Mark Lanegan 02

Foto: 4AD

Mark Lanegan – ein Sänger, der bereits seit 1986 aktiv ist, nie still stand und seitdem einiges vorzuweisen hat im Rock-Bereich, ohne aber im ganz großen Rampenlicht zu stehen. Das braucht er auch gar nicht, wahrscheinlich will er das nicht einmal. Er besinnt sich stattdessen auf seine Musik und seine Stimme, statt ins große Publicity-Rampenlicht zu wollen.

Mark Lanegan - Bubblegum

Während mich sein aktuelles Album „Phantom Radio” nicht komplett anspricht, hat er vor allem für ein Album auf ewig einen großen Stein bei mir im Brett und das ist „Bubblegum”, welches 2004 (also vor 11 Jahren!) veröffentlicht wurde. Bis heute höre ich es in unregelmäßigen Abständen immer wieder von vorne bis hinten durch, denn hier zeigt sich die dunkle Seite eines begabten Menschen, der diese ungefiltert und in lyrischer Höchstqualität weitergibt. Dieses Album ist bei weitem nicht so freundlich, wie es der Titel vielleicht nahelegen mag.

Bereits der erste Song geht unter die Haut: „When Your Number Isn’t Up” ist ein erstes Beispiel des reduzierten Dark-Blues, der den Hörer über weite Strecken des Albums erwarten wird: In intimer Atmosphäre hört man ein zunächst ein Klavier und anschließend einen simplen Drum-Machine-Beat sowie minimalistische Gitarren- und Bass-Sounds. Der Fokus liegt auf Lanegans Stimme, die sich nach viel zu vielen Zigaretten und ebenso vielen Whiskey-Flaschen anhört. Wenn diese Stimme dann über die eigene Nutzlosigkeit, Einsamkeit und Suizid singt, bekommt man Gänsehaut ob der Brutalität und Offenheit seiner Lyrik, mit der er diese Themen anbringt.

No one needs to tell you that
There’s no use for ya here anymore
And where are your friends?
They’ve gone away
It’s a different world, they left you to this
To janitor
The emptiness
So let’s get it on

Mark Lanegan – When Your Number Isn’t Up

Diese Tragik zieht sich durch das gesamte Album und über verschiedene Themen hinweg. „Metamphetamine Blues” behandelt beispielsweise Drogenabhängigkeit und das Gefühl, wenn man gerade mitten im Drogentrip ist, man diesen „Himmel” nicht verlassen will. Wenngleich dieser Song zu den lauteren und stärker instrumentalisierten von „Bubblegum” gehört, verspürt man eine beklemmende Enge. Man weiß, dass das, was Lanegan besingt, nur die eine Medaille ist und er weiß das genauso: „Rollin‘ just to keep on rollin’”.

Rockig ist auch „Sideways In Reverse”, die die damals erste Single des Albums. Der Song wird von einem druckvollen Riff getrieben und Lanegans Stimme gibt dem Ganzen dann eine noch dreckigere Note. Ebenfalls etwas flotter geht man auch bei „Hit the City” zu Werke, der zweiten Album-Single. Ein grooviges Drum-Pattern, der von Joshua Homme eingespielt wurde, begleitet Lanegan und PJ Harvey, die im Duett darüber singen, wie das Stadtleben sie von innen ausbrennt. Die Gegensätzlichkeit in den beiden Stimmen ist dabei das eigentlich Spannende. Sie passen zueinander, weil sie nicht zueinander passen.

Insgesamt bleiben die rickigeren Songs aber in der klaren Unterzahl – der Fokus liegt auf dem erwähnten und dunklen Blues, den Lanegan geradezu zelebriert. „Wedding Dress” ist ein weiteres Beispiel der lyrischen Dunkelheit, die zu dieser Zeit in Lanegans Kopf umherging. Untermalt von einer hypnotisierenden Bassline fragt er PJ Harvey, ob sie das weiße Kleid anzieht und sich an ihn erinnern würde, nachdem er verbrannt sei. „Wedding Dress” ist eines dieser Liebeslieder, die atmosphärisch und textlich so dunkel komponiert sind, dass es einem ganz kalt über den Rücken läuft. Im krassen Gegensatz dazu steht „Strange Religion”, welches ebenfalls ein Liebeslied ist, aber textlich und musikalisch deutlich positiver aufgestellt ist. Es zeigt einen angekommenen Lanegan: „We’ll just keep drivin’”. Im Gegensatz zu den meisten Songs dieses Genres wirkt es nicht anbiedernd, sondern einfach überaus ehrlich.

Geradezu hypnotisierend wirkt auch „One Hundred Days”. Dieses Mal aber viel weniger durch die Instrumentalisierung, als durch das grandiose Duo von Lanegan und Chris Goss, dem Sänger der Masters of Reality und gleichzeitigen Großvater des Stoner-Rock. Goss zeichnet sich durch seine göttliche und voluminöse Stimme aus, die er hier hervorragend im Chorus zur Geltung bringt.

There is no morphine, I’m only sleeping
There is no crime to dreams like this
And if you could take something with you
It would be right
Something good

Mark Lanegan – One Hundred Days

Nach 14 Songs neigt sich das überaus abwechslungsreiche und doch thematisch zielgerichtete Album mit „Out of Nowhere” dem Ende entgegen. Zwei Gitarren begleiten Lanegan, der in neuen Zeiten nach Wegleitung bittet, zunächst in ruhiger Gangart, bis treibende Percussions und ein Gitarrensolo im Bridge-Teil einsetzen, um sich anschließend wieder in der Ruhe des Albumendes zu verabschieden. Mark Lanegan schließt das Album ebenso ruhig ab, wie er es einleitet, zieht aber ein deutlich positiveres Fazit: „Those highlights you’ve made are mine”.

Noch immer ist „Bubblegum” meiner Meinung nach das beste musikalische Werk, das Mark Lanegan bis heute veröffentlicht hat. Es zeigt alle Facetten dieses mysteriösen Menschens: Von Selbstzerstörung und Negativität in jeglicher Form geht es über Liebe bis hin zum Aufbruch. Alle diese Songs zeichnen sich durch die einmalige Stimme aus, mit der er problemlos jegliche Atmosphäre schaffen kann, die er will. „Bubblegum” ist in jeglicher Hinsicht sein kreatives Meisterwerk.

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