Das war es also, das Spektrum Festival. Und was für eins. Am Samstag, den 05. August, lies sich so ungefähr alles auf dem Hamburger MS Dockville-Gelände blicken, was 2017 Rang und Namen in der Hip-Hop-Szene hat- natürlich deutsche Senkrechtstarter wie RIN oder UFO361, aber auch Loyle Carner oder die Section Boyz sorgten für ordentlich Dampf unter den 5-Paneln.

Bei für Hamburger Verhältnissen bestem Wetter ging es recht zeitig los. Ich stand pünktlich um 13:40 Uhr vor dem Maschinenraum und konnte mit dem Auftritt von Chima Ede bereits das erste Highlight erleben. Ich vermutete es bereits und der Eindruck bewahrheitete sich im Laufe des Festivals: Chima war der beste Live-Rapper beim Spektrum – zumindest was das Handwerk und die Technik angeht. Wahnsinn.

Da kommen wir gleich zum ersten Knackpunkt: Deutschrap hat sich in den letzten zwei Jahren, ach was, in den letzten sechs Monaten stark verändert. Diesen Veränderungen zeigen sich natürlich auch oder sogar gerade auf dem Spektrum Festival. Die Größe hat sich im Vergleich zu älteren Ausgaben (gefühlt) verdoppelt, das Publikum hat sich verjüngt und der Sound ist, nun ja, anders. Engstirnige und verkappte New Era-Cap-Träger werden sich vor den Kopf gestoßen fühlen. Der Rest fühlt sich pudelwohl und feiert in Yamamoto oder Supreme. Ich bin der Meinung: Geschmacksicherstes Line-Up, wo gibt.

Immerhin kann man zu deutschem Rap neuerdings auch feiern. Wenn bereits um 16.00 die komplette Crowd am durchdrehen ist, weil CE$ seinen Rockstar-Film fährt, dann halte ich das für sehr in Ordnung. Hat Spaß gemacht. Der Oldschool-Vibe geht übrigens dennoch nicht verloren. Plusmacher und Pöbel MC sind zwar grundverschieden, sorgen aber beide für ordentlich Kopfgenicke im Publikum, dass mittlerweile zu einer recht beachtlichen Größe angeschwollen ist. Mit Graffiti und Breakdance-Battle sorgt der Grossstatttraum Corner übrigens tatsächlich für Hip-Hop-Spirit. Props dafür an dieser Stelle.

Es geht weiter mit Goldroger, Loyle Carner und Edgar Wasser und Haiyti. Die beiden letztgenannten haben ebenfalls wenig miteinander am Hut, faszinieren mich persönlich aber gleichermaßen ganz besonders. Tolle Shows. Den für mich denkwürdigsten Auftritt legt meiner Meinung nach aber RIN hin, der deutschen Rap tatsächlich zu bewegen scheint, wie wenige vor ihm das getan haben und als letztes wohl Cro. Und das im wortwörtlichsten Sinne: Noch nie habe ich ein Publikum auf einem Konzert eines deutschen Rappers derart abgehen sehen. Up-turnen klingt an der Stelle doch etwas albern, oder? Ich ziehe meinen Hut und bin gespannt, was passiert, wenn im September das Debüt-Album „EROS“ erscheint.

Zwischen Trap und tanzbaren Dancehall-Rhythmen geben UFO361 und Nimo dem Publikum schließlich das, wonach es verlangt, bevor Die Orsons parallel zu Yung… äh K. Ronaldo für den geplanten Abriss sorgen. Ich bekomme beides aber nur am Rande mit. Ich habe mir derweil ganz entspannt einen Flying Hirsch organisiert und mich in die Klüse verdrückt, in der Dexter nun zum dritten Mal sein eben erschienenes Album „Haare nice, Socken fly“ zum besten gibt. Den Abend ausklingen lasse ich dann ebenfalls in der Klüse mit DJ Tereza.

Für mich war der Samstag, den ich auf dem Spektrum Festival verbracht habe, ein Tag, an den ich mich wohl noch lange erinnern werde. Wegen der großartigen Musik, die ich hören konnte, wegen der (wie jedes Jahr) tollen Atmosphäre und auch, weil es tatsächlich einer der wenigen Tage war, an denen es in Hamburg nicht geregnet hat. Auch wenn ich mich frage, ob Menschen auf einem Hip-Hop-Festival mit Schminke im Gesicht auftauchen müssen und dabei verbissener klinge, als ich mir selbst eingestehen möchte, freue ich mich bereits auf 2018. Ich bin gespannt was bis dahin mit Hip-Hop in Deutschland passiert. Es kann nur gut werden.

Spektrum 2017: Fotos von Hinrich Carstensen →