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Es gibt sie zuhauf, diese kreativen Eigenbrödler, die an ihrer Vision tüfteln und in deren Köpfen die spannendsten, neuartigsten Ideen entstehen. So etwas dann aber bis zum finalen Produkt durchzuziehen, dazu gehört schon etwas mehr als bloße Träumerei. So geschehen bei Johannes Molz: Über sein Ein-Mann-Label Quintenquanten erscheint dieser Tage das erste Album seiner Ein-Mann-Band null, das auf den Titel „Hallo Boden” hört. So weit, so gewöhnlich, wäre da nicht dieser unkonventionelle Twist in der Veröffentlichungsstrategie: „Hallo Boden” erscheint als digitaler Release und doch in haptischer Form, jedoch nicht auf einem physischen Ton-, sondern Buchstabenträger. Das Werk umfasst nämlich nicht nur 37½ Minuten Musik, sondern auch eine dazugehörige Novelle im rund 200-seitigen Hardcoverbuch. Eine CD haben wir zwar freundlicherweise auch bekommen, diese gibt es aber nur zu Promozwecken, denn, so schreibt es uns Molz selbt, „Plastik gibt es schließlich schon genug auf dieser Welt”. Konzentrieren wir uns aber auf den musikalischen Part des Projekts null, denn dessen Referenzen – The Hirsch Effekt, Zinnschauer und Motorpsycho – machen definitiv neugierig.

Leseprobe der Novelle zum Album

Der Protagonist von null begrüßt im einleitenden Titelstück mit choralem Gesang den Boden, der seinen Kontrahenten in der literarisch-musikalischen Bergsteigergeschichte bildet. Molz zeigt sein Können an der Akustikgitarre, nach einem ruhigen Intro nimmt das Ganze dann Fahrt auf und gewinnt dank dusteren, elektronischen Element an Thrill, um sich schließlich in einem ordentlich Pathos versprühenden Abschluss zu entladen.

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„Ich hab‘ meine Ängste noch nie so gemocht, jetzt aber müssen sie sterben” singt Molz im darauffolgenden „Alpha Alpha” und sticht jenen Ängsten ins Herz, „denn für die Reise sind sie zu schwer” und immerhin will ein Berg bestiegen werden. Molz‘ Hang zum Unkonventionellen zeigt sich hier im Mix: Abrupt werden seine Vocals abgebrochen, um sich anschließend noch energetischer im C-Teil zu wiederholen und kurz darauf doch wieder zu einem Rauschen auszufaden. Wobei, was heißt hier C-Teil – von gewohnten Songstrukturen kann man bei seinen Tracks sicher nicht sprechen! Er präsentiert sich uns als Freund des Experimentierens. Im papierförmigen Teil von „Hallo Boden” versieht er so manchen Abschnitt mit Fußnoten, und so lässt er es sich auch nicht nehmen, in „Was Frost und Leid” seine eigene Wortwahl „Nur noch Moos und ein Paar Latschen” direkt darauf mit „Was für ein Wort – aber das nur am Rand!” zu kommentieren. Das nimmt seinem doch recht pathoslastigen Gesamtkonzept etwas das Überkandidelte und lässt es auf dem – ähem – Boden bleiben.

„Abends zieht Schlaf mit seinen Träumen durch die Welt. Verschwendet weder Wort noch Gefühl. Testet aus, wie weit die Narben tragen – genau so, wie meine Unruh. Und wenn er sich dann zu mir legt, dann nur weil sich das Mitleid in ihm regt.”

Molz hat offensichtlich ein Faible für Personifizierung – neben dem Ich-Erzähler spielen in seiner Geschichte der Schlaf, der Boden und die Unruh wichtige Rollen und tauchen immer wieder auf. Stringenz zeigt er ohnehin in seinen Texten: Der Quasi-Refrain von „Unruh” findet auch noch in darauffolgenden Stücken Erwähnung. Musikalisch teilen sich die einzelnen Tracks hingegen ihre Verspieltheit. Wo in „Wir sehen uns dann unten” noch atmosphärische Postrock-Gitarren auf leichtes elektronisches Gefrickel trifft, drischt er im „Seelenfressermantra” auf das Schlagzeug ein, erzeugt massig Spannung und dreht den Gitarrenverstärker, teilweise sogar den Stimmenverzerrer auf und verliert sich dann vollends in einem opulenten Progrock-Outro!

Diese eigensinnigen Herangehensweisen machen jeden Song zu einem besonderen Stück Musik, die ganze Tragweite von null erschließt sich aber doch erst auf Albumlänge. Und so trägt der letzte Teil seiner Erzählung auch den des Beginns in sich: „Licht (Hallo Boden II)”.

„Wo ist das Licht? Das hat sich der liebe Gott ja auch gefragt. Und dann das einzig richtige gemacht – nämlich Licht!”

Mit einem gewaltigen Achtminüter wird die null-Story zu einem beeindruckenden Ende geführt – oder vielleicht doch bloß eines von vielen Kapiteln? In dem Projekt steckt hörbar eine Menge Arbeit und es ist ihm durchaus anzumerken, dass Molz sich nicht nur einmal im Schaffensprozess gefragt haben wird, „ob es Weisheit oder Blödheit ist – oder beides!”, um ihn aus dem Rausschmeißer zu zitieren. In seinen Pressetexten, Youtube-Making-Ofs und auch seinem Buch ist das deutlich zu erkennen. Diese Verkopfheit und Tiefstapelei macht ihn nochmal eine ganze Ecke sympathischer – und aus ebenjenem Grund ist zu hoffen, dass „Hallo Boden” tatsächlich bloß den Beginn eines Gesamtwerks markiert, auch wenn es schon selbst als solches konstruiert zu sein scheint. Nach dieser hochspannenden Platte ist jedenfalls unbedingt auf mehr von null zu hoffen, denn solche Projekte sind es, die die oft so gleichgeschaltete Musikwelt immer wieder um tolle, neue Facetten bereichern!

Wer den Macher hinter Buch und Album in diesem Tun unterstützen möchte, klicke bitte hier:

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