Foto: Stefan Braunbarth

Ein Cover mit Schützenverein. Ein Intro mit Bläsern. Ein erster Chorus mit „Zieh‘ dich aus, du kleine Maus“: Er macht es wirklich nicht jedem ganz leicht, ihn von Beginn an richtig zu verstehen, der Zürcher Singer-Songwriter Faber. In unserem Telefoninterview, das in Kürze hier zu lesen sein wird, verriet er bereits: „Bei einem Konzert hat mal jemand gerufen, ,für Nazischeiß gibt’s keinen Applaus‘, da müssen wir uns wohl missverstanden haben!“

Jener Ausruf bezog sich auf Fabers bereits 2016 auf der „Abstinenz“-EP (hier bei uns rezensiert) veröffentlichtes Stück „Wer nicht schwimmen kann, der taucht“, in dem sich der junge Schweizer in die Rolle eines nicht mehr so jungen und vor allem: nicht so toleranten Schweizers versetzte. Das Rollenspiel gehört zu den Paradedisziplinen des Texters, der sich dann kurz darauf jedoch wieder ganz in seiner eigenen Welt befindet:

„,Wer nicht schwimmen kann, der taucht‘ findest du ein starkes Lied, wegen der Ironie im Text und den schönen Harmonien.“

Faber – Es könnte schöner sein

Tja, und ebendieser Song befindet sich auch auf seiner neuen LP „Sei ein Faber im Wind“, aber erst kurz vor Schluss, viel später, als die oben genannte Textzeile aus „Es könnte schöner sein“. Wie gesagt: man muss sich hier schon ein wenig in das Werk des Künstlers hineinfuchsen, um ihn zu verstehen.

Dieses besteht bis dato aus zwei EPs, aus denen er drei Songs auch auf „Sei ein Faber im Wind“ recyclet, darunter die Antithese zu den Durchhalteplattitüden von Max Giesinger und (Ab-)Artverwandten – „Bleib dir nicht treu“ – in neuer, noch besser Version. Mit den akustisch-ruhigen Kompositionen seines Erstlings „Alles Gute“ und den zappeligeren Bossa-Einschlägen des Nachfolgers „Abstinenz“ hat Faber seinen Stil fürs erste Album gefunden, bringt die Sounds der beiden EPs optimal unter einen Hut, unternimmt in „Brüstebeinearschgesicht“ aber auch mal einen Ausflug Richtung Desert. „Nichts“ hingegen vergleichen YouTube-Kommentierende mit der Musik des Disney-Dschungelbuchs. Auch mal eine interessante Referenz, doch Fabers Motto ist sicher nicht „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“. Ungemütlich geht es zu in seinen Texten, auch wenn die seichten Gitarrenpicks „In Paris brennen Autos“ noch so entspannt daherkommen:

„Die einen ertrinken im Überfluss, die anderen im Meer. Ein Terrorist sprengt glücklich einen Flughafen leer. Und ein Nazi schießt zufrieden auf ein Flüchtlingsheim. Da fühlt man sich als Mensch manchmal allein.“

Faber – In Paris brennen Autos

Inhalte wie diese und deren lyrische Umsetzung, gepaart mit dem frischen, sich in der Weltmusik bedienenden Sound machen deutlich: Faber ist genau der Künstler, den wir alle im Moment brauchen. Ein blutjunger Zottel- und Dickkopf, der unerschrocken Politisches wie auch Privates in Songs verarbeitet und dabei einfach alles richtig macht. Wobei man ja vorher kaum ahnen konnte, dass ein Song, der von „Matches auf Badoo“ erzählt und Starbucks auf Start-Up reimt, das Richtige sein könne! Doch gerade dieser letzte, wie das Album betitelte Track von verlorener Liebe lässt die des geneigten Hörers noch einmal so richtig aufflammen, wenn Faber in lethargischem Tonfall singt:

„Ja dein Neuer, der sei Rapper, dein Neuer, der sei besser, dein Neuer hat ein Unterarmtattoo. Dein Neuer, der trägt im Gesicht ’nen Vollbart, meine neue nur einen Flaum. Du bist einfach abgehauen!“

Faber – Sei ein Faber im Wind

„Sei ein Faber im Wind“ erscheint am kommenden Freitag bei Vertigo Berlin, dem geschmackvolleren Ableger vom Major-Label Universal. Auch die Bühnen seiner anstehenden Herbsttour werden langsam größer als zuvor. Als ich vor gut einem Jahr über die „Abstinenz“-EP berichtete, verlor Faber den Krieg der Google-Suchanfrage noch gegen Lotto und Sekt – heute steht er auf Platz 1. Die Einschläge kommen also näher und es bleibt zu hoffen, dass der wachsende Erfolg den Eigenbrödler nicht negativ beeinflussen wird. Wer jedoch dieses Album hört, bleibt in dieser Hinsicht erstmal ganz beruhigt: Es ist ein grandioses Debüt geworden, das es verdient hat, von einer möglichst großen Hörerschaft entdeckt und geliebt zu werden! Oder auch gehasst, denn nur mit Gegenwind kommt dieser Künstler richtig in Fahrt.

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