St Emmi

„Ich habe eingesehen, dass wir uns lächerlich machen!” – Diese Worte brüllte ein Mann namens Thees Uhlmann vor längerer Zeit in ein Mikrofon, kurz vor Ende der damaligen LP „Eine sonnige Nacht”. Ob er mit dieser Aussage wohl damals unterschwellig auch eine Meinung zu seiner bis dato bestehenden Bandbesetzung bei Tomte und dem Sound der ersten zwei Alben äußerte? Lächerlich war das alles keineswegs! Doch das Ende der sonnigen Nacht markierte in jedem Fall einen Umschwung im Hause Tomte, denn mit dem Release der dritten Platte, „Hinter all diesen Fenstern”, änderte sich der Stil hin zu einem verträglicheren und ausproduzierteren, erste größere Erfolge machten sich bemerkbar und Uhlmann brüllte seither nicht mehr. Ums brüllen soll es in diesem Artikel gar nicht gehen, so oft hat der sympathische Blondschopf aus Hemmoor ja auch gar nicht gebrüllt, doch merkt man seinem Frühwerk einen deutlich roheren, teilweise fast in Emo-Gefilde hineinragenden Klang an, von dem heute nicht mehr viel übrig ist. So steht das wuchtige „Ich habe eingesehen” hier also sinnbildlich für diese Phase, deren Beendigung eines der Mitglieder damals eben nicht eingesehen hat: Christian Stemmann – friends call him Stemmi. Und so wirkt der Kehrvers seines Openers auf „Weiß: Der Himmel” wie ein trotziges Statement zu dieser Entscheidung: „Mollakkorde sollen bleiben!” – heißt im Grunde so viel wie: Echte Emotionen sollen bleiben! Nicht zu glattgeschliffene Sounds sollen bleiben! Handgefeste Gitarrenriffs sollen bleiben!

„Weiß: Der Himmel” erschien 2008 und markiert die erste Full-Length-Veröffentlichung unter dem Namen St. Emmi, mit dem sich Stemmi also quasi selbst zum Heiligen erklärte! Das passt ja zumindest insofern, dass er nun nicht mehr bloß Teil, sondern Kopf einer Band war und folglich auch selbstbestimmt sein Arbeitstempo festlegte, dem er – so verrät es die Bandinfo – bei Tomte damals nicht mehr zu folgen vermochte. So sind also ganze sieben Jahre ins Land gezogen zwischen Ausstieg und Neubeginn, und so fügt es sich doch gar nicht schlecht, dass wir weitere sieben Jahre später einen Rückblick auf sein Werk wagen. Nachdem er bereits in oben erwähntem Opener riet: „Frag mich nicht nach Sonnenschein”, geht es in „Von Dingen und Menschen” nicht weniger lethargisch weiter. Mit der gewieften Frage „Kennst du die Dinge, die man öfter putzt als benutzt?” liegt er durchaus in der Tradition der Hamburger Schule, macht das Alltägliche zum Aufhänger eines Songtexts, der dann doch so viel mehr als das in sich trägt. In „Meine Idee von diesem Abend” erinnert das Ganze dann sogar an Tocotronic zu Zeiten ihrer phänomenalen „Es ist egal, aber”-LP – die Zeit, in der eins zu eins noch nicht vorbei, das eine oder andere postrockige Element aber schon entdeckt war und den Schrammelgitarrensongs ordentlich Atmosphäre verliehen wurde. Auf ebenso atmosphärischem, gedankenversunkenem Gitarrenspiel singt Stemmi:

„Meine Idee von diesem Abend war nicht so wie dieser Abend letztlich lief. Ich hatte es mir ausgemalt, wir hätten so schön reden können, aber irgendwas ging schief. Wir hatten uns lang nicht gesehen, das war schade, das zu ändern, war mein Ziel. Stattdessen standen wir jetzt hier vor dieser Kneipe, wo man immer ist, wenn man sich treffen will.”

