Motorama stammen aus dem russischen Rostov-on-Don, erscheinen auf dem französischen Label Talitres und spielen klassischen Postpunk. Als klassisch betitele ich es deshalb, weil ihr Stil viel mehr mit dem althergebrachten Joy Division-Postpunk als mit dessen modernisierenden Nachkommen wie Interpol zu tun hat.

Motoramas Sound wirkt staubig, und das im besten Sinne. Nie nach modernen Standards abgemischt, der Bass oft stark im Vordergrund und dabei immer etwas dreckig gespielt. Vlad Parshins Stimme liegt leicht rauschend und effektbehangen über den Bandaufnahmen und seine Stimmlage und Betonung ist der von Ian Curtis nicht unähnlich. Motorama sind vintage, dabei aber weit weg vom Hipstertum. Ihre Aufnahmen sind lo-fi, das Songwriting aber völlig undilettantisch. Ein Hang zum Pathos ist hin und wieder zu spüren, aber der Sound bleibt durchgehend bodenständig und Songs werden nie epochal überlebensgroß wie bei den bekannteren Artverwandten. Sie transportieren Düsternis und Depression in durchaus tanzbaren Stücken, die nie eine gewisse Leichtigkeit verlieren.

Nach den ersten zwei Alben „Alps“ und „Calendar“ soll nun also im Januar 2015 mit „Poverty“ das nächste Album erscheinen. Laut Facebookpost der Band erscheint dies auf CD, Vinyl und Kassette (!), ein genauer VÖ-Termin ist bisher nicht bekannt. Und nachdem die Band auf ihrem zweiten Album für meinen Geschmack teils schon etwas zu stark instrumentiert war, macht der erste Vorbote auf’s neue Album wieder richtig Lust auf mehr. Denn da ist er wieder: Dieser herrlich reduzierte Retro-Klang. Das Stück heißt „Dispersed Energy“ und bringt alles mit, wofür ich Motorama schätze – ich habe das ja gerade probiert, in Worten zu illustrieren. Das Video ist nicht spektakulär, trifft aber den Nerv des Songs. Verwackelt und mit ordentlich Bildrauschen sieht man Live-Videomaterial der Band, dazwischen voyeurhafte Aufnahmen einer rauchenden, leicht bekleideten Dame und kryptischerweise Bilder von Skulpturen. Alles ist, so gehört es sich für eine Band, die die Vergangenheit aufleben lässt, im 4:3-Format gefilmt.

Leider sind bisher noch keine Tourdaten für das kommende Jahr bekannt. Wenn Motorama wieder in der einen oder anderen deutschen Stadt aufschlagen sollten, sei jedem ein Besuch wärmstens ans Herz gelegt. Ich selbst habe sie im Hamburger Knust beim Reeperbahnfestival 2013 live erleben dürfen und der Gig wird mir ob seiner Intensität und Authentizität lange in Erinnerung bleiben.

Wer bis hierher gelesen und bestenfalls ein Interesse am Schaffen von Motorama aufgebaut hat, der hat folgende Information verdient: Das gesamte erste Album sowie mehrere EPs und Singles stellt die Band selbst hier zum kostenfreien Download zur Verfügung. Damit lässt sich die Wartezeit auf das neue Werk „Poverty“ hoffentlich verkürzen.

Älteres Motorama-Material als Free Download

Bildquelle Flickr