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Foto: Simon Glass

Vor knapp zwei Wochen durfte ich die Herren von Moop Mama treffen. Die Münchener haben eben ihr Album „M.O.O.P.topia“ veröffentlicht und sind auf Tour durch Deutschland – mit dem Rad. So werden Parks und Einkaufsstraßen kurzerhand zur Bühne umfunktioniert.

Als ich am Nachmittag im Hamburger Superbude-Hostel eintreffe, ist die Band gerade erst angekommen und sichtlich gestresst. Man bereitet sich auf den spontan angekündigten Gig vor. Netterweise nehmen sich Rapper Keno Langbein und Saxophonist Marcus Kesselbauer dennoch Zeit, um mir ein paar Fragen zu beantworten. Viel Spaß beim Lesen!


Ihr seid jetzt gerade auf Tour mit den Fahrrädern. Wie ist das bisher? Macht es spaß?

Keno: Also es macht total viel Spaß. Wir sehen jetzt beide ein bisschen matt aus und wir machen jetzt keine Euphoriesprünge, aber das liegt daran, dass es das Anstrengendste ist, was wir bisher gemacht haben, wie ich finde. Weil der Tagesablauf noch krasser ist als sonst auf Tour. Wir haben meistens privat gepennt, dann Autofahren, dann aussteigen, dann meistens Interviews machen, dann direkt mit den Fahrrädern auf die Straße – das war ganz schön kräftezehrend.

Aber das Spielen an sich auf der Straße, mit den Leuten, und wie nah man dran ist, das gibt einem unglaublich viel. Das ist ein tolles Erlebnis und ich hätte auch gar nicht gedacht, dass mich das so sehr flasht.

Ihr wart vorher mit Jan Delay auch in Stadien. Was bevorzugt ihr? Was findet ihr generell geiler?

„Irgendwas haben wir falsch gemacht, wenn selbst die Bullen uns gerade mögen…”

Marcus: Es hat beides was. Auf der Straße hast du halt immer noch Leute, die die Band nicht kennen. Das ist ein Zufallspublikum, das beim Einkaufen stehen bleibt. Auf Festivals, oder Club-Gigs hast du Leute, die schon wissen, wen sie erwarten. Das ist eine andere Form von Energie. Das ist beides geil. Ich kann für mich nicht sagen, ich find das eine besser als das andere. Es hat beides seinen Reiz, ist aber doch völlig unterschiedlich.

Gibt es auch Leute, die gar nicht drauf klarkommen, gar kein Bock darauf haben und Kritik äußern?

Marcus: Meistens sind die vom Ordnungsamt oder der Polizei! Aber selbst die sind zurzeit unglaublich nett zu uns. Irgendwas haben wir falsch gemacht, wenn selbst die Bullen uns gerade mögen…

Könnt ihr euch das erklären? Liegt ess an den freundlichen Gesichtern oder am Sound?

Keno: Ich habe schon das Gefühl, das unsere Musik vielen sehr, sehr unterschiedlichen Leuten einfach Spaß macht. Weil irgendwie gibt’s da verschiedene Eckpunkte, für die man sich begeistern kann. Dem einen gefällt die Bläserlastigkeit, dem anderen gefallen die Beats oder dass man dazu tanzen kann und wieder einem anderen gefällt, dass man in Texten auch Inhalte findet und nicht nur Bullshit.

„Wir sind ziemliche Hingucker. Sowas hast du definitiv noch nicht gesehen.”

Ich glaube so sind wir relativ weit aufgestellt. Und wenn wir auf der Straße stehen sind wir auch visuell ziemliche Hingucker. Sowas hast du definitiv noch nicht gesehen. Wenn wir da ankommen zu zehnt, in roten Klamotten, mit abartig strangen Bikes, würde auch ich mir das auf jeden Fall anschauen.

Marcus: Also, selbst in Berlin haben die Leute sehr überrascht geguckt und sind stehen geblieben. Und das ist ja da auch nicht so unüblich, dass man da strange Sachen sieht in Berlin. Aber scheinbar erzeugt das schon so ein energetisches Moment, wenn wir einreiten.

