Dispatch | Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Jedes Jahr ist es auf der Hamburger Reeperbahn (und überall drumherum) noch verrückter, als ohnehin schon. Dann streuen zigtausende Festival-Besucher in St. Pauli herum, um sich die mehreren Hundert Bands anzuschauen, die das Reeperbahn Festival Jahr für Jahr nach Hamburg bringt. Dieses Mal waren es über 600 Bands in vier Tagen. Eine stattliche Nummer, die beeindruckt, imponiert und zugleich ohnmächtig macht: Wie soll man dieser riesigen Anzahl an Gruppen nur gerecht werden?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder plant man seine Festival-Tage bis ins letzte Detail durch, hört vorher in das Material der Bands rein und befolgt diesen Stur, was schnell in Stress ausarten kann. Die romantischere Variante ist sicherlich, sich einfach treiben zu lassen. An jeder Ecke ertönt schließlich Live-Musik und wenn es gefällt, folgt man den Tönen einfach. Neue Musik lernt man doch ohnehin besser live kennen, wenn man die Künstler direkt vor sich sieht.

Konzerterlebnisse der anderen Art

Sigurvin Sigurdsson

Das wiederum ist auch der Charme, der das Festival ausmacht. Da stolpert man von einem Club in den Nächsten, die Bandbreite an musikalischen Richtungen sucht ihresgleichen. Im Molotow hört man dem Isländer Sigurvin Sigurdsson und seiner Band zu, wie sie ihren leidenschaftlichen Singer-Songwriter-Folk mitreißend zelebrieren, während ein paar Ecken weiter Millionaire im Indra dröhnenden Stoner-Rock aus den Amps drücken und Frontmann Tim Vanhammel sehenswerteste Tanzmanöver zum Besten gibt.

Leoniden

Überhaupt gelten hier oft genug andere Gesetze, als auf anderen Festivals: Einerseits bekommt man die Gelegenheit, Love A zur besten Uhrzeit in der Großen Freiheit 36 vor verhältnismäßig riesiger Kulisse zu sehen, andererseits spielen Death From Above ein kurzfristig angekündetes Konzert vor verhältnismäßig kleiner Kulisse im komplett vollen Molotow und auch der Leoniden-Auftritt im Mojo Club ist wohl etwas, das man aktuell im Rahmen einer „normalen“ Konzertveranstaltung nicht erleben würde. Das sind ebenso besondere Konzerterlebnisse, die das Reeperbahn Festival dieses Jahr bot und die zig Leute anzogen.

Musik an jeder Ecke

CRIMER

Auch abseits der Clubs wurde eine Menge geboten: Der N-Joy Reeperbus hatte jede Menge Bands und Künstler verschiedenster Bekanntheitsgrade im Angebot: Vom Schweizer CRIMER bis hin zu Maximo Park konnte man dort Musik im kleinen Rahmen erleben. Darüber hinaus zeigten sich eine Menge Bands auch auf den Straßen der Reeperbahn. Auf dem Beatlesplatz spielten Still In Search auf eigene Faust zwei Sets, bei denen so einige Passanten stehen blieben und spontan zuhörten.

Wer es dann zwischendurch etwas größer dimensioniert wollte, bekam das natürlich auch: Insbesondere Beth Dittos Auftritt in der Großen Freiheit 36 war beeindruckend. Wie auch immer man zu ihrer Musik stehen mag; wenn sie die Bühne betritt, elektrisiert sie ganz nebenbei den gesamten Club. Ihre Bühnenpräsenz ist schlichtweg einmalig. Alternativ luden Kettcar kurzfristig zum Lattenplatz vor dem Knust ein, um dort ein kostenloses Konzert zu spielen. Der Platz war proppevoll und Kettcar überzeugten hier genauso, wie mit ihren anderen Auftritten seit der Ankündigung des neuen Albums.

Vier spannende Tage

Love A

Das Reeperbahn Festival ist zweifelsohne eines der spannendsten Festivals, was gerade an dem erschlagenden Überangebot liegt. Hamburg ist ohnehin eine Stadt, in der es gerne verrückt zugeht – in diesen vier Tagen wurde das aber absolut auf die Spitze getrieben! Überall geht irgendwas, es geht hektisch zu in St. Pauli und es besteht immer die Chance, dass man neue Lieblingskünstler kennenlernt. Dieser Appeal steht nirgendwo so sehr im Vordergrund, wie hier.

LIFE

Vier Tage lang verliert man sich in Live-Musik, der Alltag fliegt in weitem Bogen aus der Tür und am Ende ist man völlig ausgelaugt von all den Emotionen, mit denen man sich umgeben hat, aber mindestens zufrieden und fast schon wehmütig, dass das Leben nun wieder in geregelteren Bahnen verlaufen wird. Das Reeperbahn Festival hat etwas anarchisches, etwas ruheloses und genau das ist es, was dieses Club-Festival zu etwas besonderem in der deutschen Landschaft macht.

Fotogalerie: Reeperbahn Festival 2017