The Vaccines

Die gute alte Zeit.. 2011 war ich zarte 19 Jahre alt und total verrückt nach allem, was ein “the” im Namen hatte und aus dem United Kingdom kam. Passenderweise haben The Vaccines in genau dem Jahr ihr Debüt “What did you expect from the Vaccines” rausgebracht. Und was konnte man erwarten? Überwiegend schnellen in-die-Fresse-Indierock mit simplen Melodien, eingängigen Refrains, gepaart mit ein paar ruhigeren, verträumten Stücken. Damals wurde ich aber irgendwie nicht das Gefühl los, dass die vier Briten nur drei Akkorde (D,G,A) kannten.

2012 haben sie dann mit “Come of Age” nachgelegt und sind wirklich etwas erwachsener geworden: Der Sound war moderner, die Songs experimenteller und das Ganze ging in eine weniger poppige Richtung. Trotzdem hat man ihre Wurzeln noch deutlich rausgehört.

Drei Jahre später ist nun, am 25. Mai, Album Nummer drei, “English Graffiti”, erschienen. Ja, ich hab mich drauf gefreut und JA, das Warten hat sich gelohnt! Was auch immer die Jungs in den drei Jahren getrieben haben, sie haben auf jeden Fall ihre Hausaufgaben gemacht! Ein drittes Mal haben sie es geschafft, ihren musikalischen Stil um 360 Grad weiterzuentwickeln. Sie haben bewiesen, dass sie komponieren können und haben sehr komplexe Songs gezaubert. Das Album wirkt viel ausgereifter, vielschichtiger, elektronischer und teilweise sogar auch psychedelisch. Im Vergleich zum ersten Album klingt hier nicht mehr jeder Song gleich. Obwohl sich die Songs auf dem neuen Album alle irgendwie ähneln, klingen sie doch total verschieden und vor allem NEU! Das liegt größtenteils an den vielen Effekten und elektronischen Spielereien, die die Vaccines anscheinend für sich entdeckt haben. Von verzerrtem Gesang, schwebenden Chören (Minimal Affection), hin zu rückwärts abgespielten Geigen (“Undercover“), hauen sie ne ganze Palette an Ideen raus.

Vor dem Release von „English Graffiti“ haben sie bereits zwei Singles auf den Markt gebracht: „Handsome“ (der erste Track des Albums) und „Dream Lover“ (witzigerweise der zweite Track des Albums). Als ich “Handsome” zum ersten Mal gehört habe dachte ich: “Ooooh jaaaa, das sind die Vaccines”. Im Nachhinein muss ich sagen, der Song ist der Einzige, der an die alten Vaccines erinnert. Macht aber überhaupt gar nix – der neue Stil steht den Engländern richtig gut!

Die ersten sechs der insgesamt elf Tracks des Albums sind allesamt richtig stark und haben auch alle den Aha-die-neuen-Vaccines-sind-echt-gut-Effekt! Die nachfolgenden drei (“Want u so bad”, “Radio Bikini” und “Maybe I could hold you”) lassen leider ein bisschen nach. “Want u so bad” und “Maybe I could hold you” wirken leider etwas einfallslos und langweilig. Bei “Radio Bikini” haben sie noch mal versucht, einen typischen Ohrwurm wie “If you wanna” oder “Noorgard” durch die Verstärker zu schmettern, haben sich dabei aber um ne gute Schippe verschätzt. Hier wäre weniger Effekt-Krims-Krams mehr gewesen und so bekommt der Song den Stempel schlechtester Track des Albums!

Weil die Jungs während ihrer Auszeit anscheinend viel Beatles und psychedelische Sachen á la Pink Floyd gehört haben (oder sich durch die unterschiedlichsten Drogenarten gearbeitet haben), geht es zum Ende hin noch mal mächtig bergauf und das Album endet mit einem perfekt auskomponierten, wundervoll verträumten Instrumental.

Die stärksten Songs der Scheibe sind meiner Meinung nach “Denial“, “Dream Lover“ und “(All Afternoon) in Love”. Beim zuletzt genannten wäre John Lennon mächtig stolz, besonders auf Sänger Justin Young. Der Gesang + Effekte sind eine Hommage an Lennon und die Harmonien + Stimmung des Songs könnten das Kind von den Beatles Liedern “Across the Universe” und “The Fool on the Hill” sein – grandios!

“Denial” überzeugt durch seinen chilligen Groove, den starken Gesang und die übertrieben verzerrte Gitarre im Refrain. “Dream Lover” hat einfach eine perfekte Mischung aus unfassbar fetten, theatralischen Gitarren (erinnern etwas an die experimentellen Arctic Monkeys), den ruhigen, verträumten Klängen in den Strophen und dem wehleidigen Gesang. Die Hymne des Albums!

Wer denkt, die Jungs klingen genauso wie auf dem zweiten Album “Come of Age” oder wer “English Graffiti” in der Hoffnung kauft, seine Party mit fetzigem Indie Rock aufzuwerten, wird gnadenlos enttäuscht – der Rest zum Glück nicht. Bei geschmacklosen Menschen, die die beiden ersten Werke der Band nicht mochten, könnte sich diese Platte außerdem als neues Lieblingsalbum entpuppen. Ich sage nur: Nice one, chaps!

Dies ist ein Gastbeitrag von unserem Freund und Kollegen Jannick Jonscher, der auch schon für den Live-Bericht von Olli Schulz in der Großen Freiheit 36 verantwortlich war. 

English Graffiti (Deluxe)

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