Foto: Simon Frøsig Christensen

In Deutschland meckert man bekanntlich gerne über den hauseigenen Festivalmarkt: Rockbands seien nicht mehr gefragt, das Wetter zu schlecht und der Campingplatz zu Ballermann. Kaum verwunderlich also, dass das ausgezeichnete Festivalangebot unserer Nachbarländer immer häufiger ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. noisiv.de hat sich endlich getraut und mit dem Roskilde Festival 2018 erstmals ein Festival im Ausland besucht. Babak und Marcel über vier heiße Tage in Dänemark.

ROSKILDE FESTIVAL 2018 – TAG 1

Als wir gegen Nachmittag des 4. Julis in Roskilde ankamen, empfing uns die pralle Sonne in Begleitung mehrerer freiwilliger Mitarbeiter des Roskilde Festivals. Mehr als 30.000 Freiwillige arbeiten vom 30. Juni bis 7. Juli daran, dass 175 Acts auf acht Bühnen Platz finden. Ohne sie geht auf dem gemeinnützigen Festival gar nichts: Sie kümmern sich u.a. um Auf- und Abbau, Verwaltung, Verpflegung und Sicherheit der weiteren 100.000 Festivalbesucher. Auch die künstlerische Gestaltung des großen Geländes geht auf ihr Konto, dazu aber mehr in einem anderen Artikel.

Live auf der Orange Stage beim Roskilde Festival 2018: The Minds of 99 (Foto: SH Luftfoto / Stiig Hougesen).

Im Gegensatz zu hiesigen Big Playern wie dem „Rock am Ring“, ist das Roskilde ein 100%iges Non-Profit-Festival. Erwirtschaftete Profite werden von der Roskilde Festival Charity Society an kulturelle und humanitäre Einrichtungen gespendet. Umso erstaunlicher, dass uns in den folgenden vier Tagen einige der größten Acts der Gegenwart begegnen sollten: Eminem, Gorillaz, Bruno Mars, Nine Inch Nails, St. Vincent, Nick Cave & The Bad Seeds, Massive Attack, Charlotte Gainsbourg, Interpol, Joey Bada$$, Dua Lipa oder Vince Staples – um nur einige zu nennen.

Das Festivalgelände ist ein großes Sammelbecken aus traditionellen Festivalbräuchen und neuartigen Innovationen. Wer sich hier bspw. über alle Tage vegan ernähren möchte, schafft das dank der Food Courts auch: Bis zu 90 Prozent der Lebensmittel sind hier aus biologischem Anbau, nicht verwendete Reste werden zu Biogas weiterverarbeitet. Neben den Ess- und Trinkbuden sind zudem häufig Kunstobjekte und Graffiti zu finden, die Bezug auf eine nachhaltige Lebensweise nehmen und die gegenwärtige politische Weltlage kommentieren. Ein guter erster Eindruck. Nun aber zur Musik.

Foto: Jesper Bjarke Andersen

Der kanadische Rapper PARTYNEXTDOOR wurde gegen 18 Uhr zum ersten Act, den wir uns auf dem Roskilde Festival angeschaut haben. Das OVO Sound-Signing spielte auf der Arena Stage nicht nur seine eigenen Hits routiniert runter, sondern auch Stücke wie „Work“, die der 25-jährige für weitere Künstler wie Rihanna geschrieben hat. Im Anschluss ging’s direkt weiter zur Pavillon Stage, wo auch schon die UK-Punks von Slaves auf uns warteten. Das Duo explodierte nahezu vor lauter Energie und lieferte für viele der Besucher die Show des Tages ab. Kein Wunder: Die Stücke der letzten beiden Platten sind auch ausgezeichnet gealtert.

Ob man selbiges vom Headliner des Tages behaupten kann? Mit Eminem, wartete am Abend der erste übergroße Act unserer Roskilde-Woche auf uns. Er konnte alle Erwartungen übertreffen: Eminem versammelte knapp 100.000 Fans vor der geschichtsträchtigen Orange Stage und spielte damit, das größte Konzert in der fast 50-jährigen Festivalgeschichte. Bei seinem ersten Auftritt in Dänemark überhaupt, holte er von „Sing for the Moment“, „Without Me“, „The Real Slim Shady“, „Lose Yourself“ oder „My Name Is“ sämtliche Klassiker raus, spielte auch einige Stücke seiner aktuellen Platte („Framed“, „River“ und mehr).