Ich kann das auch so wiedergeben als Zuhörer. Ich kann mich dran erinnern, als ihr hier in Hamburg im alten Mädchen in der Schanze aufgetreten seid vor zwei, drei Jahren. Das war ziemlich cool. Wie ist das nun auf dem Album? Ihr habt wieder einen riesigen Fundus an Live-Erfahrung gehabt. Habt ihr versucht das einfließen zu lassen?

Marcus: Musikalisch bzw. was den Aufnahme-Prozess angeht, haben wir so ein bisschen etwas Anderes gemacht als sonst. Nee, eigentlich, wenn wir noch früher anfangen, allein was das Songwriting angeht, haben wir was Anderes gemacht als sonst und waren auch bei der Aufnahme im Studio sehr viel mutiger.

Wir haben ja unter anderem hier in Hamburg aufgenommen und haben uns da aller möglichen Gadgets und Tools bedient, die da im Studio zu finden waren. Und das ist in jedem Fall, was den Sound der Platte und der aufgenommenen Musik angeht, ein Riesenschritt nach vorne, oder?

Keno: Ja und die Erfahrung, die wir gesammelt haben, spiegelt sich da auch wieder. Wie kann man allen Sachen, die wir beinhalten, ihren eigenen Platz geben? Am Anfang wussten wir das noch nicht genau, wie man das macht. Wir haben es diesmal etwas abwechslungsreicher gemacht von den Arrangements her. Sodass auch alles, was gerade seine Zeit hat, auch strahlen kann.

Ihr habt auch viele verschiedene Stile reingebracht. War das bewusst? Auch wenn ihr immer offen gegenüber neuem wart und niemals festgefahren, hat man das Gefühl, dass ihr euch ein wenig geöffnet hättet.

Marcus: Es war nun auch so, dass wir zugelassen haben, dass mehr Leute für die Platte schreiben. Sodass nicht alles aus einer Hand kommt. Das macht unweigerlich ein Spektrum auf. Zum anderen waren wir auch einfach mutiger und haben uns drauf eingelassen, mal irgendwie völlig außerhalb der Box zu denken und völlig andere Sounds zu erzeugen.

Es ging uns auch darum, moderne Effekte, die man vom Produzieren kennt, in die Produktion einfließen zu lassen. Synthie-Sounds zu erzeugen, obwohl wir keine Synthies haben und so weiter. Ich glaub, dass das schon mal sehr viel ausgemacht hat.

Dazu kommt natürlich, dass durch zehn Leute unweigerlich unheimlich viele Einflüsse mit einfließen. Jeder hat andere Vorlieben, was er gerade privat für Musik hört. Und das fließt da natürlich ein.

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Foto: Simon Glass

Wie kann ich mir das vorstellen, wenn ein neuer Song entsteht? Bisher dachte ich: Keno hat einen Text und dann trifft man sich und guckt, ob einer eine Idee hat.

Marcus: Daran hat sich eigentlich nicht viel verändert. Es gibt immer noch verschiedene Herangehensweisen, wie wir einen Song schreiben. Mal hat Keno einen Text, der dann vertont wird. Mal gibt es ein fertiges Arrangement oder zumindest eine grobe Skizze davon und Keno sagt, das interessiert mich, dazu fällt mir was ein. Es ist nicht so, dass Du Dich mit zehn Leuten in einen Raum setzt und sagst: „So jetzt lasst mal einen Song schreiben“. Das funktioniert nicht. Eine gewisse Grundordnung in Form von Skizzen, groben Ideen oder ausformulierteren Sachen ist auf jeden Fall notwendig, denn sonst wird es ein Chaos.

Du hast zu jeder musikalischen Frage, die sich ergibt, zehn Ideen, die alle in eine völlig andere Richtung gehen, als die jeweils Nächste. Und dann müssen alle erst ausdiskutiert und ausprobiert werden. Das kostet wahnsinnig viel Kraft und ist wenig zielführend. Wir haben uns diesmal vorgenommen, wir kommen schon mit klareren Strukturen an und haben uns auch immer mehr Zeit genommen die Songs zu bearbeiten.

