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Juse Ju ist gefühlt schon ewig im sogenannten Rap-Game. Zumindest als Münchner Untergrundbekanntheit, schon damals zusammen mit Fatoni. Erst jetzt, wo der allgemeine Deutschrap-Hype auch alternativen Gruppen wie der Antilopen Gang ihren verdienten Erfolg zuteil werden lässt, kommen die beiden genannten MCs als langjährige Wegbegleiter jener Politrap-Veteranen ebenfalls in den Genuss eines weitreichenderen Ruhms.

Und à propos weitreichend: Dass Juse Ju gar kein Münchner ist, sondern im Schwäbischen geboren und später in Yokohama aufgewachsen ist, hat sich mittlerweile vielleicht auch schon herumgesprochen. Sein neues Album befasst sich recht ausdrücklich mit jenem Großwerden zwischen den Welten: Nach der weltberühmtesten Kreuzung „Shibuya Crossing“ ist es benannt, doch mit einer Abhandlung über seinen früheren „Kirchheim Horizont“ beginnt es. Auf einem moody Beat sehnt sich der Mittdreißiger zurück ins Provinzielle, berichtet von Bolzplatz und Bong, Dorffest und Dialekt. In seiner gelebten Rolle des Weltenbummlers erzählt er später aus der „Bordertown“ El Paso, um schließlich beim Titelsong des Albums auch in der langjährigen Wahlheimat Japan zu landen.

In diesen Lyrics fällt auf, wie wichtig ihm für sein neues Werk eine authentische, biografische Erzählweise zu sein scheint. Teils zuungunsten des Hörgenusses, wenn unerbittlich und stakkatisch zu viele Zeilen in zu wenige Takte gesprochen werden. Doch schützt ihn diese Kompromisslosigkeit vor allem davor, das Prinz Pi-Schicksal zu erleiden und sich mit verallgemeinerndem (oder soll man sagen: zielgruppengerechtem?) Klischee-Pathos zu blamieren.

An der Mentalität ebenjener Rapgestalten lässt sich dann auch „Fake it till you make it“ spitzfindig aus:

„Diesen Sommer, da schlägt meine Festivalstunde
ich werf‘ da jetzt einfach mal Splash in die Runde
Universal hat auch schon Interesse bekundet
Ich spiel‘ keine Gigs unter sechs, siebenhundert“

Das kann er gut, das hat er auch schon häufig bewiesen. Doch nutzt er es in diesem Albumkonstrukt leider nicht so recht zu seinem Vorteil: Zu sehr durchkreuzt es den schönen, roten Faden der Quasi-Autobiografie, die „Shibuya Crossing“ hätte sein können. Da passt zwar das Skateboarding-Loblied „Love is Pain“ noch hübsch rein. Auch das bescheuert-sympathische Outro „Cloudrap“, das seine Geschichte im Raphimmel enden lässt, sei ihm gegönnt. Doch der alte Battle-Veteran und DLTLLY-Host legt einfach zu viel Wert auf das Bashing der Szenemitstreiter, sodass die eigentlich so gelungene Erzählung immer wieder durchbrochen wird und letztlich kein schlüssiges Album ergeben will.

Aber gut – wirr und ungeradlinig ist ja im Umkehrschluss auch Justus‘ Lebensweg, den er nun immerhin auf einer Handvoll richtig starker Songs veranschaulicht hat. Und an so großen Kreuzungen auf Anhieb den richtigen Weg zu finden, ist sicher auch ein ziemliches Kunststück. Ich denke aber, dass es Juse Ju zu einem anderen Zeitpunkt noch gelingen wird.

„Shibuya Crossing“ erscheint am 16. März ohne Label, im Vertrieb von Groove Attack.