Bereits am 16. Februar veröffentlichten Massendefekt ihr Album „Pazifik“ und gingen damit natürlich direkt auf Tour. Massendefekt ist eine Band, die sich in ihren Alben immer neu erfindet, und das ist auch gut so. Vor ihrem Konzert im Gruenspan durfte ich mit Sebi und Mike ein bisschen über die Platte quatschen und erfuhr einiges über den Entstehungsprozess und andere Dinge. Aber lest selbst!

Ihr seid mit eurem Album „Pazifik“ auf Platz 8 der Charts gelandet, was glaubt ihr, wie wichtig es in Zeiten von gefakten Spotify-Streams ist, noch in den Charts zu landen?

Sebi: Gefakte Streams?

Da gab es vor kurzem erst einen Bericht, das manche Leute den ganzen Tag etwas laufen lassen, weil das ja in die Charts einbezogen wird.

Sebi: Ach was! Wusste ich gar nicht. Ne, also da sind wir ehrlich. Für die Auswirkungen ist eine Charts Platzierung aber natürlich wichtig. Ansonsten für uns, relativ unwichtig. Das erste Mal als wir in die Charts gekommen sind, da sind wir auf 32 oder so gelandet, da haben wir uns voll gefreut, da musste man das unbedingt noch toppen. Mittlerweile nicht mehr, man weiß ja wie es ist, es geht ja nicht mehr um verkaufte CDs, es geht um Umsatz. Bring doch das Ding im Sommer raus, dann ist der Markt eh schwächer und du landest in den Charts. Uns ist eigentlich wichtig, eine gute Platte herauszubringen und uns selber zu verbessern und damit zufrieden zu sein.

Fotos: Jasmin Reckers, noisiv.de

Im Gegensatz zu „Echos“ ist „Pazifik“ rotziger, persönlicher und nicht so aufgeräumt. Nun wart ihr aber auch im selben Studio wie bei den beiden Vorgängern, was habt ihr denn bei diesem Mal anders gemacht?

Sebi: Alben von uns sind halt so Momentaufnahmen – wie man gerade drauf ist, wie man sich gibt und wie man gerade fühlt, so klingt die Platte auch. Mir persönlich war es wichtig, dass es nicht so aufgeräumt klingt wie „Echos“. „Echos“ hatte mehr einen poppigeren Touch, was zu dem Zeitpunkt für uns aber goldrichtig war und was wir auch so haben wollten. „Pazifik“ ist eben ein bisschen mehr Ursprung vielleicht – aber auch den Stress und die Arbeit die wir zu dem Zeitpunkt hatten, ich glaub die hört man ganz gut raus in der Platte. Es gibt halt diesen rohen Schliff und den Dreck, weil wir uns wieder unter Zeitdruck kaputt gearbeitet haben.

Aber ist man nicht immer unter Zeitdruck wenn man eine Platte macht?

Sebi: Ja, aber das war schon echt extrem. Wir mussten diese Deadline schaffen. Und das ging dann tageweise am Stück so und unser Produzent der Tim, der ging auch schon am Stock. Das merkt man der Platte auch an, es gibt dann diese Persönlichkeit, die spiegelt sich wieder.

Aber jetzt musikalisch irgendwas anders gemacht?

Sebi: Wir haben ein bisschen mehr experimentiert, vielleicht haben wir uns auch verbessert, das weiß ich nicht. Ich glaube auch, wenn wir „Echos“ jetzt zu diesem Zeitpunkt herausgebracht hätten, würde sie auch nicht mehr so klingen wie damals.
Mike: Aber diese intensiven Phasen sind auch wichtig, damit das Songwriting voran geht. Auch wenn es stressig ist, aber es bringt halt immer was und in der Zeit passieren die schönsten Sachen.

Ihr behandelt sehr viele verschiedene Themen. Zum Beispiel auch Depressionen, die du ja glücklicherweise nicht hast, aber du kennst solche Personen. Was fühlt man denn als Außenstehender wenn man so einen Text schreibt? Was geht einem da durch den Kopf?