Das heißt es gab eine Idee, dann wurde mal rumgefeilt, dann wurden die Aufnahmen mit nach Hause genommen, dann hat der jeweilige Schreiber, oder wer gerade drauf Bock hatte, Ideen dazu festgehalten und dran rumgeschraubt. Dann haben wir uns wieder getroffen und geschaut: „Kann man das so umsetzen?“. So haben wir das peu à peu und Schicht für Schicht bearbeitet und rausgemeißelt, was wir da so wollten.

Das war ein Prozess, den wir so noch nicht hatten. Dass wir uns wirklich über ein paar Monate die Zeit genommen haben. Und im wöchentlichen Wechsel zu Hause gearbeitet, produziert und wieder gearbeitet haben.

Wie lang war dann die gesamte Produktionsphase?

Keno: Das ist echt schwer zu sagen, da die konkreten Arbeitsphasen bei uns oft zeitlich sehr begrenzt sind. Wenn wir zum Beispiel ins Studio gehen, dann ist es immer ziemlich aufwendig und teuer wegen der großen Band, sodass wir vorher darauf hinarbeiten und dann versuchen das in einer kurzen Zeit durchzurocken.

Von den ersten Anfängen her sind schon ein paar Sachen nach dem letzten Album entstanden. Aufgenommen haben wir dann in einer relativ kurzen Zeit von… zwei Monaten?

Marcus: Ich glaub, Studiozeit waren so drei, vier Wochen und die konkrete, also wirklich sehr konkrete, sehr konzentrierte Vorbereitungsphase bis zum Studio waren so zweieinhalb Monate, in denen wir im wöchentlichen Wechsel gearbeitet haben. Aber Ideen, Skizzen und Vorstellungen gab es schon seit dem letzten Album. Es gibt da ganz viel, was auf Halde liegt und was man dann irgendwie doch nicht benutzt oder doch benutzt. Es gibt da schon einen großen Fundus von Dingen, aus dem wir da ein wenig aussieben konnten.

Um mal vielleicht mal auf die Lyrics einzugehen, gerade der Song mit Jan Delay schreit ja danach, den im Stadion oder vor relativ großen Bühnen…

Keno: Oder im Kindergarten! Nein, Quatsch. Du meinst, die sind sehr live tauglich oder?

Sehr nach vorne gehend! Das hat immer gut geklappt bei euch, aber nun klingt das auch auf Platte sehr live. Zum Beispiel der Song mit Blumentopf („Typ*Ische Verhältnisse“) oder „Prokrastination“ hat auch so einen Drive hinten raus. Ich kann es mir halt bildlich vorstellen. War das auch schon gewollt? Gab es diese Intention?

Marcus: Falls du auf strategisches Songwriting hinauswillst: Nee, so haben wir nicht gedacht.

Keno: Aber na klar machen wir uns super viele Gedanken darüber, wie wir die Musik dahin bringen können, dass sie so wirkt, wie wir es gerne haben wollen. Wir sind eine Live-Band, das ist unser Grundcharakter, das können wir gar nicht anders machen.

„Wir sind keine Studioband”

Aber einerseits wollten wir es schaffen, die Songs so gut zu machen, dass sie auch auf Platte wirken. Und, Du hast es selber gesagt, da ist uns ein großer Schritt gelungen. Dass wir die Energie, die darin steckt, nicht nur live zeigen können, sondern eben auch auf Platte. „Wir sind keine Studioband“.

Und dann ist es schon so – haben wir auch drüber geredet vorhin – dass man neue Mittel entwickelt, wie man mischt: Wo ist der Rap im Vordergrund und wo die Musik? Wo dürfen mal alle vollkommen Gas geben, wo hält man sich eher zurück? Sowas lernt man natürlich aus dem Live-Spielen, packt es dann in die Songs und kann es dann wieder auswerten.