Foto: Jeremy Deputat

Foto: Jeremy Deputat

Der US-Rapper wirkte von der Publikumsmenge zwar etwas eingeschüchtert, bekam gemeinsam mit seiner großen Band und seinem Kumpel Mr. Porter (D-12) und DJ The Alchemist an den Decks dennoch eine hervorragende Show auf die Beine gestellt. Auch Royce da 5“9“ schaute für den Bad Meets Evil-Track „Fast Lane“ kurz vorbei, während Skylar Grey bei „Stan“, „Love The Way You Lie“ oder „Walk on Water“ den Gesangspart nahezu perfekt übernahm. Eminem beeindruckte mit seinem fast 30-Song starken Set auf ganzer Linie, konnte selbst die schwächeren Stücke der Setlist mit seiner Live-Performance retten.

von Babak

ROSKILDE FESTIVAL 2018 – TAG 2

Wer unsere Instagram-Stories verfolgt hat weiß, dass ich sowohl Unterhosen als auch Socken vergessen hatte. Ein sehr unangenehmer Fauxpas, der einen ausgedehnten Ausflug ins Zentrum von Roskilde zur Folge hatte. Letztendlich landeten wir in einer dieser aus dem Boden gestampften Malls, die in jeder Stadt gleich aussehen. Doch Roskilde selbst, mit ihren typisch dänischen Häusern, versprüht einen herrlichen Urlaubsdorf-Charme. Ach ja, neue Unterwäsche hatte ich auch noch gefunden, den Anstrengungen der nächsten Tage stand also nichts mehr im weg.

Der eigentliche Festival-Tag begann gleich mit einer ziemlichen Überraschung. Eigentlich wusste ich gar nicht so genau, was ich von 6lack erwarten durfte, am Ende gehörte das Konzert vom US-Musiker, der gerade auf dem Khalid-Song „OTW“ zu hören ist, zu einem meiner absoluten Festival Highlights. Der Sound bewegt sich gekonnt zwischen bedrückenden HipHop-Beats und emotionalem R’n’B. Drummer und Keyboarder waren ebenso am Start wie eine unglaubliche Fan-Nähe und unüberhörbares Talent.

Polit-Talk an Tag 2: Aktivistin und Whistleblowerin Chelsea Manning im Gespräch im Gloria-Zelt. (Foto: Steffen Jørgensen)

Foto: Per Lange

Bruno Mars – „The best performer in modern Pop“. So wird der omnipräsente Superstar in der kurzen Beschreibung der hervorragenden Festival-App angekündigt. Und als wir abends vor der Orange-Stage standen, tanzend und jeden Song mitsingend, wird klar, dass diese Beschreibung noch nicht einmal so ganz verkehrt ist. The Hooligans, die Band mit die Bruno Mars seit 2010 auf Schritt und Tritt folgt, war verdammt gut eingespielt – seien es die Choreographien oder das Arrangement der einzelnen Tracks. Und irgendwie glaubte man, Bruno Mars hätte selber tatsächlich eine Menge Spaß auf der Bühne.

von Marcel

ROSKILDE FESTIVAL 2018 – TAG 3

Viel geschlafen hatten wir nicht, die Folgen sind glücklicherweise weder spürbar noch sichtbar – zumindest bilde ich mir das ein. Das frühe Aufstehen wird aber belohnt, denn wir sind zum Gespräch mit Martin verabredet. Martin Hjorth Frederiksen ist internationaler PR- und Kommunikationschef des Roskilde Festivals und weiß daher eine Menge zu erzählen. So verrät er uns zum Beispiel, dass das erwirtschaftete Geld nicht nur an internationale Organisationen ausgeschüttet wird, sondern zum Beispiel auch der Hamburger Groove City Recordstore bereits vom Roskilde Festival profitiert hat. Mehr von Martin gibt es bald in unserer Radiosendung St. Pauli Sound Canteen auf Tide Radio zu hören!

