Auch wir werden so langsam wach und aufmerksam; bekannte Künstler machen sich zu Neuem auf. Während ich mich jetzt in die Diensten der Kulturredaktion der hiesigen monopolistischen Tageszeitung gestellt finde, veröffentlichte die Schauspielerin Nora Tschirner (ua. Funk und Fernsehen) mit ihren Mitmusikern die zweite Auskopplung des am 25.1.13 erscheinenden und vortrefflich „Premiere“ getauften Albums.

Musik, die sich zwar regional aber stilistisch nicht einordnen lassen, nennt man Weltmusik. Wie nennt man aber Musik, die sich eher zeitlich verorten lässt, die Gegenwart aber nicht außer Acht lässt? Mit Hamburger Schule als einzige avantgardistische Strömung deutscher Musikschaffender ist es dank Tschirner nicht getan. Aber vielleicht soll die Musik ja auch als Alleinstellungsmerkmal fungieren, wenn schon der Name so ausgesucht wurde, dass man auch googlen vergessen kann.

Der Song „Bis einer geht“ lässt sich zeitlich bis spätestens 80er deutsche Hitparade einordnen, zu suchen in eben jener und allen ersten Radioprogrammen der dritten öffentlich-rechtlichen Funkanstalten. Melodiös und lyrisch trägt er Muster deutscher Nachkriegsschlager; vermeintlich trivial und doch fundamentale Sehnsüchte ansprechend bis aufschiebend. Sehr symbiotisch. Lyrisch bekommt er noch die Kurve und besingt die Zielgruppe der Pioniere der Stilrichtung, an die „Bis einer geht“ angelehnt zu sein scheint in den entsprechenden Mustern.

Im Fazit kommt Prag als frischer daher, als sich die Wirkung auf mich liest. Nostalgie funktionierte in der Musik eben nur selten ohne Ulk/ bzw. fehlender Ernst oder Plagiate; bis Prag. Die Selbstironie an sich und Generation Leinenbeutelschnörres, dazu frische Ansätze für alte Raster macht die Musik nicht nur für Leute interessant, die Nora Tschirner das nicht zugetraut hätten, oder es für einen Scherz hielten.