Marcus: Wir haben auch, was das angeht, ein bisschen mehr drauf geachtet, dass für Text Platz ist. Wenn Du da eine Bläserwand hast, die da ein Tutti rausballert und Keno das als Skizze kriegt, ist das etwas, was er im Kopfhörer leise drehen kann – dann funktioniert das. Dann kann er darüber singen. Aber wenn wir das in echt spielen, geht das nicht mehr.

Da haben wir auch ein bisschen drauf geachtet, dass auch für Keno Platz gemacht wurde, dass die Strophen nicht so dicht sind, dass man da im Mix irgendwie anders vorgehen muss, sondern dass da dann Nischen sind, wo alles Platz findet, was man gerne hören will.

Ich habe eben schon mitbekommen, ihr schielt auch auf die Charts. Und Du hast gesagt, ihr geht an das Album nicht strategisch dran…

Marcus: Ich habe gesagt, wir haben kein strategisches Songwriting betrieben! Wir schreiben jetzt den Sommer-Hit oder den Oktoberfest-Hit.

Was sind denn eure generellen Erwartungen an das Album?

Keno: Ich versuche mir da keine genauen Vorstellungen zu machen. Wir haben natürlich die grundsätzliche Erwartung und Hoffnung, dass das Album ein großer Schritt nach vorne wird und wir es dadurch schaffen bekannter zu werden, größere Konzerte zu spielen und uns mehr Leute kennen und erleben wollen.

Aber dem jetzt eine genaue Form zu geben und zu sagen: „Wenn wir nicht auf Platz 34 charten, sondern auf Platz 35, dann bin ich mega traurig“: Ich glaub das wäre ein großer Fehler [Tatsächlich landet das Album in der ersten Verkaufswoche auf Platz 23. Anmerkung des Autors].

Marcus: Ich glaube so denkt auch keiner von uns!

Keno: Aber wir haben natürlich schon große Hoffnung muss man ganz ehrlich sagen. Wir stecken da sehr, sehr viel Arbeit im Moment rein und dementsprechend denken wir uns schon auch: „Das soll sich auch lohnen und soll zu etwas führen“. Das soll spürbar werden. Aber ob sich das schon am Ende der Woche in der Chart-Platzierung niederschlägt oder am Ende des Jahres bei unserer Tour und plötzlich mehr Leute kommen: Das weiß man nie.

Ich vermute jetzt einfach mal, dass ihr extra für das Album ein neues Label gegründet habt: Mutterkomplex. Warum der Schritt? Gab es die Option zum Major zu gehen, um die richtige Kohlespritze zu bekommen?

Marcus: Das Problem ist, dass Du da ja nur die Kreditspritze kriegst, aber nicht die Kohlespritze. Es ist tatsächlich so, dass wir Angebote hatten. So ein Major weiß ja auch, dass sich Platten nicht mehr so dufte verkaufen. Die gucken dann natürlich, dass die sich irgendwo anders ein Häppchen von abschneiden. Zum Beispiel eben bei einer Live-Beteiligung. Aber das ist nun mal unser Ding und wenn wir spielen und Gage dafür kriegen, wollen wir davon nix ans Plattenlabel abdrücken.

Und ganz ehrlich: Wir haben da lange rumüberlegt und viel diskutiert in den letzten zwei Jahren und uns sehr viele Gedanken gemacht. Aber schlussendlich sind wir irgendwann darauf gekommen, dass wir einen 360° Deal [360° steht für alle Geschäftsbereiche der Musikindustrie, wie z.B. Merchandise, CD-Produktion oder eben Konzerte. Anmerkung des Autors] mit uns selber brauchen. Denn nur so können wir wirklich entscheiden, was passiert und nur so können wir wirklich unsere Interessen vertreten und nicht die eines Wirtschaftsunternehmens.

Das ist überhaupt auch ein Kernpunkt bei diesem Bandkonstrukt: Dass wir wahnsinnig gerne entscheiden, was wir machen. Und nicht von außen, von irgendjemanden, der möglicherweise noch nicht mal kapiert hat, was die Band will, darstellt oder was die Kernkompetenz ist, irgendwelche Sachen hinknallt, die wir machen müssen und uns nix bringen.

