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Foto: eyecandy

Pünktlich um 12:00 Uhr erreicht mich vor ein paar Tagen ein Anruf aus Berlin. Es meldet sich ein junger Mann mit einem überschwänglichen „Moin, Teesy hier. Alles gut?“. Aber sicher!

Die Veröffentlichung seines zweiten Albums „Wünschdirwas“ (eine Review habe ich ja bereits für euch verfasst) gibt uns Gelegenheit mal ein paar Minuten zu quatschen. Am Ende werden es sogar ein paar mehr als gedacht, aber was soll’s?

Es geht um sein Label Chimperator, um Musiker-Kollegen, wie T-No, LOT oder Kaas und letztendlich auch einfach um ihn: Teesy! Einen der sympathischsten und geerdetsten Musiker, mit dem ich Bekanntschaft machen durfte.


Das Album ist draußen: Wie fühlt es sich an?

[lacht] Ähm… Ungewohnt mal wieder, muss ich sagen. Ungewohnt. Bringt man ja nicht so oft raus, ein Album.

Nun zum zweiten Mal.

Ja, das zweite Mal. Genau. Es ist auch gut, dass es jetzt endlich raus ist und die Arbeit sich widerspiegelt an den Reaktionen von den Leuten und den ganzen Blogs und so. Jetzt ist eine aufregende Zeit. Wir gucken, wie es so läuft. Es ist natürlich auch wichtig, gerade die Charts-Platzierungen einzusammeln – so als Referenz für die Zukunft.

Die Charts-Platzierung ist draußen: Platz sieben in den deutschen Album-Charts.

Ja, genau. Aber auch ein wenig drin zu bleiben und das zu halten. Für mich ist es jetzt nicht so wichtig, aber als Referenz ist es immer gut, wenn man auf Festivals gebucht ist. Die hören sich nicht die Musik an und sagen: „Finden wir geil, unbedingt“. Sondern die gucken dann schon: „Was hast du für Zahlen vorzuweisen?“. Aber an sich ist die Stimmung gelöst. Der große Teil der Arbeit ist vorbei, jetzt wird Werbung gemacht und für die Tour vorbereitet.

„Ich bin 100% zufrieden mit dem Album und das kann mir so auch keiner wegnehmen”

Sind die Reaktionen denn bisher positiv in Deinen Augen oder hättest Du mit mehr gerechnet? Du hattest bei „Glücksrezepte“ gesagt, dass Du nicht komplett zufrieden warst.

Ähm. Kann ich gar nicht so vergleichen. Weil ich bei „Glücksrezepte“ auch noch gedacht hab, ich hätte was besser machen können – das meinte ich mit unzufrieden. Bei diesem Album ist das anders. Ich bin 100% zufrieden mit dem Album und das kann mir so auch keiner wegnehmen. Es ist auf jeden Fall viel Positives gekommen. Ganz viel habe ich gelesen. Ganz schöne Sachen. Schöne Rezensionen. Merkt man ja auch an dem Interesse von Radios, Interviewern und so, dass da schon ein bisschen mehr los ist als letztes Mal. Ist gut!

Du wirkst aber schon eher ein wenig abwartend. Wenn ich ein Album veröffentlicht hätte würde ich drei Mal im Dreieck springen.

Ich bin generell nicht so euphorisch. Musikindustrie ist ein raues Geschäft [lacht], in dem man sich zurechtfinden muss. Ich mach Musik für mich selber und nicht für die Leute da draußen. Und das ist, was mich im Dreieck springen lässt: Wenn ich zu Hause sitze und einen geilen Song mache. Dann krieg ich Glücksgefühle. Bei einer Charts-Platzierung bin ich zwar gut gelaunt, aber nicht aus dem Häuschen.

Das wusste ich auch gar nicht, dass Du Musik alleine produzierst.  Ich dachte Du produzierst alles mit T-No, aber du hast auch viel selbst gemacht.

