The Wombats

Bands entwickeln sich in den meisten Fällen über die Jahre hinweg weiter, erschließen neue musikalische Gründe, verändern ihre Attitüde, werden erwachsener und so weiter. Das trifft auch auf The Wombats zu, die 2007 mit ihrem Debüt-Album erstmals in öffentlicher Erscheinung traten.

The Wombats - Glitterbug

„A Guide to Love, Loss & Desperation“ war feinster Indie-Rock mit einigen Post-Punk-Einflüssen, leichtfüßig ohne Ende und schaffte es hervorragend, teils sehr traurige Geschichten in enthusiastischen Songs zu erzählen. Der Nachfolger „This Modern Glitch“ legte diese Leichtfüßigkeit bereits in weiten Teilen ab und wirkte im Direktvergleich deutlich erwachsener mit einem größeren Fokus auf Synthesizer, nichtsdestotrotz war es aber immer noch Indie-Rock.

Warum ich diese Entwicklung anführe? Das neue Album „Glitterbug“ steht in einem so starken Kontrast zu den Vorgängern, wie er kaum größer sein könnte. Leichtfüßigkeit? Fehlanzeige. Gitarren-Sound? Stark in den Hintergrund gedrängt. Die elf neuen Songs lassen sich nicht einmal mehr als „Indie-Rock“ bezeichnen, viel mehr präsentiert das Trio kräftigen Power-Pop, endlos durchzogen von Synthesizern. Diese Gegensätzlichkeit ist derart krass, dass man den Gedanken daran beim Hören von „Glitterbug“ einfach nicht los wird.

„Emoticons“ und „Greek Tragedy“ wurden im Rahmen der Marketing-Kampagnen bereits vorab veröffentlicht, des Weiteren wurde der Song „Your Body Is A Weapon“ bereits 2013 erstmals veröffentlicht und auch „The English Summer“ spielt die Band bereits seit einiger Zeit live. An diesen vier Songs lässt sich das Album wunderbar beschreiben, denn sie zeigen den Entwicklungsprozess der musikalischen Ausrichtung auf ebenso wunderbare, wie auch erschreckende Art und Weise.

Dass The Wombats auf dem Album eine gewisse Neuorientierung einnehmen würde, ließ sich bereits anhand der beiden Vorab-Singles erahnen. Die Abkehr von gitarrenlastigen Kompositionen oder Indie-typischen Synthesizer-Einsätzen war eindrucksvoll – sowohl positiv, als auch negativ. Zum einen ließen sie insofern ihre Muskeln spielen, als dass die beiden Songs extrem eingängig sind und Lust aufs Album machten, zum anderen machte ich persönlich mir aber auch Sorgen darüber, ob sie diese offensichtliche Änderung ihres Sounds und ihrer gesamten Attitüde über die gesamte Albumlänge halten können würden.

Nach dem Hören des Albums bestätigte sich mir leider letzteres: „Emoticons“ und „Greek Tragedy“ sind die mit Abstand besten Songs des Albums – ja, sogar die beiden einzigen wirklich guten, die in Erinnerung bleiben und hochkarätiger Natur sind. Während auch frühere Single-Auskopplungen der Wombats oftmals die besten Songs des jeweiligen Albums waren, boten die Gesamtwerke in der Breite eine extrem kohärente und gleichbleibende Qualität, was bei „Glitterbug“ aber einfach überhaupt nicht der Fall ist.

„Headspace“ bietet beispielsweise gute Texte, die sehr gut funktionieren und zum Mitsingen animieren, allerdings von einer monotonischen musikalischen Begleitung untermalt werden, die absolut generisch wirkt und wenig spannendes bietet. Das erwähnte „The English Summer“ ist darüber hinaus ein besonders schwieriger Fall: Der Song gehört offensichtlich zu denen, die im Schreibprozess des Albums als einer der ersten Songs komponiert wurden. Hier rocken die Jungs noch auf klassische Indie-Art, allerdings fällt der Song flach auf den Bauch, da er nicht annähernd an anderer Wombats-Songs dieser Art heranreicht und zudem komplett aus dem musikalischen Kontext des Albums herausfällt.

„Kontext“ ist ein weiteres gutes Stichwort für „Glitterbug“, denn erstmals zieht sich ein thematischer roter Faden durch alle Songs. Im Grunde geht es hierbei um die Beziehung Mannes aus England mit einer Frau, die in Los Angeles lebt, die eine Beziehung durchleben, während der Mann noch in England lebt. Dieses Konzept hinter dem Album wurde sehr subtil umgesetzt und dürfte vielen erst nach mehrmaligem Hören des Albums auffallen. Ob Sänger Murphy hier eigene Erfahrungen besingt, wird nicht vollends klar, allerdings liegt dies nahe, da er einige Zeit in Los Angeles verbrachte.

Dieses Konzept und diese gewollte Persönlichkeit, die dadurch in die Texte der Songs fließt, sind eine ausgezeichnete Basis, um eine Neuorientierung gelungen durchzuführen, denn bisher verzichtete Murphy auf solche Anleihen. Nichtsdestotrotz nehme ich es ihm nicht hundertprozentig ab, dass ihm diese Frau tatsächlich sein Leben auseinandernimmt, wenn er in „Isabel“ genau diese Worte wählt („When you’re ripping my life apart“).

The Wombats und insbesondere Sänger Murphy verpassen die Chance, Songs zu präsentieren, deren Komposition und Texte unter die Haut gehen, sodass sie mich treffen, mich nachdenklich werden und mich dazu auch spüren lassen, dass in dieser Geschichte etwas ganz arg schief gelaufen ist. Es klingt paradox, aber während zwischen „The Modern Glitch“ und “Glitterbug“ vier Jahre vergangen sind und sich die Band sehr viel Zeit für die Ausarbeitung des neuen Werkes genommen hat, wirkt es immer wieder gehetzt, übereilt und irgendwo unvollständig. Dass sie den Aufnahmeprozess immer wieder für verschiedene, kleine Touren unterbrochen haben, könnte durchaus eine Erklärung sein, viel mehr glaube ich aber, dass sie einfach nur endlich neue Songs bieten wollten und über dieser Prämisse die Qualität und Finesse verloren haben, die sie in den vergangenen Jahren durchweg auszeichnete.

Ein seltsames Indiz für diese Vermutung zeigt sich auch auf dem Albumcover: Während auf früheren Alben stets „The Wombats Proudly Presents“ prangte, fehlt dies bei „Glitterbug“. Das wirkt vernachlässigbar, wirft in mir im Zusammenhang des Albums aber zunehmend die Frage auf, ob die drei überhaupt tatsächlich stolz auf ihr neues Album sind – ich glaube, dass dies nicht der Fall ist oder zumindest nicht in dem Maße, in dem es bei den ersten beiden LPs war.

Ein ganz großer Anteil an diesem doch wenig berauschenden Album ist definitiv der musikalischen Umorientierung zuzuordnen, bei der sie sich dem Power-Pop zuwenden, den sie aber (noch?) nicht beherrschen. Ich für meinen Teil habe sehnsüchtig auf ein neues Wombats-Album gewartet und liebe die beiden ersten Werke noch immer durch und durch. „Glitterbug“ hingegen erweckt in mir das Bildnis einer Rakete, die startbereit ist, jedoch aufgrund fehlenden Benzins nicht in die Höhe startet, sondern nur unspektakulär zur Seite umkippt und das frustriert mich als Wombats-Fan maßlos.

Bildquelle Spotify

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