Foto: Torge Santjer

Schnell noch eine Flasche Wasser am Automaten gezogen und ab in den Zug – die Heimat ruft! Jedes Jahr im Juli steht Cuxhaven Kopf, wenn aus  ganz Deutschland und darüber hinaus über 55.000 Menschen zum Deichbrand Festival anreisen. Nicht nur zählt die Großveranstaltung aus dem Hause ESK Events zu der größten Attraktion im Cuxland, sondern darf sich das Deichbrand Festival nach nunmehr 13 Jahren zu den Big Playern in Festival-Deutschland einreihen.

Bevor wir aber mehr Lobeshymnen verteilen, wechseln wir von der Vogelperspektive wieder auf den Boden der Tatsachen. Freitagabend, kurz vor Casper, musste man sich beim Einlass auf gute aber machbare 20 Minuten Wartezeit einstellen. Das war wohl am Wochenende zu Stoßzeiten immer wieder der Fall und auch wenn Sicherheit vor geht, ist da sicher noch Luft nach oben. Wobei ich mir auch hier immer wieder die Frage stelle, warum einem nützliche Desinfektionsmittel abgenommen, Feuerzeuge aber wohlwollend auf dem Gelände verteilt werden.

Ist man aber angekommen im Infield, wird man Willkommen geheißen von etlichen Food-Buden im Zentrum, dem Palastzelt zur linken, einem Riesenrad zur rechten und den beiden großen Bühnen (Fire- und Waterstage), die sich am Horizont erstrecken. Auch die Stände von großen Schnaps- und Zigarettenherstellern waren kaum zu übersehen und so gab es immer genügend Anlauf- und Treffpunkte, um sich mit Kollegen und Freunden zu treffen. Einzig und allein ein paar mehr Sitzgelegenheiten wären wünschenswert gewesen, die Sandberge sind zwar günstige Alternativen, aber Schattenplätze hat man oft verzweifelt gesucht.

Speis & Trank

Viele Worte kann man über die Essensstände nicht verlieren, im Prinzip bleibt eben alles beim alten. Kleine Portionen für großes Geld. Dafür ist aber für jeden etwas dabei und außer beim Käsespätzle konnte ich keine übermäßig langen Wartezeiten ausmachen. Spannender wird es in Anbetracht des Wetters bei den Getränken. Die Bierpreise waren in Ordnung und vor allem Bezugsquellen gab es mehr als genug – an Ständen und Verkäufern mit Fässern auf dem Rücken mangelte es zu keiner Stunde. Mineralwasser kostete jedoch stolze 3,50€ der Becher und ja, ein-zwei Trinkwasserstationen auf dem Gelände gab es auch, in der Mittagssonne allerdings musste man auch hier wieder Wartezeit und großes Gedränge einplanen. Wunsch für die Zukunft: Bei dem Wetter mehr Wasserflaschen verteilen und die Bierträger zusätzlich oder stattdessen ebenfalls mit Wasser auf die Reise schicken.

Musikalisch durchwachsen

Einen roten Faden im Line-Up des Deichbrand Festivals sucht man wie auch die letzten Jahre vergeblich. Irgendwas für die jungen Leute, irgendwas für die Alt-Rocker, irgendwas für die Charts-Hörer, irgendwas fürs Image. Wenn man falsch abbiegt, steht man beim Rockfestival Mitten in der Menge bei Kontra K, einem Rapper, der Homophobie und Sexismus auch gerne mal unter der Meinungsfreiheit vergräbt. Und auch Ufo361, der unter anderem mit straffälligen Gängster-Rappern wie Gzuz oder Capital Bra assoziiert wird, bekommt eine Bühne. Allerdings spiegelte auch die Musik die vom Campingplatz trällerte wider, wie der Musikgeschmack vieler Besucher geformt ist. Wo vor Jahren noch durch Musik von Rammstein, System of a Down und Rage Against The Machine sein Revier markiert wurde, hört man jetzt die neuesten Songs von RAF Camora und Bonez MC. Natürlich hat das weniger mit dem Deichbrand oder der Festivallandschaft an sich zu tun, nur finde ich es spannend diesen Wandel in der Szene so mitzuerleben.

Viel mehr Spaß machten mir persönlich da doch Acts wie Gloria, Bosse oder Kettcar („Sommer ’89“), die nicht nur in sondern auch zwischen ihren Songs auf politische Missstände und beispielsweise auf aktuelle Themen wie die Flüchtlingshilfe im Mittelmeer aufmerksam machen. Aber da ich die Musik wieder in den Mittelpunkt rücken möchte, verrate ich euch, dass Von Wegen Lisbeth das absolute Highlight des Wochenendes waren. Um 15 Uhr fanden sich bei heißestem Sonnenschein geschätzte 3.000 Fans vor der Bühne ein, die binnen kürzester Zeit auf eine Masse von gefühlten 20.000 Tanzwilligen heranwuchs. Was eine Stimmung!

Wie Green ist eigentlich das Green Camp?

Dieses Thema finde ich ja bei nahezu allen Festivals am spannendsten. Wie hinterlassen die Fans ihren Campingplatz? Wie gehen sie mit ihren Nachbarn um? Wird sich an die Regeln gehalten? Als 2011 erstmals das Green Camp beim Hurricane Festival eingeführt wurde, war ich dabei und sehr erfreut darüber, ein wenig gepflegter das Wochenende zu überstehen. Das hat für mich nichts mit Spießertum zu tun, nur für drei Tage Chaos und Zerstörung besuche ich keine Musikfestivals.

Damals äußerte sich das Green Camp durch einen exklusiven kleineren Bereich, der direkt bei der Anreise einen wesentlich organisierteren Eindruck hinterließ. Das Durchschnittsalter war gefühlt höher als im Jahr davor auf dem normalen Campingplatz und es gab regelmäßig Touren von freundlichen Securitys und Festivalmitarbeitern die dafür sorgten, dass keiner über die Stränge geschlagen hat.

Was ich von den Besuchern beim Green Camp des Deichbrand Festivals dieses Jahr gehört habe, geht allerdings leider in eine ganz andere Richtung. Auch wenn von der Veranstalterseite aus viel Arbeit und Kreativität in die Gestaltung des Geländes geflossen ist, haben viele Besucher das leider nicht gewürdigt und häufiger den Rahmen gesprengt. Bei meinen Besuchen im Camp lag auch hier vielerorts Müll herum und von bewusster Mülltrennung hab ich zumindest nicht viel gesehen. Ein mit Megafon organisierter Flashmob mit ca. 100 Personen bei den Dixies erinnerte auch eher an Mordor als ans Auenland und Kontrollgänge wie damals beim Hurricane konnte mir kein Anwohner vor Ort bestätigen. Am traurigsten allerdings fand ich die zahllosen verlassenen Zelte und Pavillons, die in der Nacht des Sonntags schon fast an skurrile Kunstinstallationen erinnerten.

Fotos: Torge Santjer

Um jetzt aber wieder die Kurve zu kriegen, muss ich sagen, dass ich echt begeistert bin, wie sich das Deichbrand Festival in so kurzer Zeit entwickelt hat. Und klar, jeder hat Ideen wie man dieses oder jenes anders machen könnte, allerdings gehört das Deichbrand mit seiner Ausrichtung und seinem Stellplatz ganz fest zur Festivallandschaft in Deutschland hinzu und ich bin schon jetzt gespannt, mit welchem Line-Up und welchen Ideen das Team nächstes Jahr auffahren wird.