Am 1. Oktober waren die acht Herren von The Prosecution zu Gast in Hamburg im Hafenklang. Die Band rum um Simon, Kötti, Tini, Jo, Lookie, Andrew, Spanky und Hardy überzeugt mit ihren teilweise politischen Texten und ihrem ungeheurem Ska-Sound auf den ersten Ton. Zudem sind sie immer für die gute Sache unterwegs und machten auf ihrer Tour Tauschgeschäfte – angefangen mit einem Feuerzeug, bis hin zu einem Fahrrad – für Pro Asyl.

Ich hatte die Ehre mit Simon, Lookie und Tini über Songwriting-Prozesse, verblödete Nazis und falsche Entscheidungen zu sprechen. Aber lest selbst:

Fotos: Jasmin Reckers, noisiv.de

Zunächst habe ich eine ganz dumme allgemeine Frage. Auf euren Promo-Bildern seid ihr immer zu siebt, aber ihr seid mittlerweile wieder acht, oder?

Tini: Mittlerweile wieder, ja. Unser langjähriger Saxophonist ist letztes Jahr ausgestiegen – war auch ewig dabei. Und während der Album-Produktion haben wir natürlich noch keinen neuen Mann am Saxophon gehabt und dadurch sind wir auch nur zu siebt auf den Promo-Bildern zusehen, obwohl wir jetzt wieder zu acht sind.

Wie ist es denn mit so vielen Leuten in einer Band? Gibt es da Reibungspunkte, ich kann mir vorstellen, dass der Songwriting-Prozess sehr speziell sein muss.

Tini: Beim Songwriting ist es tatsächlich so, dass wir drei Songwriter haben und wir treffen uns zu dritt und produzieren die Songs vor und geben sie dann der Band weiter.

„So auf Tour hat es schon seine Vorteile, dass wir so viele sind – also Vor- und Nachteile.”

Aber der ganz große Vorteil ist, wenn man sich mal in die Haare kriegt, dass man sich gut ausweichen kann, weil es noch viele andere Leute gibt.

Aber wenn drei Leute vorschreiben, dann haben die anderen schon noch ein Wörtchen mitzusprechen?

Tini: Das berühmte Veto-Recht gibt es.

Lookie: Wir stellen die Songs halt vor und sagen denen, so haben wir uns das vorgestellt und wir proben die Songs natürlich auch noch gemeinsam und da wird dann hier und da auch noch mal etwas anders gemacht. Das ist schon klar – logisch.

Euer Album „The Unfollowing“ ist seit dem 11. August draußen und es hört sich ja schon ein bisschen anders an als eure Vorgänger. War das ein geplanter Prozess oder einfach Weiterentwicklung?

Simon: Ich würde nicht sagen Weiterentwicklung. Wenn wir schreiben oder eine neue Platte aufnehmen, dann denken wir uns nicht „dass nächste Album muss so und so werden“. Das ergibt sich immer – und das Resultat ist das, was dabei raus kommt, auch von den Thematiken her und Lyrics ist es nie so geplant.

Ihr hattet ja schon ein Feature mit Chris No. 2 von Anti-Flag, ist das jetzt das Ende der Fahnenstange oder habt ihr jemanden, den ihr gerne noch unbedingt als Feature hättet?

Tini: H. P. Baxxter (alle lachen).

Lookie: Ich wollte es auch gerade sagen!

Könnte interessant werden.

Lookie: Also so rein als Feature betrachtet, ja gut, da gäbe es schon noch ein paar Urgesteine die man sich mal angeln könnte, wie Fat Mike von NOFX oder so. Und ein bisschen nach den Sternen schauen wäre Bad Religion oder sowas, aber das – mal schauen.

Ihr habt jetzt eure erste Headliner Tour und da ist dann natürlich direkt der „Supergau“ passiert, weil eure Support Band Minipax krankheitsbedingt absagen musste. Jetzt hattet ihr die letzten Tage Der Wahnsinn dabei, ist das durch Uncle M gekommen oder habt ihr euch die selber ausgesucht?

Lookie: Ich hab Mirco (Uncle M) angerufen, weil ich total am Ende war und er hat dann eine Rund-Mail geschrieben und Der Wahnsinn hat sich als erstes gemeldet. Das war echt cool, dass sind zwei richtig angenehme Jungs.

Tini: Es hat auch musikalisch total gepasst.

Simon: Ich finde es faszinierend – die sind ja zu zweit unterwegs und die hören sich nicht an wie eine 2-Mann Kombo, die haben schon Wumms.

Und die Surfits, die jetzt heute dabei sind, da hattet ihr ja einen Aufruf bei Facebook gemacht.

Lookie: Ja genau.

„Aber ich muss schon sagen, ich bin enttäuscht, was mit den Bands heute los ist. ”

Wenn uns eine Band anruft und fragt, ob wir Bock haben morgen irgendwo zu spielen, dann klappt das in 95 % der Fälle, wenn wir nicht selber eine Show haben. Und wir haben echt gesucht wie die Blöden. Ich glaube zwei Tage bevor die Tour losgegangen ist, habe ich nichts anderes gemacht, als Bands anzuschreiben. Und die Surfits haben sich halt beworben, die waren die schnellsten. Und von den Bewerbungen her, die wir bekommen haben, waren das die, die uns am besten gefallen haben. Aber wir sind echt mega traurig, dass die Minipax nicht mit dabei sind.

