Foto: Jonathan Vivaas Kise

Kürzlich schlug mir der Algorithmus des Streamingportals meiner Wahl, nachdem ich mich mit der jüngeren Diskografie Miley Cyrus‚ und vergleichbaren Popkünstlerinnen auseinandergesetzt hatte, eine Playlist namens „Lorem“ auf der App-Startseite vor. Der Titel ließ mich, als Grafiker durchaus vertraut mit dem Blindtext Lorem ipsum dolor sit amet, an eine Art Warteschleifenmusik denken, Musik, die Lücken auffüllt. Das Cover, geziert von einer jungen Frau mit Pille im Mund, die sich nach kurzer Recherche als die mir vorher unbekannte Lolo Zouaï entpuppte, flankiert von einer Alien-Grafik, versprach etwas anderes. Eine Zugstunde später fand ich mich inmitten einer Welt aus mal mehr, mal minder spannendem, hochmodernem Pop und -’n’B wieder, die mein Indie-verseuchtes Mittzwanziger-Ohr bis dato höchstens von neuartigen Mainstream-Phänomenen à la Billie Eilish kannte. Schon faszinierend, dass das offenbar – so meine Ergebnisse zur Intention der „Lorem“-Playlist – die Musik für die Generation Z sein sollte und ich überraschterweise sehr ambitionierten, zum Teil wirklich innovativen und guten Pop von größtenteils blutjungen Künstler*innen hören durfte.

Besonders faszinierte mich aber das Stück „i’ll die anyway“ einer norwegischen Musikerin namens girl in red, welche anstelle der für die Playlist typischen MacBook-Vollsynthetik-Produktion einen gitarrengetriebenen Bandsound präsentierte und unverhohlen über Teenage Angst, Sinnsuche und Resignation sang. So verrauscht ihre Schlafzimmeraufnahmen zum Teil klingen, so klar sind doch die Worte, die sie auch im Song „girls“ findet: „They’re so pretty it hurts. I’m not talking ‚bout boys, I’m talking ‚bout girls“. Ihre Homosexualität ist ein Kernthema der bisher erschienenen Songs von Marie Ulven, wie girl in red bürgerlich heißt. Und diese erscheinen mit „beginnings“ nun als LP, wenngleich jedes der zehn darauf befindlichen Stücke bereits vorab als Single bei Spotify & Co. erschien. Doch der Release des haptischen Tonträgers am kommenden Freitag unterstreicht, dass girl in red einen Spagat zwischen verschiedenen Musikgenerationen schafft und mit ihrem Lo-Fi-Sound sowohl die nachwachsende Hörerschaft als auch konventionellere Gitarrenpopfans zu bedienen weiß.

Manch einem mag die unverblümte 1:1-Schilderung der Gedankenwelt einer 20-Jährigen zu verkürzt erscheinen, zu unreflektiert , wenn aus einer 4-Uhr-Schlaflosigkeit ein „I don’t wanna live tomorrow“ wird. Doch gerade diese realitätsnahen Schilderungen einer echten, jungen Frau dürften der Jugend doch einen deutlich besseren Bezugspunkt liefern, als es jede durch den Filmindustrie-Fleischwolf gedrehte Netflix-Serie könnte. Umso wichtiger wird ihre Stellvertreterrolle noch in Bezug auf das Finden der eigenen Sexualität, das Sich-zurecht-Finden als junger Mensch inmitten einer noch immer nicht vollständig toleranten Gesellschaft, der Ulven trotzig entgegenruft: „No, this is not a phase, or coming of age. This will never change.“

Mein Lieblingssongschreiber Dirk von Lowtzow sang einst über die Riot Grrrls von Team Dresch: „Ich weiß, sie singen nicht für mich […] und trotzdem glaube ich, dass ich sie verstehen kann, obwohl, ich bin ein Mann, und trotzdem find‘ ich sie super“. Das war 1996. 2019 singt girl in red für uns alle über ihr Leben als junger, queerer Mensch und sollte damit alters-, geschlechts- und sexualitätsunabhängig Gehör finden. Ob in rotes Vinyl gepresst oder über die Künstler-Playlist „all my songs !“ kann jeder für sich entscheiden.