Foto: Benjamin Legarth

Vom Interview ging es gleich zum ersten musikalischen Highlight: The Hunna traten im Pavillon auf, einer der kleineren Bühnen (aber was heißt schon klein, bei so einem Festival?), und präsentierten Songs vom gerade erschienenen Album „Dare“ – was eine Show! Da waren wir gleich umso glücklicher, dass wir die Jungs im Anschluss ebenfalls interviewen durften. Dass die Briten nach dem Auftritt überhaupt noch Lust hatten zu quatschen war schon bemerkenswert. Dass es darüber hinaus noch einen Haufen Anekdoten, interessante Funfacts und sogar einen Freestyle von Drummer Jack gab, hat uns umso mehr beeindruckt. Alles weitere dazu gibt es bald in Interview-Artikel bei uns!

Was gab es noch? Auftritte von Stefflon Don (gut), Joey Badass (besser) und den Young Fathers (unglaublich). Ich hatte mir einen Sonnenstich eingefangen und als Warm Up für das späte Konzert von Massive Attack haben wir uns Zeltlager gewagt und zu dänischem Rap getanzt – kann man machen. Der Auftritt von Massive Attack war ein einziger Rausch:

von Marcel

ROSKILDE FESTIVAL 2018 – TAG 4

Den am Vorabend besuchten Campingbereich wollten wir heute noch einmal bei Tag aufsuchen. Als wir von einem der Hügel auf die Zelte herunterblickten erinnerte ich mich an die finale Szene in „From Dusk Till Dawn“ erinnert, wenn die Kamera herausfährt und hinter dem Titty Twister die Halde mit verlassenen Autos sichtbar wird. Okay, so schlimm war es nicht, aber bei 100.000 Besuchern ergibt sich nunmal eine gewisse Gruppendynamik. Am Rande des Platzes gab es übrigens auch einen See, der bei diesen tropischen Temperaturen für Abkühlung sorgte und nicht unerwähnt bleiben soll.

So langsam kannten wir uns schon aus auf dem Festivalgelände und bewegen uns so, als wären wir absolute Profis. So fanden wir die Stage, auf der Kali Uchis und Vince Staples spielen sollten, im Handumdrehen. Erste beeindruckt mit starker Stimme, starker Band und natürlich einem wahnsinnig tollen Sound, der Hip-Hop-Elemente mit Neo-Soul und Pop verbindet. Im Gegensatz dazu bot Vince Staples absoluten Minimalismus. Selbst der DJ wurde hinter dem Bühnenvorbau versteckt! Stattdessen rappte sich Vince Staples die komplette Stagetime allein vor dem XXL-Screen die Seele aus dem Leib. So muss Rap 2018.

Foto: Jens Dige/ROCKPHOTO

Auch wenn wir Vince am Abend auf der Orange Stage vermisst hatten, war der Auftritt der Gorillaz ein weiteres absolutes Highlight. Der Katalog der Band ist unbestreitbar wasserdicht und die Ausstrahlung von Damon Albarn auf der Bühne ist eines Rockstars würdig. Vor allem dem eines britischen, der im England-Trikot auf der Bühne stand (WM war ja auch noch und England hatte gerade Schweden besiegt). Damon ist übrigens schon Stammgast auf dem Roskilde und unterstützt mit seinen diversen Bands und Formationen die gemeinnützigen Ziele wo er kann.

Enden tut das Festival übrigens mit einem absoluten Absturz. Treffen tut das allerdings weder Babak noch mich, sondern Del tha Funky Homosapien von den Gorillaz, der einfach über den Bühnenrand läuft. Was auf den riesigen Leinwänden, die die Orange Stage einrahmen, noch verdammt komisch aussieht, endet für den Rapper allerdings im Krankenhaus. Rippenbrüche inklusive. Gute Genesung! Für uns endet der Abend damit, dass wir uns müde und erschöpft in unsere Zelte fallen lassen können. Glück gehabt.

von Marcel

Fazit

Was für ein Festival! Ich bin mit gemischten Gefühlen nach Roskilde gefahren: Ist das nicht eine Nummer zu groß? Bleibt da der Charakter nicht ein wenig auf der Strecke? Ganz und gar nicht! Anstatt von Besuchermengen erdrückt zu werden, rückten viel häufiger die wirklich wichtigen Dinge in den Vordergrund: Der Non-Profit-Aspekt des Festivals, das diesjährige Motto Equality, der Fokus auf Kunst und Kultur und natürlich das grandiose Line-Up! Für mich definitiv eines der schönsten Festivals, die ich bisher besuchen durfte. In 2019 gerne wieder!

von Marcel

Roskilde Festival 2018: Die Highlights des Kunstprogramms

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