Man kann Dirk von Lowtzow diese Zeilen wirklich im inneren Ohr singen hören! Und im darauffolgenden Track entdeckt Stemmi dann wiederum ähnliche Elemente, Weiß der Himmelwie sie sich Tocotronic ein Album später zu eigen machten: Der Songtitel lautet „Krieg der Welten”, das Sci-Fi-Element brachten die Hamburger damals bei „K.O.O.K.” in der Covergestaltung unter. St. Emmis Rocksound wird hier von fiepsenden Synthies begleitet – man erinnere sich an „Tag ohne Schatten”! Als die Tocos diese Art von Musik machten, reiste Thees Uhlmann übrigens mit ihnen durch die Lande und verfasste das Tourtagebuch „Wir könnten Freunde werden” – doch langsam ziehe ich hier zu viele Parallelen! Viel einfacher herzustellen ist da der Bezug auf Die Sterne im Song „Wenn dir St. Pauli auf den Heiligengeistfeld” – eine hübsche Hommage an den Klassiker der ebenso in der Hamburger Schule verwurzelten Gruppe um Frank Spilker.

Eine wunderbare Singer-Songwriter-Nummer liefert Stemmi mit „Bis zehn” ab und lässt es sich nicht nehmen, sich dabei erst auf „Stille Nacht, heilige Nacht”, dann gar auf den frühen Superhit seiner Ex-Band „Korn & Sprite” zu beziehen – welcher sich wiederum als Hommage an Oasis verstand, deren Original hier ebenfalls seinen Platz findet! Ein Feuerwerk der Referenzen:

„Alles schläft, einsam wacht. Es ist so weit, bist du bereit? Für Gin and Tonic, für Korn und Sprite! […] Himmel oder Hölle? Schwarz-weiß oder rot? Leben oder Lügen? Liebe oder…”

Einen experimentellen Moment lässt der Macher dieser – wie ich immer stärker bemerke: verdammt guten – Platte ebenfalls nicht ausfallen: Der trägt nicht nur den hübschen Titel „Neulich hab ich mir zum ersten Mal in meinem Leben Geschenkpapier gekauft”, der findet auch noch auf ungewöhnlicher, elektronischer Basis statt und unser Protagonist fragt sich, „ob das etwas zu bedeuten hat”. All zu bedeutungsschwanger wirkt jedenfalls der Text des darauffolgenden „Würfel” zunächst nicht: „Ich sing‘ auf dem Fahrrad vor mich hin! Ich glaube das macht keinen Sinn!”, doch auch hier findet Stemmi eine interessante Wendung:

„Zu viele Gedanken, zu wenig Wort. Im Kopf saß ein Männchen – jetzt ist es fort! Ich sing‘ – das macht alles Sinn!”

Mit einem zauberhaften Song über ein von Zweifeln geplagtes „Eichhörnchen” schließt er sein Album ab. All diese, von speziellem Songwriting und einer rauen Produktion geprägten, am Ende aber doch sehr zugänglichen Lieder stammen aus der Feder Stemmis, den allergrößten Teil der musikalischen Umsetzung – einige Gastmusiker ausgenommen – übernahm er ebenso selber. Die sieben Jahre Tüftelei haben sich hörbar in gut durchdachter Musik niedergeschlagen, die besonders dann einen Heidenspaß macht, wenn man das Feeling der frühen Tomte-Alben immer ein wenig vermisst hat in der hiesigen Musikszene. Gebrüllt wird auf „Weiß: Der Himmel” übrigens überhaupt nicht – aber die leichte Roughness, für die diese damals teilweise von Uhlmann eingesetzte Gesangsart ein Indiz war, findet sich hier allemal wieder. Um dennoch einen Bogen zum Artikelbeginn zu schlagen, setze ich hier mal ein etwas holpriges „Gut gebrüllt, Löwe!” ein. Warum hat dieses tolle Album eigentlich – damals wie heute – nicht viel mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen können?

Während Thees Uhlmann sich mittlerweile als Solokünstler in die Herzen der Nation spielt, reifte St. Emmi hingegen zur ausgewachsenen Band heran – und siehe da, Ex-Tomte-Drummer Timo Bodenstein ist Teil des Quartetts geworden! Gemeinsam mit Stephan Wieckhorst und Florian Gelling wird nun immer häufiger auch live gespielt, so beispielsweise am 21. November im Berliner Schokoladen oder kommenden Februar im Molotow zu Hamburg – das wären doch passende Zeitpunkte, diese unter dem Radar laufende Musik mal nachzuholen, oder?!

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