Pfingst Open Air Werden 2015 01

Am vergangenen Pfingstmontag war es für mich endlich so weit und ich konnte meine persönliche Festival-Saison einläuten. Um etwas stärker ins Detail zu gehen: Für mich ging es auf das Pfingst Open Air in Essen-Werden, welches dort zum 33. Mal stattfand. Das Festival findet dabei seit jeher über einen Tag hinweg statt – mehrtätig, große Camping-Veranstaltungen und -Anlagen sind ist also nicht drin. Dafür ist der Eintritt aber auch kostenlos und überhaupt kann ein solches Event ja auch sehr entspannend auf Körper und Geist wirken – glaube ich jedenfalls.

Wie dem aber auch sei, das Pfingst Open Air findet nun schon seit 33 Jahren statt, insofern hat man sich also ein gewisses Standing aufgebaut und, dass es noch immer in dieser kostenlosen Form existiert, ist aller Achtung wehrt – vor allem, nachdem es im letzten Jahr zu harten Kritiken nach dem Sturm am Veranstaltungstag kam und die Stadt Essen sich trotzdem dazu entschloss, eine weitere Auflage zu genehmigen. Wiedergutmachung, Rufaufbereitung und alles drumherum war also angesagt und das ließ man sich nicht zwei Mal sagen.

Das Ambiente

Pfingst Open Air Werden 2015 07

Auf zwei Bühnen heizte man den Besuchern also kräftig ein. Da wäre zum Einen die Hauptbühne für Befürworter von Instrumenten. Das Line-Up war objektiv gesehen vielversprechend: Unter anderem gaben sich Tony Gorilla, Adam Angst, Blaudzun, Turbostaat und Genetikk die Klinke in die Hand. Am anderen Ende „versteckte“ man dann auch noch eine Elektro-Bühne. Die war zwar schnuckelig klein und kam mir (wie gesagt) fast schon versteckt vor, wurde dafür aber umso schneller umso voller.

Bevor wir diese Themen weiterführen, widmen wir uns aber zunächst dem Festival an sich – besser gesagt der Location, dem Drumherum. Essen-Werden ist wohl einer der hübschesten Orte der Stadt. Viel Grün, direkt nebenan der Baldeneysee vor der Tür – Idylle pur. Dazu gesellt sich der typische Festival-Geruchsmischmasch aus Rasen, Schweiß, Bier, Weed und allerlei anderen Bestandteilen; geradezu lieblich und ich liebe diesen Gestank in der Luft – kein Witz. Das weckt das Bedürfnis nach „Festival“. Dazu kommt noch das gut bepreiste Bier: 3,00 Euro plus 50 Cent Pfand für 0,4 Liter.

Die typischen Fressbuden und Merch-Stände dürfen natürlich nicht fehlen – ebenso wenig, wie die Dixies mit elendig langen Schlangen, weil zum einen keiner der Herren (mich Dummkopf eingeschlossen) wusste, dass direkt nebenan auch immer eine Herde Pissoirs aufgebaut wurden und Frauen offenbar tatsächlich „etwas“ länger brauchen. Ja, da macht sich Festival-Atmosphäre breit, das Pfingst Open Air kann in diesem Bereich also schonmal punkten.

Die Bedingungen für einen launigen Festival-Tag sind also gegeben und das merkt man auch den Leuten an, denn die sind gut drauf – und teilweise verdammt jung, sodass ich immer mal wieder das Gefühl habe, dass ich mit meinen 25 Lenzen doch fast schon der Vater dieser Gören sein könnte. „Kostenlos“ plus „Genetikk“ lockt dieses Klientel ganz offensichtlich in Scharen an und zwar Mengen, bei denen ab ca. 16:30 Uhr Eingangssperre ausgerufen wurde und ankommende Besucher nur noch bröckchenweise zu den Kontrollen vorgelassen wurden.

Vor der Bühne

Pfingst Open Air Werden 2015 04

Aber gut, das drückt die Stimmung nicht wirklich, denn wie gesagt: Die Rahmenbedingungen stimmen und das Wetter hat auch mitgespielt. Dazu spielten recht passable Bands. Ich kam erstmals zur Bühne, als „Samotta“ gerade spielten. Mal Deutsch, mal Englisch, mal Folk, mal Pop oder sogar punkig (zumindest halbwegs). Für mich wäre das insgesamt zum privaten Durchhören nichts, aber zum Anschauen ist das durchaus nett. „The Tidal Sleep“ haben dann aber sowohl Anlagen, als auch Besucher wachgerüttelt – Post-Hardcore war angesagt. Auch das ist nicht so wirklich mein Bier, allerdings sieht man dem Quintett durchweg an, dass sie mit purer Freude spielen und das macht durchaus etwas aus.

Zwischendurch ging es dann kurz rüber zur Elektro-Area. Glücklicherweise entschied ich mich dafür zu einem Zeitpunkt, als es dort noch nicht brechend voll war. Chilliger Minimal wurde aufgebaut, man hatte noch genügend Platz zum Tanzen, wenn man nicht unbedingt in der ersten Reihe zappeln wollte. Zusammen mit dem grünen Freiluft-Ambiente hat das durchaus eine Menge Spaß gemacht, „Freiheit“ machte sich im Inneren breit.

