Foto: Calvin Müller

Foto: Calvin Müller

Sein hair game ist strong, sein voice game noch stronger. Sein Label heißt Four Music und er reift dieser Tage womöglich zu einem neuen Stern am deutschen Pophimmel heran: Nisse. Behutsam aber sicher steigt er gerade immer weiter auf, erscheint auf immer mehr musikinteressierten Radaren und wird am Freitag mit der Veröffentlichung seines ersten Albums „August” einen weiteren, wichtigen Schritt in Richtung größerer Aufmerksamkeit gehen. Erfreulich, dass er diesen Weg nicht beispielsweise als Vorentscheidskandidat zum Eurovision Langweilcontest beschreitet und auch nicht am vergangenen Samstag bei Stefan Raabs Abklatsch dieser Show auf der Bühne stand – denn nach dem ersten Hinhören zu urteilen, böte Nisse sich mit seiner gesangsorientierten Popmusik durchaus für derlei massenkompatible Formate an. Es ist ein großes Glück, dass er so etwas bis dato noch nicht mit sich machen ließ, denn dann wäre er vermutlich schnell verheizt und seiner Musik der Zauber genommen. Stattdessen wächst Nisse organisch und wird sich, so sage ich es nochmals voraus, in naher Zukunft etablieren können. Wir durften seine erste Platte „August” bereits hören und uns ein Bild davon machen, wie gerechtfertigt diese vermutlich bald einsetzende Entwicklung ist.

Passend zum Releasetermin sind die ersten Worte, die der Hamburger in „Schiff und Anker” anstimmt: „Ein Freitag im September”, denn da beginnt auch seine Reise durch die Beziehungswelt, die die wichtigste Inspirationsquelle seiner Lyrics bildet. Mit bedrohlichem Klavierspiel und klackenden Drums werden wir in die Atmosphäre der nächtlichen Autofahrt hineinversetzt, in der seine Geschichte beginnt – „meine Hände auf deinem Bein, deine Hände auf deinem Lenkrad”. Nahtlos setzt hier „Ich fahr” mit seinen 808-Drums an:

„Ich mach‘ mich auf den Weg und fahr‘ an alle Orte wo wir waren. Ich tättowier‘ die ganze Stadt mit deinem wundervollen Namen. Ich demolier‘ die ganze Stadt, nur für das, was wir beide waren!”

Diese Zerrissenheit zwischen Liebe und Schmerz lässt sich an so mancher Stelle im Album wiederfinden und mag zwar etwas pathetisch wirken, doch seine Emotionen weiß Nisse wirklich passend und nachvollziehbar zu Lyrics zu verarbeiten. Wenn er in „Liebe Liebe” singt,albumcover „Ich steh vor deiner Tür, vielleicht so lang‘, bis deine Nachbarn die Bullen holen!”, dann kommt es überzeugend rüber und offenbart sein Storytelling-Talent. Und wenn er dann noch eine Zeile wie „Du bist das Mädchen Nummer 1 in einer Stadt, in der nur Nullen wohnen!” darauf folgen lässt, weiß man schon jetzt, dass sie schon bald Tumblr-Blogs und Schulhefte zieren wird. Das ist vielleicht seine stärkste Eigenschaft: Er verpackt Persönliches und Emotionales in zitatfähige Texte, in denen sich fast jeder wiederfinden kann, und weiß trotzdem eine glaubwürdige, durchgehende Geschichte auf Albumlänge damit zu erzählen. Und die Hits hat er ohnehin im Gepäck:

„Ich warte – auf deine unmögliche Art, vor den Großraumdiskotheken deiner Stadt. Fabienne! Wo willst du hin Fabienne? Siehst du nicht den Himmel brennen? Als Feuerwerk für dich, Fabienne!”

Catchy, tanzbar und doch gedankenvoll wird „Fabienne” mit diesem Bollwerk von Refrain zum eingängigsten Track der Platte. Da mag man ja fast wieder an die ganz große Liebe glauben – an die ganz große Popmusik allemal!

Neben all den bretternden Synthie-Tunes wie in „Entferne mich” zeigt Nisse mit „Walkman und Anlauf”, dass er auch ruhigere Töne anzuschlagen weiß: Folk-Gitarre, sanfte Drums und ein paar Flächen bilden hier das atmosphärische Fundament für eine Hymne auf die Angebetete unseres Protagonisten:

„Sie sagen Mädchen, bleib am Boden, du kannst die Schwerkraft nicht besiegen. Und während sie das sagen, lernst du einfach fliegen. Mit deinem Walkman und mit Anlauf, so viel Anlauf wie’s nur geht. Für alle anderen sieht’s nach Angst aus, doch du bist mutiger denn je.”

An allen Ecken und Enden finden sich diese Sinnbilder und Merksätze wieder, auch im ruhigen „Sonne”, den Jules-Verne-Reminiszenzen bei „Tiefe” oder auf der Vorabsingle „Herz auf Beat”, die wir euch an dieser Stelle bereits präsentierten.

Die Texte von Nisse sind stets auf den Punkt und illustrieren seine Gedanken zu bestehender und verflossener Liebe sehr ansprechend. Dabei muss es nicht immer so gefühlsduselig und seicht zugehen – bei peitschenden Drums und tiefen Synthie-Bässen wird er in „Schmerzfrei” sogar recht aggressiv:

„Du kannst ficken mit meinem Verstand, doch meine Seele ist ’ne Nummer zu hoch! Du kannst ficken mit meinem Verstand, doch meinem Herz hast du nicht mal einen runtergeholt!”

Nach all den hellen und düsteren Beziehungsepisoden tut es dann auch mal gut, wenn Nisse gen Ende euphorisch seinen Vorbildern huldigt. Er besingt „Michael, John und Rio, Drafi, Kurt und Falco” bei „MPS” und bietet jenen großen Namen der Musikgeschichte eine tolle Ode. Und so führt er die emotionale Berg- und Talfahrt von „August” dann auch mit dem letzten Stück an ein recht versöhnliches Ende mit einer letzten Metapher: „Du lässt die Schwere los und treibst auf in die Schwerelosigkeit”.

Beides findet auf den zwölf Tracks seiner Debütplatte seinen Platz: All die Schwere in seinen Lyrics, aber auch die teilweise schwerelos scheinenden, elektronischen Beatkonstrukte, die die Gefühligkeit der Texte ebenso gut zu transportieren wissen. Alles zusammen ergibt ein außerordentlich stimmiges Gesamtwerk, das in der deutschen Popszene seines Gleichen sucht. Mit seiner Liebe zum Detail in Produktion und Text hat Nisse ein wirklich beachtliches Debütalbum geschaffen, dass sich hierzulande vor niemandem zu verstecken braucht und hoffentlich seinen Weg in viele Ohren findet, die es zu schätzen wissen. Die Zielgruppe ist hierbei wirklich breit gefächert und so bleibt zu hoffen, dass die Mund-zu-Mund-Propaganda weite Wellen schlagen wird – denn Nisse hat sich eine weitgreifende Aufmerksamkeit mit dieser großartigen Platte ganz klar verdient!

[asa]B00YJLATVQ[/asa]