„Dann klebst Du neben Udo Lindenberg und Rea Garvey und keine Sau interessiert es!”

Was bringt uns eine Promo-Nummer, die deutschlandweit zwar Plakate in die Innenstädte packt – aber dann klebst du halt neben Udo Lindenberg und Rea Garvey und keine Sau interessiert es. Wir sind die beste Werbung für uns selbst! Wenn wir irgendwo auftauchen und spielen, wissen die Leute, was sie kriegen. Und das war einer der Gründe, warum wir gesagt haben: „Nee, wir wollen das alles selber machen!“.

Beste Antwort, die ich hätte erwarten können!

Marcus: Ich habe mich diplomatisch ausgedrückt… [lacht]

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Foto: Simon Glass

Ich hab es rausgehört. Und es tut mir auch leid, dass wir jetzt ein Gespräch führen müssen und ihr euch nicht anders präsentieren könnt.

Marcus: Das war nicht auf Interviews bezogen. Das ist nochmal was Anderes. Wir haben uns nicht gegen ein Major-Label entschieden, weil wir kein Bock auf Interviews haben, das stimmt nicht. Also, sonst würden wir hier auch gar nicht sitzen. Es ging wirklich um das Präsentieren einer Band. Wenn ein Kumpel Dir sagt: „Ey diese Band ist fett!“. Dann sagst du „Ja, okay“, und dann fällt es dir wieder ein, Du hörst zufällig was und denkst: Gefällt mir, gefällt mir nicht. Wenn du aber siehst, wie wir hier einreiten und mitkriegst, dass wir physisches Entertainment betreiben – dann hat das eine ganz andere Aussagekraft.

Keno: Und hätten wir jemanden getroffen, der vom Major-Label kommt und gesagt hätte: „Ich glaub an euch, ich find das super was ihr macht, lasst uns positiv zusammenarbeiten“, dann hätte wir das Angebot vielleicht angenommen. Diesen Leuten, die wir getroffen haben, konnten wir das aber nicht abnehmen. Das ist eine Frage der Prioritäten.

Uns ist auch wichtig, dass wir Geld verdienen, wir müssen diesen Punkt erreichen, sonst können wir das, so wie wir das machen, nicht betreiben. Aber wenn jetzt jemand kommt, und Du spürst das ist sein Hauptziel. „Wie kann man das maximieren?“. Und der Dir am ersten Abend schon Tipps gibt…

Marcus: …wie man Singles schreibt…

Keno: …das erste Mal die Band gesehen hat und sagt: „Ihr müsst dies oder das machen!“ – Ich kann solche Leute nicht ernst nehmen. Das ist halt so eine kurzfristige Art zu denken, die passt einfach nicht zu uns. Dafür haben wir schon viel zu viel im Schweiße unseres Angesichts die Ochsentour gemacht. Dass wir uns dann hinstellen und sagen: „Okay, wir machen das so wie ihr das sagt“ – da haben wir keinen Bock drauf.

Da werden also alle Vorurteile bestätigt…

Keno: Ja. Und Kompromisse muss man ja so und so machen. Auch wir müssen uns Gedanken machen, was unsere Geschäftsstrategie ist. Wo wir hingehen zu welcher Zeit, ob wir dieses Angebot annehmen oder das.

Wir sind halt zu zehnt und wir haben irgendwann entschieden: Lass uns den Versuch wagen, diese ökonomische vermeintliche Schwäche einfach in eine Stärke umzuwandeln, da wir andere Potentiale haben, die ein Solokünstler nicht hat. Ein Solokünstler kann nicht gleichzeitig sein Label, die Band und die Booking-Agentur sein und wir versuchen zumindest einen Teil davon selbst zu stemmen.

Ich hoffe natürlich, dass das klappt. Was ich bemerkenswert finde ist, dass ihr es schafft, sehr konkrete Themen so darzustellen, dass man sich den Song trotzdem noch anhören kann. Ihr habt zum Beispiel Songs wie „Meermenschen“ oder „Lösch das Internet“. Wie begegnet ihr denn Schlagzeilen, wie „Boot im Mittelmeer gekentert“ privat und ganz konkret? Ihr könnt ja auch nicht immer einen neuen Song schreiben? Wie geht ihr mit so etwas um?

