And now to something completely different: Schwesta Ewa ist vielleicht nicht gerade die Künstlerin, die hier tagtäglich stattfindet. Aber will man sich wehren, wenn einer der derbsten Gangster im hiesigen Rapgeschäft eine neue Scheibe rausbringt? Ich mein, ey – Ewa geht Gucci Store und bezahlt mit der Gun! Ich bleibe dann wohl besser zu Hause und lege „Kurwa“ auf, Ewas LP-Debüt.

Lang, lang ist es her, dass die Frankfurterin „Doktor Entjungferung“ ankündigte, nachdem ihr erstes Mixtape „Realität“ 2012 für ordentlich Aufmerksamkeit in der Szene sorgte. Der Arbeitstitel ist dem polnischen „Kurwa“ gewichen – und das kommt dem, worüber Ewa berichtet, schon recht nah: Die Polin hat vor ihrer Rapkarriere als Sexarbeiterin im Frankfurter Bahnhofsviertel geackert, wie sie es nennt. Mit weniger geläufigen Begriffen hat der Hörer auf „Kurwa“ generell öfter zu kämpfen, und nichtmal Google hilft beim Verständnis von Titeln wie „Von Hype zu Ayb“. Muss man sich dran gewöhnen – die altbewährte Haftbefehl-Schule.

So nimmt Ewa uns also mit in eine Welt, die die meisten hier sicher nicht von innen kennen. Koks, lila Scheine, Rotlicht und Blaulicht – ihre Vergangenheit thematisiert sie in all ihren Texten, die sie mittlerweile selbst schreibt, bei „Realität“ half ihr Labelchef Xatar noch aus. Der ist selbstredend auch hier wieder mit von der Partie, nicht nur auf den beiden als Skits verarbeiteten Telefonmitschnitten, in denen Ewa enttäuscht von einem Lover berichtet, der sie gar nicht ficken, sondern nur kuscheln will. Na, sowas aber auch!

Der Freude, die man beim Rezipieren ihrer Texte hat, steht leider immer wieder eines im Wege: Der Refrain. Während sie auf dem vorangegangen Mixtape noch Rap-Hooks auf Boom Bap-Beats spuckte, versuchen Ewa und ihre Produzenten auf dem Album einen Spagat zwischen Oldschool Hip Hop und Pop, der leider zu selten gelingt. Auf jedem zweiten Song singt irgendwer anders einen Chorus, der auf die 80er- und 90er-artigen Beats passen soll, was in aller Regel eher in Peinlichkeiten endet.

Auf „Kurwa“ gibt es eine Menge guter Texte zu vernehmen, nur leider zu wenig gute Songs. Mit Konzepten, die nicht zünden und schwer zu ertragenden Kehrversen ist sich Schwesta Ewa auf ihrer langersehnten Platte leider nicht komplett treu geblieben – da greift wohl leider wieder die alte Rap-Denke, dass Alben große Hits brauchen, um sich von Mixtapes abzuheben. Ich hoffe in Zukunft also wieder vermehrt auf Veröffentlichungen letzteren Typs. Wer ansatzweise angefixt ist, die Hooks aber auch nicht ertragen kann, sei auf Ewas Buddy SSIO verwiesen, der 2013 ein definitiv besseres Debütalbum veröffentlichte.

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