Wenn es in Hamburg eine Woche gibt, in der man die Stadt in keinem Fall verlassen sollte, dann ist es diese eine Septemberwoche in der das Reeperbahn Festival den Kiez auf den Kopf stellt. Diese Zeit führt das Viertel auf das Fundament zurück, für das wir die Hansestadt und vor allem St. Pauli so lieben gelernt haben – die Musik. In all ihrer Vielfalt finden innerhalb weniger Tage hunderte von Konzerte statt, bei denen es genreübergreifend keine Grenzen gibt.

Mein Motto dieses Jahr? Treiben lassen. Und in der Retrospektive betrachtet kann ich nun sagen, dass sich meines Erachtens nach kein anderes Festival in Deutschland besser dafür eignet. Der Mittwoch begann für mich dieses Jahr erstmal damit, mich im eigentlichem Zentrum des Festivals umzuschauen. Der Spielbudenplatz ist abseits des Festival Village der Dreh- und Angelpunkt um sich mit Kollegen zu verabreden, sich zwischendurch mit Speis und Trank aufzutanken und sogar das ein oder andere Konzert zu genießen.

Rechnet man den Schulbus der niederländischen Ska-Band Bazzookas mit ein, finden sich auf dem Spielbudenplatz gleich vier fast frei einzusehende Bühnen vor. So kommen auch Besucher ohne Ticket in den Genuss es sich im Bus der verrückten Holländer gemütlich zu machen oder den offenen Bühnen von N-Joy und Viva Con Agua für kleinere Konzerte beizuwohnen. Für die Spielbuden-Bühne benötigt man zwar ein Bändchen, zuhören lässt sich aber auch ohne. Das ist alles nicht nur sympathisch sondern auch ein eleganter Marketing-Streich, um potentielle Ticketkäufer für nächstes Jahr anzuwerben. Denn richtig interessant wird es vor allem dann, wenn man sich in eine der etlichen Locations aufmacht um dort neue Musik zu entdecken oder bereits bekannten Musikern für ein Konzert beizuwohnen.

Auch wenn ich mich im Voraus mit dem Line-Up auseinander gesetzt hatte, beschloss ich mich vor Ort ein wenig gehen zu lassen. Für mich gab es nicht den unbedingten must-see Act und ließ mich eher auf Empfehlungen vor Ort ein. So landete ich nach kurzen Besuchen bei Jules Ahoi auf der Viva Con Agua Bühne und Ian Late im Sommersalon im Nochtspeicher. Dort tagten in dem Moment die britischen Kollegen von BBC Introducing und stellten W. H. Lung aus Manchester vor, die mich mit ihrem Sound in ihren Bann ziehen konnten.

Überwältigt von der Performance ließ man sich wieder treiben und parkte zwischenzeitlich erneut im Sommersalon und im Häkken um sich Darjeeling und Georgia anzusehen, ehe man den Abend im Molotow Backyard und dem dortigen Premier-Auftritt von SHATTEN beiwohnend zu Ende brachte.

Warum wir, unbezahlt, das Festival so mögen? Das war nur Tag eins von vier. Nie gibt es auf St. Pauli schönere Tage als den Mittwoch und den Donnerstag des Reeperbahn Festivals, wo der Kiez angenehm gefüllt ist von Menschen, die Musik genießen und erleben wollen, eine Leidenschaft teilen. Ehe der alltägliche Kiezbetrieb am Freitag langsam wieder Fahrt aufnimmt, gilt es also jeden Moment einzufangen und zu leben.

Für mich jedes Jahr erneut unverzichtbar ist mindestens ein Besuch von Ray’s Reeperbahn Revue. Der ehemalige MTV-Moderator Ray Cokes ist ein sympathischer und talentierter Showhost und Interviewpartner, der sich jeden Abend meist drei Künstler aus dem Line-Up in seine Show im Schmidt Theater ein. Am Donnerstag zu Gast: Lisa Morgenstern, Sea Girls und Blanco Brown. Jeder Gast wird interviewt und darf dann noch zwei Songs aus seinem Repertoire spielen und für seine Konzerte auf dem Festival werben. So fing der Donnerstag schon bunt an und führte mich dann später vom Mojo noch bis zum Knust, um mir dort die australischen Pierce Brothers anzusehen die kurzfristig für Gurr eingesprungen sind.

Das Festival-Village wurde natürlich auch ausgecheckt, welches dieses Jahr gefühlt leider noch ein paar Meter weiter weg von der Reeperbahn aufgebaut wurde. Der Einlass dort läuft aber ohne Probleme und neben ein paar ausgewählten Food-Trucks gab es dort eine Bühne (Grüße an Pizzagirl), eine Kunst-Show-Installation von Heinz Strunk und ein für vor allem Musiker interessantes Zelt, in dem sich Instrumenten-Brands und Musik-Shops präsentieren konnten.

Am Freitag und Samstag wird es zugegeben enger auf dem Kiez. Der Wochenendbetrieb nimmt Fahrt auf und man teilt sich den Gehweg mit etlichen Junggesellenabschieden und sonstigen Touristen und Besuchern, was die allgemein empfundene Stimmung leider ein wenig dämpft. Daher sage ich es immer wieder, Mittwoch und Donnerstag sind die schönsten Tage beim Reeperbahn Festival – und auf die freue ich mich nächstes Jahr wieder am meisten.

Fotogalerie: RBF19 am Mittwoch

Fotogalerie: RBF19 am Donnerstag

Fotogalerie: RBF19 am Freitag

Fotogalerie: RBF19 am Samstag