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Brechen erstmal die kalten Tage an, wissen die Spezies dieser Erde damit umzugehen: Ich spreche von den Vögeln die in den Süden fliegen, dem verstaubten Glühwein aus dem Rewe-Regal, der nach 10 Monaten endlich seinen Besitzer wechseln darf und den Killers die schon wieder einen Weihnachtssong auf den Markt werfen.

Wir bei noisiv.de halten es mit den Traditionen der Musikschreiberlinge ebenso hoch und bewerfen auch euch mit unseren Top 5 Listen der schönsten Alben des Jahres. Individuell und subjektiv, ohne Grenzen, ohne Wertung. In der vierten Woche darf ich euch nun meine Favoriten aus diesem Jahr präsentieren.

Eine Liste, auf welcher erstaunlich viel Hip-Hop wie Punk vertreten ist. Es wäre sogar noch mehr gewesen, hätten sich Earl Sweatshirt oder A$AP Rocky nur ein kleines bisschen mehr angestrengt. Aus dem UK beschweren sich Noel Gallagher’s High Flying Birds und Wolf Alice und in Kanada haben The Weeknd, Drake und Viet Cong das Nachsehen. Vielleicht ja nächstes Mal.

#05: Dr. Dre – Compton

Compton 01

Wer hätte vor wenigen Monaten noch gedacht, dass es ein neues Dr.-Dre-Album sein wird, dass am Ende des Jahres bleibenden Eindruck hinterlässt? Über 16 Jahre feilte der US-Rapper an Beats und Lyrics für sein drittes Studioalbum Detox, nur um es letztlich komplett in die Tonne zu treten. In der Zwischenzeit wirkte der alternde Doktor selten stärker als stets bemüht: Der frühere NWA-Rapper begann sich an melodramtatischen Pop-Hooks zu bedienen und holte mit Kush gar noch einmal das Hit-Kochbuch der späten 90er-Jahre aus dem Schrank. Auf diesen Stücken wirkte Dre in seiner Rolle als Rapper wie ausgelaugt, an ein Comeback im Ausmaß eines neuen The Chronic oder 2001 war nicht mehr zu denken.

Und dann geschah 2015: Angetrieben durch die Arbeiten an den Film „Straight Outta Compton” bastelte Dre zusammen mit Größen wie Kendrick Lamar, Veteranen wie Eminem und Snoop Dogg und auch Newcomern, wie Anderson.Paak oder Jon Conner, an einer der anspruchsvollsten Hip-Hop-Produktionen des Jahres. Ausgerechnet Dre! Compton ist die kreative Befreiung des Hip-Hop-Milliardärs sofort anzumerken. Statt Pianosamples und Hymnen auf Weed und Sportwagen steckt einiges an To Pimp A Butterfly und der damit einhergehenden Selbstreflexion im finalen Werk des Rappers und Produzenten.

Schwache Tracks sucht man vergeblich und selbst ein Snoop Dogg weiß nochmal für seinen alten Kumpel und Entdecker seine stärksten Bars seit Jahren rauszuholen. An diesem Album wird man als Fan der 90er letztlich noch eine Weile zu knabbern haben. Vermutlich auch, weil der inzwischen 50-jährige Beats-Electronics-Gründer auf die typischen Radio-Hits verzichtet und dem Ohr des Zuhörers eine gewisse Reife zutraut. Ich habe hingegen nur an einem zu knabbern: Das es Andre Youngs letzte Platte sein soll.

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#04: Fidlar – Too

FIDLAR-Too

Sind die Titel des Erstlings häufig das Ergebnis jahrelanger kreativer Arbeit an Melodien, Riffs und Texten, verhält es sich mit Album #2 wie ein Fluch: Das Label will mehr, die Fans wollen mehr – und alles soll am Besten genauso bleiben, wie es ist. Fidlar veröffentlichten 2015 Too – ein Wortspiel, dass offenbar mehr verrät, als die Dixie-Klos hinter den Konzerten der Garage-Punks. Zelebrierte und zierte das gleichnamige Debüt 2013 noch stolz Titel wie Cheap Beer, Wake Bake Skate, Blackout Stout oder Cocaine und schmückte seine Clips u.a. mit Hollywood-Stars. wie Nick Offerman (Parks and Recreation), wendet sich bei Too das Blatt dramatisch.

Leave Me Alone, Stupid Decisions, Bad Habits, Bad Medicine, Overdose und schlussendlich auch Titel wie Sober beschreiben den Zerfall einer Seele, die nur wenig mehr kennt, als Abends auf Bühnen die ausgelassenen scheiss-auf-alles-Titel des Debüts zu performen. Erstaunlich: Die jungen Kalifornier entfernen sich von ihrem prägnanten Skate- und Garage-Punk des Debüts dabei kein bisschen. Es gab zweifelsohne stärkere Punk-Platten in diesem Jahr, jedoch hat mich nur wenig mehr fasziniert, als der offene Kampf mit eben jenen Dämonen, die Frontmann Zac Carper und seiner Band zwar zum Durchbruch verhalfen, nun aber nach der Rechnung bitten. But that’s Fidlar, too.