Keno: Glücklicherweise haben wir die Möglichkeit, manchmal was über Musik rauszulassen. Das ist ja ein gutes Ventil. Und das andere: Klar, wir machen Musik, zu der kann man gut tanzen und da muss man nicht unbedingt auf den Text hören.

Aber wenn man genauer hinschaut, entdeckt man da Inhalt und Tiefe und das ist uns wichtig. Das ist etwas woran wir lange gefeilt haben. Den Spagat zu schaffe, auch schwierige und komplexe Sachen so zu formulieren, dass sie zumindest verständlich bleiben und man mit einfachen Worten schwierige Sachen sagt. Das ist zumindest ein Anliegen von mir als Texter.

Und wenn es gelingt, ist das ein sehr, sehr gutes Gefühl, weil man weiß, man hat das richtig gesagt und nicht zu einer Phrase abgekürzt. Aber trotzdem hat man es geschafft, das so simpel und eingängig zu formulieren, dass es ein klares Bild erzeugt.

Fällt Dir das leicht oder wie sitzt man an so einem Text?

Keno: Nein, das ist nicht überhaupt nicht leicht [lacht]. Das ist ein Prozess. Manchmal gelingt einem das weniger gut und früher konnte ich das nicht so wie jetzt. Man setzt sich ja als Musiker und als Texter damit auseinander mit dieser Wechselwirkung. Was habe ich produziert und wie kommt es an?

Nicht, dass man die ganze Zeit darüber nachdenkt, wie man das Maximum an Reaktionen rausholen kann, aber dieses Wechselspiel zwischen dem Hörer und dem Schaffenden ist immer da.

Und dann schreibst Du was und dann siehst du wie die Leute reagieren und denkst „Oh, ich hätte gern, dass die Leute anders reagieren“. Oder, dass die auf diese Sache reagieren, aber eigentlich habe ich ja das gemeint. Und so findest du vielleicht nach und nach heraus, wie du Sachen formulieren kannst, sodass die Message stärker rüberkommt. Ich glaub schon, dass das ein Lernprozess ist.

Wie geht es jetzt weiter für Moop Mama? Riesige Stadion-Tour im nächsten Winter oder weiter mit dem Rad durch die Stadt?

Marcus: Am Liebsten beides! Mit dem Rad ins Stadion. Nee, wir machen jetzt erstmal Heute und Morgen hier in Hamburg. Dann geht nächste Woche die Festival-Saison los. Da freu ich mich auch schon drauf. Das ist ein ganz anderes Auftreten, eine ganz andere Erfahrung, die man da macht. Hättest du überhaupt Bock auf Stadien?

„Hier unten ist die Masse, hier oben bist Du – kann schon komisch werden.”

Keno: Naja, wir waren mit Jan Delay ja schon in so Stadien-artigen Dingern. Das hat alles Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite ist das ein ultra-riesiges Erlebnis. Du stehst auf der Bühne und tausende Leute sind da und feiern das ab. Das ist eine Gewalt, aber sie ist völlig formlos. Du kannst niemandem mehr ins Gesicht schauen.

Das ist der krasse Gegensatz zu dem, was wir jetzt machen. Wo du die Energie von Angesicht zu Angesicht direkt abbekommst. Du bist da den Menschen viel näher. Was nicht heißt, dass das im Stadion nicht auch ein großes Ding sein kann, aber das ist ein ganz anderes Gefühl.

Ich hoffe, dass wir es schaffen, beides ab und an zu erleben. Denn wenn man nur das Eine erlebt, könnte einem was fehlen. Wenn man nur noch ins Stadion geht, könnte man schon eine Distanz entwickeln, eine Abgebrühtheit, die einen dann entfernt. Hier unten ist die Masse, hier oben bist du – kann schon komisch werden. Deshalb ist es sehr gesund, wenn man sich in so eine echte Menschlichkeit reinbewegen kann und das gibt einem auch ein gutes Gefühl.