Ja, auf dem neuen Album hab ich fast alles selbst gemacht. Der T-No hat zwei Dinger gemacht und mit Cro hab ich zwei Dinger gemacht. Den Rest hab ich selbst produziert. Das war auch sehr anstrengend, muss ich sagen. Ich hab letztes Jahr Skizzen gemacht und der Teil war sehr fröhlich. Dann kam das Einspielen und der Teil war wirklich Arbeit. Das waren so drei Monate am Stück Im-Studio-Sein von morgens bis abends und arbeiten, arbeiten. Das hat ja nichts mehr mit Kreativität zu tun. Das ist nicht mehr so viel Spaß. Trotzdem war es gut. Ach, ich bin generell jetzt gerade so… ich guck mal, wie es wird…

Ich habe Dich damals mit dem Song „Mein Job“ und dem Video dazu kennengelernt. Was hast Du da für Erinnerungen an diese Zeit und wie damals die Musik entstanden ist? Was fühlst Du da?

Im Gegensatz zu jetzt war es was Anderes. Für mich war es damals eine komplett neue Erfahrung mit einem Label zusammenzuarbeiten, wie Tracksetters. Jemanden zu haben, der mir unter die Arme greift beim Produzieren – den T-No. Immer zu zweit die Mukke zu machen; das war für mich neu, weil ich davor alles alleine gemacht hab. Die ersten Schritte zu machen war sehr interessant und die ganze Erfahrung mitzunehmen.

„Nun ist man im Fokus und muss abliefern”

Es war damals sehr unter dem Radar und das war auch sehr angenehm. Heutzutage ist man mehr in der Öffentlichkeit und muss damit auch klar kommen. Das ist spannend auf der einen Seite, manchmal ein wenig nervig. Ich komme aus dem „Musik im Keller machen“. Da war immer das Gefühl, man hat eine kleine Rebellion mit diesem Song, weil das noch nicht so viele kannten außer dem Freundeskreis. Und man hat sich gefühlt wie der Größte der Welt.

Nun ist man im Fokus und muss abliefern, das ist schon ein anderes Gefühl. Man hat die Musik nicht mehr für sich. Aber das klingt jetzt so als würde ich die Musik gar nicht rausbringen wollen. Klar will ich, dass das Leute hören und das die es gut finden. Ist ja klar. Ist ein Paradoxon, ein bisschen.

Bist Du damals eigentlich als Sänger oder komplett als Rapper zu Tracksetters gegangen? Oder wie hast Du das eingeordnet?

Ich hab das gar nicht eingeordnet. Ich war damals schon Beides. Ich hab mit einem Song, auf dem ich gesungen habe, die Jungs auf mich aufmerksam gemacht. Ich hab Beides schon immer gerne gemacht. Ich weiß auch gar nicht, ob man das immer so einordnen muss – Rap und Gesang. Das sind beides Kunstformen, die in einen Topf gehören, finde ich. Da gibt es keine Unterschiede für mich. Wenn sich der Beat nach Gesang anhört, mach ich das und wenn er sich nach Rap anhört, mach ich das. Aber wenn ich aus beidem schöpfen kann, will ich mich nicht für eins entscheiden.

Ich hab es noch nicht 100% geschafft Dich musikalisch einzuordnen. Du hast mit deiner Oma Frank Sinatra gehört aber konntest Dir selber nicht erklären, woher die ganzen Einflüsse auf dem Album kommen. Also wie war denn letztendlich Deine musikalische Sozialisation?

Am Anfang hab ich nur Charts-Musik gehört in der Grundschule, von meiner Schwester inspiriert. Die hat immer die neusten Bravo-Hits gehabt und das hab ich dann halt gehört. Da waren dann nun mal Boybands drauf, Backstreet Boys, *NSYNC, die damals aktuelle Popmusik. Das fand ich immer geil und hab immer mitgeträllert. Und irgendwann hat meine Oma mir Frank Sinatra gezeigt und das fand ich auch super. Ich fand halt alles immer super, was mir gezeigt wurde und hab das aufgenommen in mich.