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#03: Tame Impala – Currents

Tame Impala - Currents

Dieser Top 5 hättet ihr einen Krankenwagen rufen müssen, wäre das Album nicht bei, dass die stärkste Single des Jahres in sich trägt: Der achtminütige Album-Opener Let it Happen von Tame Impala sorgte für eines der überraschendsten Momente dieses Musikjahres und sollte den Grundpfeiler für die dritte Platte der Australier legen. Die Alternative-Rocker um Produzent, Komponist und Sänger Kevin Parker, entfernten sich mit Currents von den knarrenden Riffs und erteilten jeglichen Ausflügen in die Spähren des Classic Rock eine Absage. Ein gewagtes Spiel, waren es doch gerade diese Qualitäten die den Vorgänger Lonerism zum Soundtrack der 2012er-Klasse der Musiknerds katapultierte.

Currents spielt mit elektronischen Dance-Einflüssen, tauscht die Gitarre mit Synthies aus und zelebriert auf 50 Minuten Albumlänge einen ansteckenden Psychedelic-Pop. Stücke, wie Let it Happen oder The Less I Know The Better, sind das Rezept gegen nörgelnde Fans und schreibfaule Kritiker, die nur wenig für Genrewechsel übrig haben und ein Musterbeispiel dafür, dass nichts und niemand einer Veränderung einer Band im Wege stehen muss – solange sie so schöne Songs schreiben wie diese.

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#02: Feine Sahne Fischfilet – Bleiben oder gehen

Bleiben oder gehen

„Das erste Mal“ für jemanden „ganz besonderes“ aufsparen – im Januar diesen Jahres tatsächlich so geschehen. Bleiben oder gehen hieß der vierte Langspieler der Punkband aus Mecklenburg-Vorpommern, welcher die Grundlage für mein erstes Review auf noisiv.de bildete. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Lyrics des Vorgängers Scheitern & Verstehen längst in meinem Kopf eingebrannt, Tickets wurden gekauft und die Kehle kaputtgeschrien. Elf Monate nach Veröffentlichung hat auch Bleiben oder gehen seine Spuren bei mir hinterlassen. Aus der Scheibe spricht mit Drücken des Play-Buttons das pure Gefühl heraus, nähert sich ein wenig mehr der Seele statt der Kehle. Im Detail bin ich im Review bereits ausführlich darauf eingegangen.

Die Rezension alleine ist jedoch nur wenig wert, ohne die Gigs, die diese Band seither spielte und den Fans, die anwesend waren. Die neuen Stücke taten weh (Glitzer im Gesicht), warfen die Arme der Zuschauer aneinander (Warten auf das Meer) und sogar ein wenig Hip-Hop in die Show (Wut)! Es wird mir immer eine Ehre, diese Jungs Live spielen zu sehen.

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#01: Kendrick Lamar – To Pimp a Butterfly

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Hand aufs Herz und Hirn auf Stift: das Rennen wurde bereits im Frühjahr entschieden. Schon im Vorjahr warf der dritte Langspieler des Rappers aus Compton mit der ersten Single I seine Schatten voraus, ein Auftritt als finaler musikalischer Act bei der Late-Night-Show von Stephen Colbert vor seiner Letterman-Übernahme deutete heftige Einflüsse aus dem Jazz- und Soul-Bereich an. To Pimp A Butterfly wollte kein gemütliches Hip-Hop-Album werden, das zeigte schon die Veröffentlichung inmitten einer Phase, in der der US-Markt mit neuen Releases von u.a. Drake, Action Bronson, Earl Sweatshirt, Big Sean, Ghostface Killah und Kanye West bereits vollkommen überladen war.

Kendrick gelang es nicht nur an die Spitze der US-Charts zu klettern, auch beherrschte der Genremix aus Funk, Jazz und Hip-Hop eine Sprache, die Gesellschaftskritik fließend sprach (The Blacker the Berry) und zwischen Homage und Identitätsfindung ein fiktives Interview mit Tupac Shakur himself zulässt (Mortal Man). Last but not least verstehen sich Funkbretter, wie King Kunta, als Schweißdrüsen-Partnerbörse, falls das Gehirn nach den rund 80 Minuten der Platte keine mehr aussondern kann. Wir sehen uns wieder – in der Top-Ten-Liste der größten Alben des Jahrzehnts.

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