Als das Angebot kam, eine Review über das Album „Utopia“ von meinen Freunden Radio Havanna als Gastbeitrag für noisiv.de zu schreiben, war ich gleich Feuer und Flamme.

„Utopia“ ist das mittlerweile 6. Album der 4-köpfigen Band, die ursprünglich aus Suhl (Thüringen) stammt, die aber seit fast 10 Jahren nun bereits „einberlinert“ ist. Die Band hat dieses mal alles in Eigenregie übernommen und für die Veröffentlichung eigens das Label „Dynamite Records“ gegründet und hält so den viel gelobten D.I.Y.-Spirit am Leben. 12 Tracks sind auf der Scheibe vertreten. Ich selbst bin immer ein Freund davon, wenn es 13 oder mehr Songs auf ein Album eines Künstlers schaffen, aber es geht ja bekanntlich um Qualität statt Quantität; also davon nicht abschrecken lassen und die CD, die stilecht in A und B-Seite aufgelistet ist, in den Player.

Der erste Track ist gleich der Album-Titeltrack „Utopia“. Ein für eine Punkband untypisches Intro, welches eher an Casper erinnert. Hier handelt es sich um gut produzierten, aber nicht zu künstlich poppig klingenden Pop-Punk mit deutlich politischem Anspruch, so wie die Band sich selbst sieht .

Utopia versteht sich als eine Liebeserklärung an eine Utopie einer solidarischen Welt. „In einem Traum, der uns gehört, haben wir zerstört was uns zerstört – Willkommen in Utopia“ singt Fichte in diesem Song, der thematisch stark an KIZ’s „Hurra, die Welt geht unter“ oder Rio Reisers „Der Traum ist aus“ erinnert. Man könnte sich den Song auch im alltäglichen Radio-Programm vorstellen, ohne aber die Wut und Aggressivität von einer guten Punk-Nummer zu verlieren. Harte Gitarrenriffs, lautes Schlagzeug, aggressive Stimme, hier und da poppige Chöre und sanfte Piano-Klänge und trotzdem komplett stimmig. Starker Einstieg, der Lust auf mehr macht.

Und diese Lust wird befriedigt. Man hört in jedem Song die Weiterentwicklung, die die Band seit dem Vorgänger Album „Unsere Stadt brennt“ vor drei Jahren gemacht hat. Gerade lyrisch wirken sie – erwachsener, ausgereifter, mal mit einer gesunden Portion Selbstironie wie in der Party-Nummer „Früher oder Späti“, die Dank der „Wohooooo“-Chöre im Refrain auch live sicher gut zur Geltung kommen wird. Oder der Song „Schwarzfahrer“, der zwar poppig daher kommt und doch mit einem punkigen Thema für den Text bekleidet wird. Sie sind poppig und trotzdem schaffen sie den Spagat Pop und Punk zu vereinen, ohne dass es billig erscheint, ohne ein Abklatsch von einer anderen Band zu sein.

Das Radio Havanna sich auch als politische Band verstehen, beweisen sie mit Songs wie „Faust hoch“, „Homophobes Arschloch“ oder „Mein Name ist Mensch“, bei welchem es sich nicht, wie beim Titel vermutet, um eine Coverversion von TonSteineScherben handelt, sondern um ein gewaltiges Brett von einem Song. „Mein Name ist Mensch – Herrscher der Welt […] Ich verkaufe den blauen Planeten bis er blutrot aussieht“ – Textlich der wahrscheinlich bisher ausgereifteste Song, den ich zu der Thematik im deutschsprachigen Raum hören durfte.

Die Band wartet auf diesem Album mit einigen Ohrwurm-trächtigen Songs wie „Anti Alles“, „Hassliebe“ oder dem echt grandios produzierten Rausschmeißer „Phoenix“ auf. Mit „Utopia“ bleibt die Band sich selbst und dem eingeschlagenen Weg treu. Jeder Song hat Wiedererkennungswert und ist 100 % Radio Havanna – und doch ist dieses Album extrem abwechslungsreich. Ein Album, das man gerne auf Repeat hört und zumindest ich mich nicht satt hören kann. Gab es auf den vergangen fünf Alben immer wieder schwächere Tracks, die man getrost skippen konnte, so ist dies ein Album, bei dem ich keinen Song missen möchte und keinen Song skippen würde.

Die Band hat sich nicht nur durch ihre vielen Live-Konzerte (am Samstag nach den Album-Release wird das bereits 500. Konzert im Berliner Lido zelebriert) stetig weiterentwickelt. Radio Havanna sind reifer, ernster und erwachsener geworden, ohne dabei den Spaß aus den Augen zu verlieren. Man ist professioneller geworden, wahrscheinlich auch Mainstream-tauglicher, ohne dabei aber relevante und wichtige Themen aus den Augen zu verlieren. Es ist das wahrscheinlich durchdachteste, textlich ausgereifteste und kompletteste Album der Band und eindeutig – da gibt es keine zwei Meinungen – das bisher beste Album der Band-Geschichte.

Da ich etwas über das Ziel hinausgeschossen bin, habe ich zusätzlich eine detaillierte Track by Track Review verfasst. Wer die ausführliche Variante lesen möchte, hat hier die Chance dazu.

Natürlich geht die Band auch noch auf Tour, wer die Herren live erleben möchte hat an folgenden Terminen die Chance dazu.

Radio Havanna auf Tour

  • 05.04. – Hamburg, Hafenklang
  • 06.04. – Bremen, Tower
  • 07.04. – Hannover, Faust/Mephisto
  • 12.04. – Frankfurt am Main, Nachtleben
  • 13.04. – München, Backtsage Club
  • 14.04. – Stuttgart, Kellerklub
  • 20.04. – Dresden, Scheune
  • 21.04. – Düsseldorf, Tube
  • 27.04. – Jena, Kassablanca
  • 28.04. – Wien, Arena