„Ich fand halt alles immer super, was mir gezeigt wurde”

Auch als ich Michael Jackson kennengelernt hab. Und als ich Phil Collins kennengelernt hab. Und meine Eltern haben im Auto immer Oldies gehört aus den 80ern. Und auch viel deutsche Musik: Grönemeyer, Münchner Freiheit und so Sachen. Und später in der Oberschule kam dann Hip-Hop dazu. Irgendwie hab ich alles mal gehört. Rock hab ich gehört. Elektro hab ich auch gehört. Irgendwie kam da alles in einen großen Topf und daraus kann ich jetzt schöpfen.

Gab es denn die Phase, wo Du nur auf dem Hip-Hop-Film warst? Du hast ja als Rapper angefangen. Hast Du da auch Baggie-Hosen getragen oder hast du sowas gelassen?

Nee, volle Kanne. 2005 war das, als das erste, ne das zweite 50-Cent-Album rauskam, „The Massacre“, da hab ich auch komplett mitgemacht. Da hab ich sogar ein Durag (Was ist ein Durag?) getragen, Alter! Und die Mütze falsch rum auf und dann XXL-T-Shirts. Ei ei ei. Da war ich total ignorant und hab nur Hip-Hop gehört. Amerikanischen Hip-Hop. Aber das hat sich mit der Zeit wieder geweitet. Heute höre ich alles querbeet und bin auch der Meinung, dass es keine guten oder schlechten Musikrichtungen gibt, sondern nur gute oder schlechte Songs.

Daraufhin sprechen wir über aktuelle Musik. Teesy und ich kommen in Plauderlaune und er wirft mir die Künstler um die Ohren: Anderson .Paak („Da ist halt was dahinter“), Ariana Grande („Bubblegum-Musik, aber irgendwie feier ich das“) oder Haftbefehl und Xatar („Alles was die machen ist voll auf den Punkt“).

Irgendwann fragt mich Teesy, ob ich Mayer Hawthorne kenne und auf einmal sind wir beide einfach bloß Fanboys. „Aber ein Geheimtipp: Kennst du Luke Christopher. Das ist ein Geheimtipp, den werde ich hier mal preisgeben. Der ist verdammt fresh, den musst du dir mal geben!“.  Daraufhin muss ich mich erstmal sammeln und meinen roten Faden wiederfinden.

Du bist bei Chimperator. Wie kam das zustande und was sind die Vorteile da?

Das kam durch Kaas. Kaas der A&R. Der war mal bei T-No im Studio und hat etwas für die Backspin [Bekanntes HipHop-Magazin. Anm. d. Autors] aufgenommen. Der hat T-No gefragt: „Was macht ihr so?“ und der hat ihm unser Zeug gezeigt. Der fand das geil, hat das den Chimperators gezeigt, die erst gar nicht drauf reagiert haben. Dann hat er noch mal geschrieben: „Ey, seid ihr bescheuert? Ich hab hier den mega Typen und ihr reagiert nicht!“. Und dann haben sie reagiert, weil sie es übersehen hatten.

Wir haben uns getroffen und haben uns voll gut verstanden. Ich wollte auch den nächsten Schritt machen, weil unsere Kanäle langsam ausgeschöpft waren bei Tracksetters. Dann dachte ich: „Okay, Chimperator ist eigentlich eine ganz nice Adresse. Indie-Label. Da wird man bestimmt Freiheiten haben“. Wir waren auch in anderen Gesprächen mit Majors und da waren die Verträge eigentlich nicht so sexy. Weil wir auch noch nicht an dem Punkt waren etwas zu verlangen. Wir hatten nichts vorzuweisen, nur Mixtapes.

Also auch das mit „Mein Job“.

