Foto: Carolin Breckle

Foto: Carolin Breckle

Es ist bald schon zwanzig Jahre her, dass die hervorragende Schweinfurter Punkband Tagtraum Genreklassiker wie „Feuer Gratis” oder „Seelenpuzzle” veröffentlichte. Auch die Zeiten der Gruppe sind längst passé, nur ihr Sänger Matze Rossi ist noch immer around und lässt in der hiesigen Singer-Songwriter-Szene immer mal wieder von sich hören. Auch das erste, meine Jugend prägende Demo-Album „Solo(w) Boy, so-low” hat bereits ein dutzend Jahre hinter sich und so hat sich natürlich auch im Hause Rossi zwischenzeitlich einiges getan. Sein letztes, 2014 erschienenes Album „Und jetzt Licht, bitte” spiegelte in ganz und gar akustischem Gewand durchaus die Tatsache wider, dass Rossi sich mittlerweile als Yogalehrer betätigt – nicht grundlos singt er hier über die „Wunder” der Welt und erfreut sich an der Schöpfung.

Da rutscht einem doch schonmal die Frage, die eine ungleich größere deutsche Band vor einiger Zeit stellte, in den Kopf: Ist das noch Punkrock? Was seinen Stil, die Szene in der er sich umtreibt und die Rauheit in der Umsetzung seiner Akustikstücke angeht, hat das, was Matze Rossi heutzutage zum Besten gibt, durchaus noch immer den Charme eines Punks. Ein Punk mit Karmabewusstsein? Naja, warum eigentlich auch nicht? Im ersten, abermals gänzlich akustisch vorgetragenen Song seiner neuen Platte „Ich fange Feuer” macht Rossi sich Gedanken um das eigene Ende, im Titeltrack macht er die vier Elemente zum Subjekt und auch, wenn man sich damit selbst sonst herzlich wenig auseinanderzusetzen pflegt, verpasst einem die zauberhafte, aufs Minimum reduzierte Ballade einen anständigen Ohrwurm:

„Ich kann dich wärmen und gleichzeitig verbrennen. Die Elemente zu beherrschen, muss ich erst noch lernen. […] Und ich fang‘ Feuer und ich brenn‘. Hey, du fängst Feuer und du brennst. Ja wir fangen Feuer und alles brennt.”

Was ein Stück wie dieses auf der am 18. März bei End Hits Records erscheinenden MatzeRossi_Ich FangeFeuer_Cover_650_RGBPlatte zu etwas Besonderem macht, ist die Tatsache, dass er sich von der totalen Reduktion, die sein letztes Schaffen prägte, in vielen anderen Songs wieder entfernt hat: Stücke wie „Kein Zweifeln und Bedauern” zeigen Matze Rossi nach Langem mal wieder in kompletter Bandinstrumentierung und machen richtig Spaß. Und ist es nicht auch schön, sich mal von einem wirklich sympathischen Typen mit Gitarre sagen zu lassen: „Alles wird gut!”? In „Erzähl mir nichts” appelliert er derweil auch an sich selbst:

„Erzähl mir nicht, du wärst zu müde, oder dass du in allem einfach keinen Sinn mehr siehst! Weil wir beide sind viel zu weit gegangen um hier umzudrehen oder aufzugeben.”

Das Zweifeln ist dem Enddreißiger also doch noch nicht so fremd, dass man sich auf der neuen Platte einem völlig seelenbefriedeten Menschen gegenüber sehen muss. Und dass er sein Tun und Sein in der Musik verarbeitet, zeigt auch das abschließende „Zieh meine Träume nicht durch den Dreck”, in dem er trotzig und mit rauer Stimme sein Musikerdasein vor Anderen verteidigt und nochmals Experimente im Sound zulässt, wenn er sogar zu Synthieflächen und Handclaps vom Band greift.

All das zusammen ergibt ein Matze Rossi-Album, wie es so noch nicht da war und das frischer denn je klingt. Seine längere Veröffentlichungspause ging zwar bereits mit der letzten LP zu Ende, doch mit seinen neuen Arrangements und der vielseiten Herangehensweise wirkt „Ich fange Feuer” fast wie ein Neuanfang. Jetzt aber mal rein musikalisch: Ist das noch Punkrock? Nö. Aber das braucht es auch gar nicht zu sein. Die poppigen Farben in seinem Sound stehen Rossi hervorragend zu Gesicht und machen ihn auf dieser Platte spannender denn je.

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