Foto: Jack Duggan

Das Album beginnt mit tönenden Bläsern, knackigen Drums und einer stumpfen Bassline, die so verdammt cool ist, dass sie den Klimawandel im Alleingang stoppen könnte. Gleichzeitig wird in hypnotischem Tonfall von Dämonen und antiken Melodien erzählt. Ganze zwei Minuten dauert diese tongewordene Tristesse, bis endlich der Refrain das Licht und ordentlich frische Luft hereinlässt. Herzlich Willkommen bei „Undercurrent“, dem neuen Album von Matisyahu.

Für mich war Matisyahu lange Zeit bloß dieser Reggae-Dude mit den lustigen Haaren. Die jüdische Religion war früher hörbar und vor allem sichtbar. Die Schläfenlocken und der Bart sind nun schon seit einiger Zeit Geschichte und auf „Driftin“ sagt der Künstler selbst: „All this talk about my look, who cares? Shallow minds just got to surface“. Und tatsächlich verkauft sich der Kalifornier auf „Undercurrent“ eher als Philosoph, denn als Priester. Oder Rabbiner. Whatever.

Demons waiting on every corner, just to pull me down.
They follow me arround. They are in my blood as the leaves hit the ground
and the wind from the willow. My only shield is the sound.

Matisyahu – Step out into the light

Auf dem Album geht es häufig um Akzeptanz, um’s Ankommen. Darum, derjenige zu sein, der man sein möchte. Matisyahu war sein gesamtes Leben auf der Suche und ist nun bemüht anzukommen. Wobei er auf dem Album in den seltensten Momenten glücklich wirkt. Vorherrschende Stimmung: Melancholie. So ein wenig bekommt man das Gefühl, als wäre „Undercurrent“ bloß ein Zwischenhalt für den Künstler.

Das Album besitzt dennoch eine unglaubliche Musikalität, die allein dadurch deutlich wird, dass alle Songs zusammen mit der Band entstanden sind. Vermutlich ist dieser Umstand auch das, was diese Platte so außergewöhnlich und gut macht. Acht Songs sind es geworden und haben je eine Länge von sechs bis zehn Minuten. Es gibt ausufernde Soli, abgefahrene Bridges und manchmal verändert der Track seine Gestalt im Laufe der Spielzeit derart, dass man am Ende fragt, wo der Song eigentlich angefangen hat. Der Reggae ist stets vorhanden, teilt sich den vorhandenen Raum aber mit einer gehörigen Portion Hip-Hop und Jazz.

Das ist schon außergewöhnlich. Vor allem lässt die Musik genügend Platz für Matisyahus Lyrics, die stets Interpretationsspielraum lassen. „Undercurrent“ ist ein komplexes, nur schwer greifbares Album. Am besten beginnt man bei Track 1, blättert nebenbei in einem guten Buch (wer Tipps benötigt, gibt Bescheid!) und hört erst bei Track 8 auf. Lässt sich einfach von der Stimmung mitreißen. Streaming-verwöhnte Ohren werden damit ein Problem haben. Aber glaubt mir: Es lohnt sich!

Undercurrent

Price: EUR 14,99

3.5 von 5 Sternen (2 customer reviews)

29 used & new available from EUR 9,23