscheint an diesem Freitag sein neues Soloalbum „Tilt“. Dessen Promo-Phase leiteten Maeckes und sein Label Chimperator mit einem Song ein, in dem seine oben beschriebene Langzeitstudie des Nicht-Maeckes-Seins in viereinhalb Minuten noch einmal wunderbar abgehandelt wird. Der Titelsong „Tilt!“ markiert hier den im Hip-Hop gängigen Representer-Track, nur eben with a twist. Selbigen hat er auch für das, zugegebenermaßen ebenso gängige, Liebeslied des Albums in petto:

„Ich entführ‘ zwei Flugzeuge und flieg‘ sie Dir in den Bauch, vielleicht liebst Du mich dann auch!
Ich misch‘ in Dein Essen ein paar Raupen, solange bis Schmetterlinge in Deinem Bauch sind!“

Maeckes – Marie-Byrd-Land

Nun mag es sich bis hierher fast so lesen, als sei „Tilt“ ein völlig klassischer Deutschrap-Release. Doch weit gefehlt: Stilistisch bahnt sich das Produzenten- und Songwriter-Trio aus Maeckes, dem rätselhaften Tausendsassa Äh,Dings und Orsons-Gitarrist Tristan Brusch seinen Weg durch Pop, Indie und Beats, kommt trotzdem nie vom Weg ab und wirft dabei derart viele Hits ab, dass man das erstmal kaum fassen kann.

Und im Text hat die Platte dann gar noch mehr zu bieten: Nicht nur sich selbst stellt Maeckes in Frage, sondern gleich die ganze Menschheit in „Gettin‘ jiggy with it“ sowie ihr Handeln in „Atomkraftwerke am Strand“, das trotz Weltverbesserungs-Lyrics ganz und gar nicht kitschig daherkommt. Der ausgleichende Ruhepol „Die Alpen“ kommt danach samt Knister-Instrumental und Props an Künstler wie Bright Eyes und Mac Demarco gerade recht.

Doch schon im Anschluss, als man gerade noch denkt, auch „Kreuz“ sei ein ruhiger Song mit seinen klaren, wundervollen Worten, die von unschuldiger Liebe zeugen, reißen uns die Lyrics wieder in die Tiefe:

„Der Telefonhörer fällt aus der Hand. Ich und eine Welt brechen zusammen. […] Ich antworte nicht mal mehr, alles verstummt. Die Farben lösen sich auf, alles wird dumpf.“

Maeckes – Kreuz

Wenig später wird Maeckes sagen, „Niemand will dieses Kreuz-Lied jemals wieder hören“, aber doch, das will man, so weh das auch tut. In atmosphärischer Perfektion wird hier eine Geschichte von Liebe und Tod erzählt, die an die Nieren geht.

Ein Glück, dass uns dann doch mit Zeilen, wie der gerade erwähnten in „Irgendniemand“, etwas Erlösung geschenkt wird. Den Restschmerz tanzen wir uns dann beim Überhit „Loser“ weg, der das Verlieren zelebriert, zum Schluss gibt es im tatsächlich als Grande Finale zu bezeichnenden „In Deiner Stadt“ doch noch den Hauptgewinn:

„In Deiner Stadt haben sie gesagt, aus Dir wird mal ein Star. Jetzt stehst Du da, sieh‘ Dich an, der Traum wird wirklich wahr!“

Maeckes – In Deiner Stadt

Was für ein Ritt diese Platte ist! „Tilt“ hinterlässt seine Hörer mit so vielen Gefühlen auf einmal, dass sich erstmal nur noch eines durchsetzen kann: Die Euphorie. Es mag zu hoch gegriffen erscheinen, doch Maeckes hat mit diesem Album sein Magnum Opus geschaffen, der große Wurf, den man von diesem Ausnahmekünstler immer erwarten konnte, der aber nie in Vollendung abgeliefert wurde. Auf „Kids“ fehlte das letzte Fünkchen Perfektion, bei „Null“ vermied er es absichtlich, die „Manx“-EP brachte es im Kleinen schon sehr gut auf den Punkt.

Hier ist sie nun schlussendlich, die große, tolle LP, in deren 14+1 Tracks sich all das zusammenfindet, was Maeckes in seiner bereits elfjährigen Karriere zu dem machte, der er heute ist. Ja, sogar ein paar kleine, orsige Gags finden ihren Weg auf „Tilt“. Daneben viel zu viele sehr kluge Sätzchen, um sie hier auch nur ansatzweise alle wiederzugeben.

Wie ein Feuerwerk aus Weltschmerz und Liebe schießt sich Maeckes in die Herzen seiner Hörer – und hier merkt man auch schon: Gute Aphorismen überlassen wir mal lieber dem Künstler selbst, er kann das besser. Was daher eigentlich nur noch zu sagen bleibt: We like-a this-a very very much. TILT!

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