Tatwaffe_2_by_Mirko_Polo

Foto: Mirko Polo

Gibt es vergleichbare Karrieren im deutschen Rap? Wohl kaum. Tatwaffe ist eine Kategorie für sich. Am 26.08. erscheint das neue Soloalbum „Sternenklar“. Ein buntes Potpourri der guten Laune. Naja, fast.

Natürlich gibt es Songs, wie die erste Single „Bikini“, aber auch Real-Talk und Polit-Rap. Tatwaffe verstellt sich nicht und sagt, was gesagt werden muss. Immer intelligent und weitsichtig.

Das ist ungemein angenehm und so sind auch die Antworten auf meine teilweise persönlichen Fragen ausgefallen, die ich vor einigen Tagen stellen durfte. Ehrlich und aufgeschlossen.

Viel Spaß bei meinem Interview mit Tatwaffe!


Moin! Einer der Songs, der mir auf „Sternenklar“ am besten gefällt, ist „Family First“. Wie viel Platz hat Rap und Musik noch neben Deiner Familie?

Die Familie nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, das ist klar. Und trotzdem hat man bei drei Kids immer das Gefühl, die Zeit reicht nicht. Musik ist meine Leidenschaft, aber gleichzeitig auch mein Beruf. Und von nichts kommt nichts. Ich muss also des Öfteren einfach „Zeit schaffen“.

„Ich bin für meine Family am Machen”

Wenn ich dann mal mehrere Tage unterwegs bin, zu Auftritten oder Aufnahmen, dann fühlt sich das schon etwas komisch an, da ich gerne Zeit mit meiner Frau und den Kids verbringe, aber gleichzeitig weiß ich, dass ich gerade für meine Family am Machen bin.

Ihr habt mit Die Firma unglaubliche Erfolge gefeiert. Was ist Deine Erwartung an Dein neues Soloalbum? Wie wichtig sind Dir Verkäufe und Chart-Platzierungen?

Das Musikgeschäft an sich, ist nicht mehr, was es war. Wirklich Geld machen nur noch die Großen oder ab und an mal jemand der es von unten oder aus dem Nichts schafft, wie Cro zum Beispiel. Ansonsten haben wir da Bushido, Farid, Xavier und ein paar andere, die es sich richtig gut gehen lassen können.

„Für mich bedeutet Rap, dass man über alles spricht”

Ich persönlich bin happy, wenn viele Menschen meine Musik hören, da ich aus dem Feedback über all die Jahre gelernt habe, dass meine Musik Menschen in allen möglichen Lebenslagen geholfen hat. Aber klar würde ich gerne charten, das eröffnet neue Möglichkeiten und zeigt Dir schwarz auf weiß, dass du viele Menschen erreicht hast. Und es würde mein Vertrauen in die deutschen Hip-Hop-Hörer wiederherstellen.

Was hält Dich noch bei der Stange und motiviert Dich, Musik auf einem so professionellen Level zu machen?

Ich habe Rap ja nicht als Beruf gesehen, als ich gestartet bin. Rap war ein Werkzeug zur Veränderung der Gesellschaft. Über Probleme musikalisch zu sprechen, Augen zu öffnen, Toleranz und Gleichheit zu verbreiten, das war mein Anspruch. Die Mächtigen vorführen usw. Das ist auch heute noch so, auch wenn das Brötchenbacken dazugekommen ist.

Ich bin immer mit der Zeit gegangen von den Beats, dem Flow und der Sprache her und nie stehengeblieben. Und die Welt hat sich nicht zum Besseren verändert, sprich: Ich glaube, dass ich immer noch Menschen zum Nachdenken bringen kann mit meinem Sound.

Tatwaffe_5_by_Mirko_Polo

Foto: Mirko Polo

Du sagst auf dem Song „Echter Rap“: „Zu poppig für den Underground, zu hardcore für den Mainstream“. Denkst du nicht, dass du mehr Leute erreichen könntest, wenn du einen einheitlichen Sound fahren würdest? Oder ist genau das das Rezept hinter Tatwaffe und Die Firma?

Ja, das war und ist Absicht. Ich hasse Schubladen-Rapper und Schubladendenken. Das ist alles zu einfach und keine Herausforderung. Ich könnte sicher tausend Songs wie „Die Eine“ machen und bin mir ziemlich sicher, dass zwei, drei davon ähnlich funktionieren würden, aber das ist dann nicht mehr echt.

Wenn, wie auf meinem neuen Album „Sternenklar“, zwei Songs für die Eine sind, dann weil es nicht anders ging und aus mir heraus musste. Ich könnte vielleicht auch Nischen-Rapper für Verschwörungen werden, aber für mich bedeutet Rap, dass man über alles spricht und alle Themen anschneidet, die einen beschäftigen. Und das ist bei mir halt auch mehr als Koks und Frauen.

Du hast den Song „Im selben Boot“ gemacht und dessen Einnahmen dem Deutschen Roten Kreuz zugutekommen. Wie erklärst Du deinen Kindern. was gerade in Syrien passiert und warum all die Menschen flüchten?

„Die Menschen neigen dazu, nicht weit genug in die Zukunft zu denken”

Ich versuche ihnen erst einmal zu vermitteln, dass es ihnen relativ gut geht bei mir und meiner Frau in Deutschland. Dass man dankbar sein sollte für das, was man hat. Dann erkläre ich ihnen auch zum Teil, dass unsere Gesellschaft mitverantwortlich ist für das Elend in der Welt. Dass die reichen Nationen von Krieg und Leid profitieren und das die Menschen dazu neigen, nicht weit genug in die Zukunft zu denken.

Meine Söhne haben ja auch im Clip zu „Im selben Boot“ mitgespielt und das Lied sehr oft gehört, dadurch haben sie schon ein Bewusstsein für das Thema entwickelt.

Du bist schon lange im Spiel und hast die Entwicklung von deutschem Rap hautnah miterlebt. Wie beurteilst Du die aktuelle Lage? Steht uns das Platzen einer Blase bevor oder bleibt Rap weiterhin relevant?

Rap bleibt natürlich relevant. Aber Rap kommerzialisiert sich immer mehr wie in den USA und verliert damit seine soziale und gesellschaftliche Relevanz. Vielfalt ist da, aber nicht immer auf wirklich gutem Niveau. Die rebellische Ader kommt etwas zu knapp. Da bin ich froh, dass es Künstler wie Vega und Bosca gibt, die etwas tiefer graben, als die Meisten.

Gangster- oder Straßen-Rapper gibt es wirklich gute in Deutschland, aber die Nachahmer nehmen einfach überhand, das kann schon zu einem Platzen der Blase führen. Sido hat es schlau gemacht, weil er mit der Zeit und dem Alter gegangen ist. Der macht wahrscheinlich ähnlich wie ich auch mit 50 noch Rap und hat etwas zu erzählen, bei dem andere sagen „Recht hat er“ sagen. Es bleibt spannend.

Vielen Dank für deine Zeit und viel Erfolg mit „Sternenklar“! Mir persönlich gefällt es super!

Vielen Dank dafür und danke auch für das nice Interview!

[asa]B01IG47P0O[/asa]