Marcus: Absolut!

Keno: Die Mischung macht es!

Marcus: Wobei es auch fett ist vor 40.000 Leuten zu spielen…

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Foto: Simon Glass

Kann man denn dabei locker bleiben?

Marcus: Sagen wir so: Das Gute ist ja: Wir machen das schon ein Weilchen und man kann sich wirklich blind auf jeden verlassen. Das heißt, man geht da nie allein raus. Wenn ich jetzt allein rausgehen müsste vor 40.000 Leuten würde ich mir in die Hosen scheißen.

Keno: Aber man wir sind zehn!

Marcus: Aber es ist klar, du gehst da nicht allein raus, sondern wir sitzen alle im gleichen Boot. Das gibt einfach Sicherheit, Rückhalt, den ich auch bei anderen Bands in der Form noch nie erlebt habt. Ich habe mit den Jungs keine Angst. Du?

Keno: Mir geht’s da ähnlich. Die größten Bühnen haben wir wirklich mit Jan Delay gespielt und da war es schon so, dass ich erstmal erstaunt war, wie locker ich das nehmen konnte, dass mich das gar nicht so berührt hat. Ich habe mehr gemerkt, dass das ganz schön weit weg ist. Das wird so ein bisschen irreal.

Wir haben eine Show auf die Beine gestellt, die war so knackig und kompakt, dass man eigentlich nur noch gefeuert hat. Das war ein geiles Gefühl diesen Apparat auf die Masse loszulassen. Dann gab es mal diesen Moment, wo ich den Text vergessen hab und wo mir im Bruchteil einer Sekunde einmal ganz kurz klargeworden ist, dass mich 13.000 Leute anstarren. Boah…

Das war bei „Roboter“. Das ist so ein Text, Du kennst den Song vielleicht, der braucht immer sehr viel Konzentration, weil alles sehr, sehr gleich ist und wenn man mal den Faden verliert, kommt man schwer wieder rein. Obwohl ich das auch meistens schaffe aber diese Sekunde hat sich angefühlt wie alles auf einmal. Und dann wird Dir das ganz kurz klar und das darfst Du auf keinen Fall fühlen, dass Dich so viele Leute anschauen.

Ab dem Moment war es schlagartig Anstrengung pur. Du musst ja in deiner Form bleiben und so tun als wäre nichts. Du kannst nicht im Boden versinken. Und das hat einige Tage gedauert bis sich dieses Gefühl wieder normalisiert hatte. Dann hatte man wieder die Lockerheit aber dieser Schreck war krass. Der hat lange angehalten.

Marcus: Das war auch lange dein Angstgegner dann…

„Es kann schon scheiß anstrengend sein diesen Spaßvogel zu mimen.”

Keno: Ich hab beim nächsten Mal gesagt: Bitte diesmal nicht! Und ich hab dann statt ins Publikum zu gucken auf die Spitze meines Mikrofons geschielt, damit ich nichts sehe. Und ich glaube dieses Angsthaben auf der Bühne hängt viel von der eigenen Verfassung ab. Ich hab da echt unterschiedliche Sachen erlebt und man entwickelt mit der Zeit eine Art mit sowas umzugehen.

Auch wenn es mir schlecht geht werden es vermutlich 80% nicht merken, aber die, die mich kennen sehen es schon. Wenn man selbst nicht so gut drauf ist und sich gerade nicht so toll findet, was jedem mal passiert, kann es schon scheiß anstrengend sein diesen Spaßvogel zu mimen. Aber auf der anderen Seite, wenn man sich gut fühlt und drauf einlassen kann ist es das größte der Gefühle.


Die Jungs verlassen schnell das Foyer und kommen erst wieder, wenn sich das Foyer bereits gefüllt hat mit Fans, die Moop Mama live erleben möchten. Später sehen wir uns nochmal wieder, wenn die Band auf dem Lattenplatz einmal mehr zeigt, was sie drauf hat. Trotz strömenden Regens verlässt kein Einziger den Platz.

Danke an Simon Glass für die tollen Fotos!

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