Genau, das „Fernweh“-Mixtape. Kann ich auch verstehen, dass die noch nicht so Vertrauen hatten. Bei Chimperator hab ich übelst viel Freiheit, was Kreatives angeht. Ich hab wirklich die 14 Songs gemacht und die wurden anstandslos durchgewunken. Ich hab mir alles selbst zusammengesucht: Wo ich aufnehme, was ich da mache, mit wem ich zusammenarbeite. Auch live habe ich komplette Kontrolle: Welche Band, welche Musiker, zu wievielt.

Bei den Videos hab ich die Drehbücher geschrieben. Chimperator ist ein gutes Label für Leute, die alles selber machen wollen. So Leute, wie CarloTuaMaeckes oder mich halt auch. Leute, die mehrere Sachen können. Für so Rundum-Künstler, die einfach nur eine Stimme haben, aber nicht schreiben können, wäre das nix. Die sind bei einem Major besser aufgehoben.

Ich denke, jeder Künstler bei Chimperator hat in seiner Sparte auch etwas drauf – und das merkt man.

Chimperator würde auch nie dieses Rausverkauf-Image annehmen wollen. Die wollen schon Komplettpakete signen.

Was mich sehr gefreut hat: LOT ist in einem Video zu sehen! Wie kam das? Wie ist die Beziehung zu Lot?

Er ist nicht mehr auf Chimperator, aber wir waren letztes Jahr zusammen auf Tour. Er war bei uns Vorband und da haben wir uns kennen und lieben gelernt. Ist ein wunderbarer Typ, der Lothar. Ein kreativer Kopf, der immer sprießt vor Ideen. Der auch politisch und gesellschaftlich sehr viel Wissen hat und das sehr gerne teilt mit anderen Leuten. Manchmal auch zum Leid der Leute, weil er sehr viel reden kann [lacht]. Er ist ein sehr, sehr korrekter Typ, der auch immer hilft, wenn er gebraucht wird. Wir haben auch viel für das Album zusammen gemacht.

Er hat zum Beispiel Streicher arrangiert, mir bei den Bläsern geholfen und war da auch mit im Studio. Wir sind das ganze Jahr zusammen unterwegs und waren jetzt gemeinsam im Urlaub in Frankreich. Und im Jackpot-Video hab ich gedacht: Alle Kumpels, kommt ran! Und LOT hat so ein markantes Videogesicht, da war das naheliegend. Wir hatten auch mega Spaß mit den ganzen Kumpels. So viel hab ich noch nie gelacht bei einem Videodreh. Es war richtig witzig!

Also nicht alles gefaket?

Nee, war alles echt!

Kannst du schon verraten, ob von LOT auch was Neues kommt?

Ja, die Single läuft schon im Radio: „Der Plan ist übers Meer“. Der hat ein Album im Gepäck und das wird bald losgehen.

Letzte Frage: Du hast Dich mal als Gentleman-Rapper bezeichnet…

Das ist immer so phänomenal! Wie man einmal aus einer blöden Laune irgendwas sagt…

Es wird alles festgehalten und Du wirst immer drauf festgenagelt.

Genau, aber gehört ja auch zum spiel… Wie war die Frage?

Was macht denn nun einen Gentleman abseits der Musik aus? Heutzutage. 2016. Im Smoking Türen aufhalten?

Nee, das nicht, glaub ich. Kann ich Dir gar nicht so genau sage, weil ich das privat gar nicht so zelebriere [lacht]. Ich rülpse viel und bin eigentlich ganz unanständig. Aufrichtig zu sein, ehrlich zu sein. Das macht einen Gentleman aus. Zu seinem Wort zu stehen, zu helfen, wenn man kann und da geht es gar nicht so um Türenaufhalten. Der ganze Manieren-Kram bedeutet auch nichts, finde ich. Was denkst Du denn, was einen Gentleman ausmacht heutzutage?


Erwischt. Ich sollte mir nächstes Mal mehr Gedanken machen über die Fragen, die ich stelle. Wir reden noch ein wenig und kommen zum Schluss, dass sich jeder einen Smoking anziehen kann. Aber: „Aufrichtig, ehrlich zu sein: das kann nicht jeder. Nicht wahr?“.

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