PJ Harvey - The Wheel (Musikvideo)

Foto: Screenshot Vevo / PJ Harvey

Spätestens mit „Let England Shake“ hat PJ Harvey 2011 gezeigt, mit welchem Anspruch sie an ihre Musik und ihre Themen herantritt. Wenn man den ersten Weltkrieg und dessen Auswirkungen auf Großbritannien musikalisch wie textlich so inszeniert, bleibt die Frage, wie und wo sie auf einem Folgewerk Reizpunkte setzen will, die ähnlich eindrucksvoll sind.

PJ Harvey - The Hope Six Demolition Project

Auf der Suche nach Reizpunkten und Inspirationen bereiste sie die Welt. Genauer gesagt war sie im Kosovo, in Afghanistan und in Washington DC – jeweils in Gebieten, in denen einem das Wort „schön“ und „beschaulich“ eher nicht in den Sinn kommen würde. Sie wollte Zerstörung und Zerfall mit eigenen Augen sehen, insofern ist auch „The Hope Six Demolition Project“ ein düsteres Album geworden.

Darüber hinaus inkludierte sie in ihren Texten des Öfteren Augenzeugenberichte von den Begleitern, die sie in den Städten geführt haben. Das brachte ihr bereits einigen Ärger ein, da der Washington-Post-Journalist Paul Schwartzman eine Schule in Ward 7 in Washington DC als „shit-hole“ bezeichnete und sie dieses Zitat im Album-Opener „The Community of Hope“ unterbrachte. Am Ende des Tages bekommt das Album durch diese lyrische Herangehensweise also auch eine journalistische Seite, die vor allem daran erkennbar wird, dass sie Situationen beschreibt, aber keine Lösungsansätze oder dergleichen bietet. Sie observiert das Geschehnis. Kennt man diese Umstände, wird eines klar: Anspruchsvolle Reizpunkte sind zur Genüge vorhanden.

Während „Let England Shake“ über weite Strecken auf Ambient- und Folk-Elemente zurückgreift, kehrt PJ Harvey auf ihrem neuen Album an vielen Stellen zu ihren Blues- und Rock-Wurzeln zurück, ohne die zuvor genannten Einflüsse aber über Bord zu werfen. Das merkt man direkt zu Beginn, wenn „The Community of Hope“ einsetzt und man merkt, dass sie den Hörer ohne großes Vorgeplänkel wieder direkt ins Album hineinwirft. Auch der folgende Song „The Ministry of Defence“ folgt diesem Prinzip mit einem groß aufgezogenen Rock-Sound, über den sich Harveys Stimme engelsgleich setzt, bis ihre Band mit einem Chor-artigen Gesang prominent einsetzt.

Those are the children’s
cries from the dark
These are the words
written under the arch
Scratched in the wall
in biro pen
This is how the
world will end

PJ Harvey – The Ministry of Defence

Die Background-Sänger übernehmen in mehreren Songs eine zentrale Rolle und geben ihnen ein starkes Volumen und funktionieren auch als Kontrast zu Harveys Stimme. Ebenfalls sehr präsent ist auch das Saxophonspiel, welches beispielsweise in „Medicinals“ und im Closer „Dollar, Dollar“ zu hören ist, einen zunächst überrascht und irgendwie doch einfängt, weil das Instrument unheimlich viel Raum schafft und Emotionen transportieren kann.

Lyrisch hat PJ Harvey, wie bereits angedeutet, sehr interessante Ansätze zu bieten. Des Öfteren bekommt man den Eindruck, dass sie gesangstechnisch stark um die Texte herumgearbeitet hat, damit sie in den Kontext der sie umgebenden Musik passen – vor allem bei „Near the Memorials to Vietnam and Lincoln“ merkt man das. Nicht immer passt es so gut, wie bei „Chain of Keys“, wo die Texte, der Gesang und die marschähnliche Musik so exzellent Hand in Hand gehen. Auch der erste Vorab-Veröffentlichung „The Wheel“ schafft diesen Spagatsprung auf motivierende Art und Weise.

The dusty ground’s a dead-end track
The neighbours won’t be coming back
Fifteen gardens overgrown
Fifteen houses falling down

PJ Harvey – Chain of Keys

PJ Harvey gilt als eine der wenigen Musikerinnen unserer Zeit, die ihr Tun aus einem künstlerischen Blickwinkel sieht, sich darin völlig verliert und diesem alles unterordnet. „The Hope Six Demolition Project“ untermauert diesen Anspruch, den sie auch an sich selbst stellt. Es mag bei weitem nicht alles perfekt zueinander passen, wie es bei „Let England Shake“ der Fall war, allerdings bekommt man nach mehrmaligem Hören das Gefühl, dass das Unperfekte ein gezieltes Stilmittel ist; eingesetzt, um die drastischen Situationen der Lyrik und Musik zu untermauern.

Auf jeden Fall ist „The Hope Six Demolition Project“ aber einmal mehr ein Album gefüllt mit anspruchsvoller Musik, die ihren Reiz erst nach mehrmaligem Hören entfaltet, was bei ihr nie großartig anders war. Vielschichtige Strukturen, einfangende Texte, tiefdunkle Atmosphären und letztlich auch PJ Harvey selbst und das, was sie künstlerisch verkörpert, lassen immer wieder unheimliches Interesse an dem aufkommen, was sie mit diesem Album präsentiert.

Fängt das Album an, seine Wirkung zu entfalten, fragt man sich zusehends: „Was soll jetzt noch kommen?“. Nicht unbedingt eine neue Fragestellung, wie wir spätestens seit „Let England Shake“ wissen.

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