Fotos: Charles Engelken, noisiv.de

Ich weiß es noch ziemlich genau, es muss circa 2011 gewesen sein: Mobilfunkanbieter Vodafone sollte zeigen, dass kurze Werbeeinspieler so manch älteren Titel zu neuem Hit-Status verhelfen können. Der Kölner Musiksender viva.tv schaute bei seinem Relaunch genau hin, lieh sich den neuseeländischen Indie-Hit „Young Blood“ für ihre Werbetrenner und erreichte damit vor allem eines: The Naked and Famous waren in Deutschland angekommen.

Im noch verschneiten Januar betrat die Band um Alisa Xayalith und Thom Powers die Bühne des Uebel & Gefährlich in Hamburg. Mitte Oktober erschien mit „Simple Forms“ ihr inzwischen drittes Studioalbum. Eine Platte, die sich weiter vom Alternative-Rock der ersten Tage distanziert, mehr Electro-Pop und Pop-Hymnen zulässt als zuvor. Eine gezielte Entwicklung, wie mir Alisa und Thom einige Stunden vor dem Gig erzählten (Interview folgt). Ich, und auch unser Autor und Fotograf Charles, waren aufgeregt: Schafft es die Band auch 2017 noch uns zu erreichen?

UK-Newcomerin Shells stimmt ein

Bevor das Quintett die Stage enterte, schaute UK-Sängerin Shells als Support vorbei: Entspannter Indie-Pop, der weder wehtut, noch in dieser Form die Popwelt revolutionieren wird. Ein weiteres Produkt der Lorde’schen Pop-Schule, dass seine Melodien zwischen spärlichem Instrumentarium und markanten E-Drums verpackt. Shells, inklusive Drummer, ließ sich jedoch nicht aus dem Konzept bringen, spielte freudig ihren ersten Deutschland-Gig überhaupt runter. Nach vielen schönen Worten an Fans und Hauptact, wurde es nun auch an der Zeit die Gang aus Auckland herauszuholen.

 

Farbenfroh: The Naked And Famous

Als The Naked And Famous um kurz nach 22 Uhr die Bühne betraten, räumte das euphorisierte Publikum jeden Zweifel beiseite: die Lead-Single „Higher“ ließ binnen Sekunden den aktuellen Wochentag vergessen (Tipp: er beginnt mit M) und sollte mit dem ebenfalls frischen „Water Beneath You“ die Live-Qualitäten der aktuellen Platte verdeutlichen. Sie funktioniert Live, trümmert die Bassläufe direkt ins Ohr und weiß mit dem gelungenen Einsatz seiner Keyboards jeden Hauch von EDM-kitsch abzuwehren. Die Frage, ob denn der Gitarren-Verstärker angeschlossen wurde, stellt sich bei der Präsentation des dritten Albums dagegen erneut.

Zwischen ihren neuen Hymnen, streute die Band auch eine Reihe älterer Titel ein, ließ die große Pop-Party dann doch noch zum kleinen Alternative-Fest verkommen: „All Of Me“ setzte den Nostalgie-Startschuss, gefolgt von „Punching In A Dream“ und ausgewählten Stücken des 2013er „Passive Me, Aggressive You“-Nachfolgers „In Rolling Waves“. Alisa und Thom ließen ihr Publikum keine Sekunde los, reichten Schüchternheit, Charisma und eine leichte Prise Melancholie durch’s Publikum, als wär’s frisch gezapftes Cerveza.

Der letzte Song eines offiziellen TNAF-Sets wird wohl auf lange Sicht „Young Blood“ bleiben – einer Hymne auf das Für und Wider der jungen Jahre. Ist auch irgendwie okay: Wenn der Name dieser Band auf deinem Festival-Poster auftaucht oder ihre Show sich eurer Stadt nährt, solltet ihr keine Optionen ausschließen. Eine Band, entwachsen aus der Pop-Ursuppe der 2010er und einem Sound für alles und jeden, der sich an der Verschmelzung zwischen Alternative und Indie-Pop nicht stört und selbst bei CHVRCHES noch den Roadie grüßt. Zugegeben: So ganz will der aktuelle Stil in meinem Herzen noch nicht zünden, schmerzlich vermisst werden die Gitarrenklänge der frühen EPs und der LP. Spaß macht das Ganze trotzdem – und genau darauf kommt es an.

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