Sebi: Was ich da fühle ist in erster Linie eigentlich Mitleid. Ich weiß es ja nicht 100%ig, aber wenn ich von Erzählungen weiß, wie es den Leuten geht oder wenn ich versuche mich in die Leute hinein zu versetzen, dann ist das schon scheiße. Es ist eine Krankheit, die einem nicht gut tut und die Leute haben einen täglichen Kampf vor sich. Sie tun mir halt leid und man kann ihnen eigentlich auch nicht helfen. Ich kann ihnen natürlich immer wieder gut zureden und so – bringt nur nichts. Man muss halt selbst aus dieser Geschichte herauskommen.
Mike: Es war eben wichtig, das aus der Perspektive zu zeigen, wie es demjenigen in dem Moment geht. Nicht nur, dass es ihm schlecht geht, sondern was das Ganze noch mit sich bringt. Diese Aspekte wollten wir eben auch mit einbringen.

Dann geht es mit „Von Horizont zu Horizont“ darum, dass ihr quasi die Jugendzeit ein wenig betrauert.

Sebi: Betrauern ist aber das falsche Wort.

Aber guck mal, du bist jetzt 40, ich bin 32 und das einzige was ich vermisse ist eigentlich straffe Haut und keine Falten.

Sebi: Echt? Aber das ist auch so ein Frauen-Ding. Aber der Song, das ist ja kein hinterher trauern. Das ist eher über die alte Zeit nachdenken, wie schön es doch war. Klar gibt es Momente, die man gerne nochmal erleben möchte, die würde man vielleicht intensiver erleben oder so, aber ich trauere denen nicht hinterher. Wir reden halt ab und zu im Tourbus drüber „Weißt du noch damals, weißt du wie lustig das war?“, das erzählst du dann halt und dann schreibst du mal n Song drüber, haben wir ja schon, aber egal!
Mike: Vergangenheit ist halt immer ein großes Thema.

Ok, es gibt also nichts was ihr krass vermisst?

Sebi: Nein, und wir haben auch keine Angst vor dem älter werden.
Mike: Ne, wir haben unsere Jugend ja hier quasi noch, das bringt die Musik auch so ein bisschen mit sich. Da bleibt so das Kind erhalten.

Als Band seid ihr ja natürlich auch ein Sprachrohr und habt dieses mit „Maschinenmenschen“ und „Zwischen Löwen und Lämmern“ auch genutzt und damit zwei politische bzw. gesellschaftskritische Songs auf der Platte. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so leicht ist, eine politische Message in drei Minuten zu verpacken.

Sebi: Also in allererster Linie haben wir uns gesagt – wir haben ja mit „Neue Helden“ auf „Echos“ das Thema schon angeschnitten – wir haben damals immer gesagt wir machen das nicht, Politik machen andere und wir machen Musik. Aber über die ganzen letzten Jahre, wenn man da mal zurückschaut, ist da halt die Sache, dass man nicht mehr leise sein kann. Wenn man als Band die Chance hat das Maul aufzumachen, sollte man das tun. Auch wenn es nur zwei-drei Leute sind die einem zuhören, die müssen ja nicht mal deine Meinung teilen, aber die sollen mal zuhören und vielleicht drüber nachdenken, dann hat man ja schon einen kleinen Schritt erreicht. Wir haben uns dann gedacht, dass wir mal was raus hauen – muss sein! Es ist halt so viel Kacke passiert, was nicht schön ist, sei es die Feindlichkeit gegenüber Flüchtlingen, der Pegida-Wahnsinn der da war oder, dass Trump Präsident geworden ist und die Politik in Deutschland ist auch nicht gerade die beste. Da müssen wir mal was sagen und wie verpackt man es? Man versucht es nicht so plump rüber zu bringen, aber ich denke es ist uns ganz gut gelungen.

Dann ein ganz anderes Thema, du bist ja verheiratet und führst eine harmonische Beziehung. Jetzt besingst du aber in „Pazifik“ Beziehungsprobleme. Lieber Herr Dr. Sommer, haben Sie Tipps für eine harmonische Beziehung?