Pfingst Open Air Werden 2015 03

Wirklich gefordert wurde ich dann erstmals, um 16:45 Uhr, als „Adam Angst“ auf die Bühne kam und, oh boy, hat Sänger Felix Schönfuss eine hammergeile Bühnenpräsenz. Dazu dann noch diese grundsätzlich beißend-aggressive Stimme, die Dir regelrecht in den Arsch tritt, damit Du Dich verdammt nochmal bewegst. Vor der Bühne war dementsprechend einiges los, sowohl Band, als auch Crowd hatten sichtlich ihren Spaß. Zwei kleine Enttäuschungen musste ich aber dennoch verbuchen: „Was der Teufel sagt“ wurde leider nicht gespielt und überhaupt ging der Auftritt lediglich ungefähr über eine halbe Stunde – ich hätte mir die Herren Punkgötter auch gerne noch ein, zwei weitere Stunden zu Gemüte führen können, allerdings ist der Time-Table ja vollgestopft ohne Ende und ohnehin hing man dem Zeitplan bereits um 15 Minuten hinterher.

Anschließend spielten „Blaudzun“ und „Leslie Clio“. Beide Acts interessierten mich persönlich herzlich wenig, sodass ich mich dem feinen Pils hingab. Zu Dame Clio sei aber dennoch ein kurzer Kommentar von mir erlaubt: Was fällt es denn Organisatoren eigentlich ein, so eine Schlaftablette direkt vor Turbostaat zu platzieren? Rein musikalisch hätte das Ganze vor Samotta recht gut gepasst, wenn es darum geht, eine gewisse Klimax nachzubilden. Überhaupt wirkte die zeitliche Abstimmung der Acts zueinander stellenweise krude. Irgendwie ist es halt durchaus komisch, solchen Pop vor etwas so gegensätzlichem, wie Post-Punk spielen zu lassen und daran werde ich mich auch nach zig Erlebnissen dieser Art nicht gewöhnen.

Geil und genervt zugleich

Pfingst Open Air Werden 2015 05

Dann war es aber so weit und mein Hauptgrund für das Festival kam auf die Bühne: Turbostaat, meine große Live-Musik-Liebe. Vor der Bühne war es gerammelt voll, allerdings ist das für mich auch der große Haken an der Sache gewesen: Grob geschätzte 95 Prozent der Zuschauer standen blöd rum, weil sie sich für Genetikk in Position bringen wollten und offenbar wussten viele auch überhaupt nicht, wer Turbostaat eigentlich sind.

sie sehen unseren auftakt zum festivalsommer 2015. sie sehen das pfingst open air werden. sie sehen fünf millionen hip…

Posted by Turbostaat on Monday, May 25, 2015

Folgendes mag sich nun engstirnig anhören, allerdings ging es mir richtig auf den Sack, dass zum Beispiel links vor der Bühne, wo ich stand, alles tot war und genervt sowie gelangweilt dreinblickte. Solche Dinge killen die Stimmung, der Kreis der Leute, die die Band feierten, war prozentual winzig. Das bei einem Punkrock-Auftritt viel zu viele nervige Hip-Hop-Fans rumstanden, ist natürlich auch der Band aufgefallen – trotzdem sind Turbostaat abgegangen, wie ein Zäpfchen und der trotz der Crowd, die mir so unsäglich auf den Sack ging, war es ein klasse Auftritt von den Jungs – umso dankbarer war ich der Band, dass sie sich so richtig ins Zeug gelegt haben für ihre paar Hundert Fans vor der Bühne.

Nichtsdestotrotz

Pfingst Open Air Werden 2015 06

Ja, solche Crowds nerven mich gehörig und ja: Das durchschnittlich auffällig junge Publikum ist nicht jedermanns Sache (meine auch nicht), aber trotzdem: Das Pfingst Open Air hat für mich insgesamt funktioniert, was vor allem am Zusammenspiel aus günstigem Bier, kostenlosem Eintritt, der recht naturbelassenen Umgebung sowie natürlich Adam Angst und Turbostaat liegt.

Wie eingangs erwähnt: Das Pfingst Open Air ist kein beinhartes Drei-Tage-Festival-Erlebnis nach dem Motto „hoffentlich überlebe ich das irgendwie“, sondern ein vergleichsweise gechilltes Einläuten der Festival-Saison in netter Atmosphäre und diesen Job hat das Festival durchaus sehr gut erledigt, muss ich sagen. Ich für meinen Teil muss hier deutlich differenzieren zwischen „Festival“ und „Publikum“ und ersterem kann man nur wenig vorwerfen.

Trotzdem gilt mein Appell an die Organisatoren: Überlegt es euch fürs nächste Jahr reiflich, wie ihr den Time-Table organisiert. Ein solch komisches Wischiwaschi von einem Extrem ins Andere muss nicht sein. Alles andere könnt ihr gerne beibehalten: Acts, Location und Co. – alles in bester Ordnung. Und natürlich bitte auch den geilen Festival-Gestank in Gläsern einfangen und nächstes Jahr wieder rauslassen – Bitte-Danke und bis nächstes Jahr, liebes Pfingst Open Air!

[asa]B00R3QRJ3A[/asa]