Ihr hattet vor kurzem euer 15-jähriges Band-Jubiläum. Wenn ihr in eurer Geschichte zurückschaut, gibt es da irgendwelche Band-Entscheidungen, die ihr mittlerweile oder heutzutage bereut?

Simon: Speziell fällt mir da jetzt tatsächlich nichts ein, weil es ja auch immer ein Entwicklungsprozess war. Wir haben angefangen als wir 12 waren, haben die Instrumente mit der Band gelernt – und natürlich musst du im Laufe der Zeit auch Entscheidungen treffen wie: machst du das jetzt weiter, machst du das Hobby-Mäßig weiter, spielst du bloß noch ein paar Shows im Jahr oder ziehst du es durch und spielst wirklich 50-60 Shows im Jahr. Und da musst du natürlich Entscheidungen treffen, weil viele Leute eben auch Miete zahlen müssen – und wir sind zu acht, da kommt nicht viel rum. Aber wir würden das nach wie vor wieder so machen.

Tini: Zu Entscheidungen die wir getroffen haben fällt mir eine lustige Geschichte ein. Und zwar als wir alle noch sehr, sehr jung waren, da hatten wir eine Show in einem Kaff – in Meyenburg war das – es kam so ein Typ von nem Label. Und wir waren alle so „geil! Da kommt ein Typ von nem Label und hat irgendwie Interessa an uns“ und wir waren so 14/15 Jahre alt. Da haben wir die Entscheidung getroffen, dass wir uns auf der Bühne richtig hart besaufen (alle lachen). Und wir sind nur durch die Gegend geflogen, weil alles voller Bier war auf der Bühne – und jetzt inzwischen sind wir ganz froh, dass das nichts geworden ist mit dem. Aber damals haben wir die Entscheidung, ein bissel zu tief in die Flasche zu gucken, bereut.

Lookie: Man muss auch sagen, das waren echt harte Knebelverträge. Und alle Bands die bei dem waren, die gibts heute auch nicht mehr, von daher muss man sagen, dass es vielleicht gar nicht so schlecht war.

Ihr seid ja gerade mit Tauschgeschäften beschäftigt, um für Pro Asyl zu sammeln. Allgemein seid ihr sehr aktiv, was die gute Sache angeht. Bekommt man da als Band viel Gegenwind?

Lookie: Also bis jetzt eigentlich noch nie. Außer seit Mittwoch, da haben wir unser neues Musikvideo veröffentlicht und haben da unser Statement zur Bundestagswahl dazu rausgehauen. Wir haben auf unserer Facebook-Seite dazu geschrieben, dass wir es sehr bedauern, dass die AfD so erfolgreich war. Und es gibt so ein paar ältere Männer, die der Satzzeichen nicht mächtig sind, die da jetzt sehr aktiv unter dem Video kommentieren. Aber das ist eigentlich das erste Mal, dass so etwas passiert. Keine Ahnung, früher in unserer Heimatstadt in Abensberg, sagen wir es mal so, da sind wir schon sehr angeeckt mit der rechten Szene. Eigentlich waren wir die gejagten. Seitdem wir noch stärker politisch auftreten, haben wir eigentlich – spürst du irgendwie Gegenwind?

Simon: Ne, überhaupt nicht.

Lookie: Also ich hab jetzt nicht Schiss um mein Leben oder so, aber es war schon mal so. Als wir jung waren in Abensberg, ist es schon mal vorgekommen, dass ein Kreuz im Garten gebrannt hat, oder sie haben mal versucht mich ins Auto reinzuzerren und solche Sachen.

Simon: Oder Tür aufbrechen oder solche Sachen. Wir haben uns mal verbarrikadieren müssen, das werde ich auch nie vergessen. Es hat ein Nazi-Mob vor der Haustür gestanden und wir haben alles mit Schränken vollgestellt und dann haben sie die Fenster eingeworfen, es war schon krass.

Ist das denn so die krasse Szene wo ihr herkommt?

Tini: Jetzt nicht mehr, wir haben sie vertrieben! Das war so eine Kameradschaft, aber die gibt es nicht mehr.

Das wäre jetzt auch schon meine letzte Frage, wie ihr so den Einzug der AfD in den Parteitag innerhalb eurer Band so diskutiert habt.

Lookie: Was ich in der Band vor der Bundestagswahl gemerkt habe, waren ein paar, die es schon vorher realisiert haben, dass es echt scheiße werden könnte. Ich selber habe zu den Leuten gehört, die immer noch optimistisch waren. Ich war bis Sonntagabend so „das wird schon nicht passieren“. Ich war Sonntagabend richtig deprimiert, wenn man überlegt, wie viele Menschen es in Deutschland gibt, die für so eine scheiße stimmen, fuck off! Ohne scheiß!

Euer Schlusswort:

Tini: Jetzt wo die AfD wieder im Parlament sitzt und damit Nazis im Parlament sitzen, ist es umso wichtiger, jetzt im Alltag ganz klar Kante zu zeigen. Das heißt, in der Bahn, in der Kneipe, ganz egal wo. Und da muss man aus seiner Filterblase mal rausgucken und sich davon lösen und aufpassen, was um einen herum passiert und ganz klar, immer seine Meinung kundtun. Jetzt haben wir vier Jahre die Scheiße an der Backe und das muss sich in vier Jahren wieder ändern!

Ich bedanke mich von Herzen bei euch für das tolle Konzert, das nette Interview und den herzlichen Umtrunk danach!

Fotogalerie: The Prosecution live im Hafenklang