Foto: Evelyn Plaschg

Zeitlosigkeit ist eine Eigenschaft, die jedes Meisterwerk der aktuellen Popmusik meiner Meinung haben sollte. Im letzten Jahr ist Ende Oktober solch ein Werk erschienen: Die Grand Dame der ambitionierten Popmusik zwischen Klassik und Avantgarde Soap & Skin hat ein Album herausgebracht, welches voller Details, Hingabe und autark zeitlos ist. Die 12 Songs auf „From Gas to Solid / you are my friend“ wollen entdeckt werden, mal ruhig und andächtig, mal militärisch laut und expressiv. Zwischen erdig-ätherischer Grandezza und einer dynamischen Schönheit finden sich musikalische Arrangements, die Musikproduktion und Komposition in den Mittelpunkt stellen und sich dabei nie überwerfen. „From Gas to Solid / you are my friend“ ist ein Gedicht, was es zu entschlüsseln und zu verinnerlichen gilt, aber wenn dann geschehen wirkt es noch machvoller als beim ersten Hören.

Sechs Jahre hat es gedauert, bis die österreichische Musikerin und Produzentin Anja Plaschg ihr drittes Studioalbum herausbringen konnte. Zeit erscheint hier unwichtig, war sie doch in allerlei Nebentätigkeiten wie Kompositionen für Theater (u.a. für das auch in Hamburg ansässige Theaterstück „Die Tragödie von Romeo und Julia“) und Filmprojekte beschäftigt. Im besten Sinne definiert gerade das Entfernen vom Zeitfaktor ihre Musik, die sich musikalisch wie textlich den früheren Arbeiten „Lovetune For Vacuum“ (2009) und „Narrow“ (2012) annähert.

Wenn auch vielleicht die Sichtweise eine besonnenere als die rohen, wütenden beiden Vorgängeralben ist, geht in dieser „Trilogie“ der Kampf nach Sinn und Antworten, dem Fragen und dem Finden eines Ortes zum Überleben weiter: „I wanted to create a world where I felt sheltered. I was searching for something soothing. The album is about separation, forgiveness, states of healing and frightening throwbacks.“ Diesen Wellengang weiß Plaschg musikalisch mit ihrem Universum zu vereinen. Eine Bandbreite, die von hymnischen Piano- und Vokalarrangements („This Day“, „Creep)“ und flirrenden, nostalgischen Soundsamples („Athom“) bis hin zu reinen Chorälen („(This Is) Water“) und instrumental elektronischen Orgelsoli („Falling“) reicht. Hier heißt es ganz grundlegend – bewusst zuhören und die Musik von innen und außen betrachten.

Fast vollständig in ihrer Wohnung in einer ruhigen, grünen Ecke Wiens aufgenommen, ist diese Vielfalt an Tracks nicht nur selbst produziert, sondern auch selbst inszeniert, wie die Musikerin erklärt: „Fast alles was hörbar ist basiert auf Samples. Selbst wenn Musiker involviert sind, sample ich einzelne Töne und Schläge und arrangiere sie so neu. Die Arbeitsweise gleicht eher dem Prozess des Malens auf einem offenen Raster am Bildschirm. Ich kann so aus meinen technischen Fähigkeiten hinaustreten und mich allein darauf fokussieren was ich höre. Das gibt mir mehr Freiheit.“
Und dieses Album ist Kunst, eine musikalische Kunst, die bewegt, irritiert, verunsichert, aufweckt, euphorisiert und dich anlacht – und alles zur selben Zeit.

Wir bedanken uns bei Laura Schaefer für diesen tollen Gastbeitrag! Wer mehr von der jungen Bloggerin lesen möchte, sollte in nächster Zeit vielleicht öfter auf noisiv.de vorbeischauen.

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* Quelle der Zitate: Pressemitteilung + Biographie / PIAS