Das Leben war ganz schön grausam zur Emo-Subkultur. Nachdem sie Mitte des letzten Jahrzehnts auf ihrem Höhepunkt angekommen war, krähte 2007 bereits kein Hahn mehr nach ihr. Essentielle Bands wie From First To Last tauchten ab oder wandten sich wie My Chemical Romance ganz neuen Einflüssen zu. Besonders bitter: Selbst die MySpace-Profile der zahllosen Anhänger sollten es nicht mehr ins Jahr 2017 schaffen. Lange Zeit schien es fraglich um das Erbe, welches die „letzte wahre Subkultur“ hinterlassen haben könnte.

Remo Drive nennt sich nun die junge Alternative-Band aus dem US-Bundesstaat Minnesota, welche mit ihrer Debüt-LP mehr vor hat, als einfach nur die Scherben dieser Ära aufzusammeln: Die Platte, welche den bescheidenen Titel „Greatest Hits“ trägt, legt ihr Herz wieder auf die rohen und ungefilterten Seiten des weitläufigen Emo-Genres. Aufgenommen im Schlafzimmer von Frontmann Erik Paulson, ist dem Trio – trotz der manchmal triefender Lyrics über Selbstmitleid und Zukunftsängste – der Spaß auf jeder Sekunde dieser Low Budget-Produktion anzuhören.

Wer nämlich meint eine Emo-Band könne keine Mundwinkel hochreissen, nur in dunklem Make-Up versinken und die Stromrechnung dank Muttis Glätteisen in den Sand setzen, der hat das Video zur Vorab-Single „Yer Killin‘ Me“ noch nicht gesehen: Das Trio bewegt sich darin durch eines der typischen US-Vorstadtsiedlungen und spielt ihre Instrumente quasi „on the run“. Eine unterhaltsame Aufarbeitung einer destruktiven Beziehung – zwischen Garage-Rock, Emo-Punk und purzelnden Pfunden.

Das Album bleibt dem Emo-Genre stets treu und arbeitet sich an düsteren, aber persönlichen Themen ab: Die Selbstzweifel an der eigenen Person („Eat Shit“, „Trying 2 Fool U“), die Gefangenschaft in Beziehungen die für beide Partner zum Scheitern verurteilt ist („Hunting for Sport“, „Crash Test Rating“) und – natürlich – eine feine Prise jener emotionalen Selbstironie, welche bereits „Yer Killin‘ Me“ zu einer vielversprechenden Lead-Single machte.

Die DIY-Produktion nimmt sich ihre Freiheiten, lässt ausschweifende Soli und unerwartete Songbrüche zu, welche in roughen Outros münden. Erinnerungen an Bands wie The Get Up Kids kommen nicht von ungefähr. Man kann von Glück sprechen, dass bei Titeln wie „Trying 2 Fool U“ kein Produzent die Gelegenheit bekam, unter der triefenden Vocalmelodie von Sänger Erik einige Vocaleffekte drunterzulegen. Der gelegentliche Gedanke bei „Greatest Hits“ einem starken Demotape zu lauschen, erinnert an die großen Gefühle der Faszination der frühen Tage des Emo-Punks, lange bevor sich Dollarzeichen zwischen die Augenlider der großen Labelchefs setzten.

Eine Faszination, die 2017 ihre große Wiederkehr feiern könnte: Cute is What We Aim For tourten erst letztes Jahr wieder ihr Albumdebüt, während Acts wie Taking Back Sunday auch heute noch regelmäßig neue Platten veröffentlichen und ihr Publikum erweitern. Anfang des Jahres schloß sich Sonny Moore alias Skrillex gar seiner anfänglich erwähnten Band From First To Last wieder an und veröffentlichte eine unerwartet starke Comeback-Single. Trotz des aktuellen Nostalgietrips ist es wichtig sich zu erinnern, dass Erfolg und Überleben einer Musikrichtung nicht nur von den großen Bands der früheren Tage abhängen kann. Remo Drive zeigen mit „Greatest Hits“, dass ein frischer Wind und neue Impulse das richtige Mittel sein können, um junge Hörer zu erreichen und Emo wieder auf die Karte zu setzen.

Wer nun wieder Blut geleckt hat, der ist natürlich auch dazu eingeladen sich am 30. April im Hamburger Molotow einzufinden – zur großen „Findet EMO“-Partynacht.

Remo Drive haben „Greatest Hits“ am 16. März selbstveröffentlicht.

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