Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Zwei Punk-Bands auf einem kleinen Schiff mit über 100 feierfreudigen Punkern? Das hört sich nach einem nicht alltäglichen Konzerterlebnis an, was die Kollegen vom Downpour Fanzine auf die Beine stellten. Am einem sonnigen und ebenso warmen Sonntagnachmittag brachten sie Nothington und Primetime Failure an Bord der MS Hedi und es sollte ein denkwürdiger Nachmittag werden.

MS Hedi

Die Ambivalenz in dieser Zusammenstellung wurde bereits vor dem Ablegen des Schiffs klar: Auf dem gegenüberliegenden Anleger konnten wir dem Soundcheck einer Schlager-Cover-Show zuhören So nah liegen diese grundverschiedenen Welten wohl nirgendwo aneinander, wie am Dock 10 bei den Hamburger Landungsbrücken.

Die MS Hedi wird dann also mit Punks vollgeladen und legt ab. Primetime Failure aus Bielefeld übernehmen an dem Tag den Support-Slot und beginnen mit ihrem Set. Die gute Stimmung, die bereits überall vorherrschte, macht sich nun wirklich bemerkbar. Sowohl die Band, als auch die Crowd haben richtig Spaß an der Sache. Der Pop-Punk der Gruppe geht gut nach vorne, dazu fließt die Selbstironie in vergleichbaren Maßen, wie das Bier. Gute Laune, ideales Sommerwetter und laute Live-Musik im kleinen Raum. Musiker und Zuschauer stehen direkt nebeneinander – keine erhöhte Bühne, keine Distanz – näher dran geht es gar nicht mehr.

Primetime Failure liefern also ein cooles Support-Set ab, nach dem Auftritt legt das Schiff nochmals an, denn der Getränkevorrat will aufgestockt werden. Währenddessen machen sich Nothington auf der „Bühne“ breit. Die Spannung ist hoch, die Laune weiterhin ausgelassen. Ein Punk-Konzert an einem Sonntagnachmittag auf einem Schiff – das erlebt man eben auch nicht jeden Tag. Die bereits erwähnte Ambivalenz ist ein großer Faktor dessen, weswegen das hier so interessant ist.

Das Schiff ist nun wieder vollgeladen und legt zur zweiten Hafenrundfahrt ab. Nothington fangen nun an. Die Crowd, die zuvor schon gut dabei war, dreht nun völlig durch. Bereits der erste Song wird ekstatisch mitgebrüllt und die Einheit, die sich hier ergibt, sucht ihresgleichen. Es wird immer lauter, die Meute hat immer mehr Bock und das schwappt auch auf die Kalifornier über. Die haben zuvor noch nie ein Konzert auf einem Schiff gespielt, wie Bassist Joe McMahon kommentiert. Auch für sie ist es also was besonderes und sie genießen sichtlich jeden Moment, den sie hier bekommen.

Diese geniale Stimmung, die hier herrschte, sollte sich übers gesamte Set hinweg nicht verflüchtigen. Stattdessen wird gefeiert, was das Zeug hält. Sogar Crowdsurfing ist in dieser beengten Location drin – irgendwie bekommt man eben doch alles hin, wenn man es nur will. Bei den Zugaben, die gespielt werden, als das Boot bereits wieder am Dock 10 anlegte, erreicht all das den Höhepunkt. Völlige Ekstase, breites Grinsen in jedem Gesicht.

Dieses Konzert ist keines dieser üblichen Veranstaltungen, die übers Jahr hinweg zuhauf zu sehen bekomme. Das hier ist etwas besonderes gewesen. Die Temperatur, die auf dem Schiff vorherrschte, sprach Bände darüber, wie sich jeder gegenseitig weiter gepusht hat. Es kam einer regelrechten Erleichterung gleich, als ich das Schiff wieder verließ. Trotzdem: Am Liebsten wäre ich für eine zweite Tour direkt wieder aufs Schiff gegangen.

Solche Momente sind jene, an die man sich auch dann noch erinnert, wenn man am Jahresende auf eine Konzertzahl im hohen zweistelligen Bereich zurückblickt. Standard – das können inzwischen fast alle. So etwas hingegen nur die Wenigsten. Nothington und Primetime Failure gehören dazu und spielten einen Konzertnachmittag, wie er nicht punkiger hätte sein können: Eine perfekte Symbiose aus Bands und Zuschauern, alle im Einklang zueinander, alle auf Augenhöhe mit der Idee der Community im Fokus.

Fotogalerie: Nothington

Fotogalerie: Primetime Failure