Sebi: Ich hab keine Tipps. Ne, weiß ich nicht. Das Grundthema war aber eigentlich nur Probleme und Sorgen zu besingen. der Ursprungstext „…hab dich verloren in der Flut“, war „sie kommen mit der Flut“ und damit waren nämlich Probleme und Sorgen gemeint die der Mensch mit sich trägt. Die Thematik des Songs hat sich dann leicht geändert, ne?
Mike: Ja, das hat sich dann quasi ergeben, wie sich so manche Sachen einfach ergeben.
Sebi: Aber Beziehungstipps –  ehrlich zueinander sein, sich nicht anscheißen und einfach versuchen sich zu verstehen und zu akzeptieren, witzig sein und Spaß haben. Spaß ist wichtig!

Um nochmal auf das komplette Album zurück zu kommen. Wenn das so persönlich ist, legt man damit dann einen Seelen-Striptease hin?

Sebi: Teilweise ja, man holt schon was raus. Das gute an den Texten ist ja auch, dass jeder frei entscheiden kann, wie er die Texte deutet. Viele Fans kommen auf uns zu und sagen „das finde ich cool, dass du darüber geschrieben hast“ und dann redet man über das Thema und dann hab ich das eigentlich gar nicht so gemeint. Aber das ist ja auch nicht schlimm, wenn man den Leuten etwas gibt und es ist dann das, was sie daraus machen. Wie wir es gemeint haben ist ja eigentlich egal.

Ich hab ein Interview von euch gelesen, wo ihr drei Songs nennen solltet, die euch am besten beschreiben. Auf Platz 1 war „Keine Lust“ von Rammstein, worauf habt ihr denn keine Lust?

Sebi: Wir haben keine Lust zu proben.

Wer hat denn schon Bock zu proben?

Sebi: Keiner! Keine Lust auf lange Fahrten, keine Lust zu proben, das sind einfach Schmerzen irgendwohin zu fahren, verschwendete Zeit (lacht).

Aber jetzt bist du doch da und es ist schön?

Sebi: Aber darauf ist es auch nicht bezogen.

Jetzt spielen da draußen ja gerade die Killerpilze, die ihr als Support dabei habt. Wer hat denn am Ende die meisten BHs auf der Bühne?

Sebi: Defintiv die Killerpilze!
Mike: Wir haben nur Bierbecher.
Sebi: Wir sind mehr für den Alkohol zuständig, die Killerpilze haben die BHs.

Mein liebstes Lied auf Pazifik ist übrigens „In/die Hölle“, ich finde es super mega geil, möchtest du vielleicht ein paar Grüße an Kraftklub und Echt loswerden?

Sebi: Ich bin Fan! Ich finde die Band super! Der Song ist ja auch selbstironisch. Er ist einfach aus einer Laune heraus entstanden. Unser Produzent Tim hatte den Song im Studio auf Platte rumliegen, nicht so wie er ist, und dann war so „lass den doch nehmen, lass den doch machen“. So wurde das dann zu einer Nummer und dann haben wir den Text an einem Tag geschrieben. Wir haben uns bepisst vor Lachen so einen Text zu schreiben und ja, der Song ist geil geworden, macht einfach Spaß. Den spielen wir auch live.
Mike: Da flogen auch die Becher!
Sebi: Bei „nie wieder Punkrock“ flogen halt die Becher (lacht).

Das Schlusswort gehört euch.

Sebi: Ja komm, lass uns saufen!

Das nenne ich mal eine Ansage! Vielen Dank für eure Zeit, das nette Gespräch und den feucht fröhlichen Abend. Ich hoffe wir sehen uns auf dem Hurricane auch auf das ein oder andere Kaltgetränk.

Massendefekt live im Gruenspan

  • 23.06. – Hurricane Festival, Scheeßel
  • 24.06. – Southside Festival, Neuhausen ob Eck
  • 06.07. – Happiness Festival, Straubenhardt
  • 14.07. – Haune Rock Festival, Haunetal
  • 02.-04.08. – Rocken am Brocken Festival, Elend bei Sorge
  • 09.-11.08. – Open Flair Festival, Eschwege
  • 09.-11.08. – Rocco del Schlacko Festival, Püttlingen
  • 17.-19.08. – Highfield Festival, Grosspösna
  • 17.-19.08. – Karben Open Air, Karben