Foto: Arne Landwehr

Foto: Arne Landwehr

So richtig leicht hatten es Mikroboy doch eigentlich nie. Immer nahm man sie irgendwie wahr, sogar schon Mitte der Nullerjahre, als Sänger und Gitarrist Michael Ludes noch als Solokünstler unter diesem Namen bei Myspace seine Musik präsentierte. Richtig Fuß fassen konnte die Band aber scheinbar nie, weder in der Indie-Szene noch im großen Popzirkus: Die Teilnahme am Bundesvision Songcontest 2010 endete auf Platz 15, der ehemalige Supportact Honig ist der Band über den Kopf hinaus gewachsen. Und auch man selbst weiß beim Hören ihrer poppigen, stets elektronisch angereicherten Gitarrenmusik nicht immer so ganz, in welchen dieser beiden Bereiche Mikroboy eigentlich gehören. Trotzdem trägt ihr neues Album den Titel „Leicht“. Es erschien am vergangenen Freitag beim kleinen Indie-Label Chateau Lala und bis es zu dessen Veröffentlichung kam, war es – hier zitiert sich recht treffend der Titel des fünf Jahre zurückliegenden Vorgängers – „Eine Frage der Zeit“.

Richtig edgy waren Mikroboy auch nie, teilweise mit ihren Powerpop-Liebesliedern schon – pardon – nah dran an modernem Schlager, doch wer sich mit der Band je ein wenig befasst hat, konnte doch eigentlich nie anders, als sie gern zu haben. Michi Ludes ist ein absoluter Sympathieträger, hält fest an seinem schon so lange bestehenden Projekt und… Moment. Alles bis hierhin hatte ich bereits geschrieben, als dann am Veröffentlichungstag folgende Meldung auf der Facebookpage von Mikroboy zu lesen war:

Mit dieser Platte und der anstehenden Tour verabschieden wir uns in ewiger Dankbarkeit von euch und davon, eine aktive Band zu sein.

Fuck. Noch eine Band weniger also, die sich noch dem süßen, guten Teenager-Indie (man denke hier an ebenso der Vergangenheit angehörende Vertreter wie Fertig, Los oder Anajo) verschrieben hat. Es ist ein Jammer – aber immerhin können wir uns an „Leicht“ noch einmal so richtig erfreuen, denn die Platte bringt ein letztes Mal all das mit, was man an Mikroboy zu schätzen weiß: in ihren Texten immer den großen Gefühlen hinterher, in ihrer Komposition dem großen Hit – und das erstaunlich oft mit Erfolg! Immer wieder schüttelt Ludes eine Zeile, eine Hook, eine Melodie aus dem Ärmel, die einen einfach verzücken muss. So war es in der Vergangenheit mit Songs wie „Du, nicht wir“ oder „Solang‘ der Mut den Zweifel schlägt“, so ist es auch noch auf ihrer dritten und letzten LP – ob nun als Hommage an Hot Water Music im großartigen „Schnee“ („Live your Heart and never follow“) oder aus Ludes‘ eigener Feder:

„Und bitte sei traurig und bitte sei schwach! Bitte bleib‘ heut‘ Nacht mit mir wach! Und bitte sei verletzlich und bitte sei klein! Und bitte schlaf‘ nie wieder ein!“

Mikroboy – Bleib mit mir wach

Mikroboy schreiben Songs, in die man sich hineinversetzen kann, ohne sich dabei in Plattitüden zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Sie hebeln diese aus, wenn beispielsweise in „Niemals bereit“ dem alten Gewäsch mit der Zeit und den Wunden ein resignierendes „Egal wie viel Zeit, wir wären niemals bereit“ entgegengesetzt wird. Wie er den Adressaten seiner Songs in Zeiten der inneren Krise glaubwürdig Mut zuspricht, weiß Ludes indes auch:

„Bitte halt‘ durch, nur noch für ein paar Jahre! Es wird alles anders irgendwann und ich erinner‘ dich daran. […] Und solang‘ du hier nicht raus kannst, mal‘ ich die Welt um dich rum!“

Mikroboy – Solange du hier nicht raus kannst

Auffallend wenig elektronische Elemente sind dieses Mal in den Arrangements aufzufinden, stattdessen gibt es ordentlich angerockte Gitarrenriffs und so geben sich Mikroboy stellenweise lauter denn je, etwa in „Alles verstanden“. Die Tatsache, dass Ludes dort vom „Durst in mir, danach, dass was passiert“ singt, versprüht Tatendrang und klingt zukunftsweisend. Scheinbar gilt dies nun leider nicht mehr für seine vierköpfige Band, doch sicher ist: „Leicht“ wird, genau wie seine beiden Vorgänger, die diversen B-Seiten und unzähligen starbesetzten Remixe, in der Geschichte des deutschen Indie seinen verdienten Platz finden. Ganz sicher werden all jene, denen diese Band je mit ihren starken Songs ein Lächeln aufs Gesicht zaubern konnte, Mikroboy in ihrem Herzen behalten. Klingt pathetisch, macht aber nichts – sie waren schließlich immer eine Band für’s Herz, ohne Scheu vor Pathos.

Was die Zukunft für Ludes und seine Mitstreiter bereithält, wird sich zeigen. In jedem Fall trägt die Meldung über die Bandauflösung auch Hoffnung in sich: „Wir werden sicher alle für immer Musik machen, in welcher Konstellation auch immer“, heißt es dort. Mit Mikroboy ist nun also erstmal Schluss, doch „Leicht“ klingt nicht nach einer uninspirierten Abschlussplatte, die lediglich die Band zu Grabe tragen soll. Sie ist mindestens genau so ideenreich und überzeugend wie der Rest, den dieses Projekt in seinem langen Bestehen abgeliefert hat. Eine Träne aus dem Auge wischend lässt man sie zum Ende kommen, Ludes „macht sich unsichtbar“, wie es im finalen Song heißt. Unser aller Freund und Helfer ist und bleibt: Die Repeat-Taste.

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Mikroboy verabschieden sich nicht, ohne die zweite Maihälfte mit einer umfangreichen Livetour auszufüllen:

  • 16.05. Berlin  —  Badehaus Szimpla
  • 17.05. Hamburg  —  Kleiner Donner
  • 18.05. Hannover  —  Lux
  • 19.05. Bremen  —  Tower
  • 20.05. Essen  —  Hotel Shanghai
  • 21.05. Osnabrück  —  Kleine Freiheit
  • 22.05. Köln  —  Blue Shell
  • 24.05. München  —  Kranhalle
  • 25.05. Regensburg  —  Heimat
  • 26.05. Leipzig  —  Moritzbastei
  • 27.05. Stuttgart  —  Kellerklub
  • 28.05. Koblenz  —  Circus Maximus
  • 29.05. Neunkirchen  —  Stummsche Reithalle
  • 30.05. Wiesbaden  —  Schlachthof
  • 31.05. Heidelberg  —  Halle 02 (Club)