sweeties

Tocotronic sind back in red! Als die damals noch drei Herren vor über 20 Jahren ihr Debütalbum auf die Welt losließen, lauteten die ersten Worte darauf: „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse!“ Diese Kernattitüde kennzeichnete einen bedeutenden Teil des frühen tocotronischen Schaffens. Auch die vierte Platte der Band öffnete noch mit einer Hasstirade auf die Leute auf der Straße, die absichtlich so langsam gehen. Erst Album Nummer sechs markierte deutlich die Abkehr von jenem Vortrag des deutlichen Statements – „Eins zu eins ist jetzt vorbei“ skandierte Dirk von Lowtzow darauf. Es war das erste selbstbetitelte Werk der Gruppe, umgangssprachlich als „Weißes Album“ bekannt.

Klar ist aber, dass Tocotronic seit jeher Emotionales in ihrer Musik thematisieren, selbst wenn sich Dirk von Lowtzow für das zehnte Album „Wie wir leben wollen“ mehr mit dem Körperlichen auseinandersetzte. Nun haben sie ein weiteres Album mit ihrem eigenen Bandnamen benannt. Rot kommt es daher und soll nun ganz konkret als Konzeptwerk zur Liebe daherkommen. Ist die verstoßene Eins-zu-Eins-Emotion nun wohl zurück, diesmal um 180° gedreht? Wohl kaum – Dirk von Lowtzow sagt mittlerweile in Spex-Interviews Sätze wie „Klartext ist das schlimmste überhaupt“. Nun denn – schwurbeln wir uns doch mal rein in „Tocotronic“ oder besser: „Das rote Album“.

Im „Prolog“ des Albums lässt von Lowtzow es schon deutlich verlauten: „Liebe wird das Ereignis sein!“ Schon hier fällt deutlich auf, dass Tocotronic sich wieder einmal in gewisser Hinsicht neu erfunden haben – basslastig kommt das Stück daher, Gitarren werden pointierter eingesetzt, als man es bisher von Tocotronic gewohnt war – ein Eindruck, der sich auch im weiteren Verlauf des Albums einstellt. Mit choralem Gesang und postrockig-melodischen, sanften Klängen beginnt „Ich öffne mich“, spielt sich langsam, aber sicher in einen Exzess, der mit einem eindrucksvollen Theremin endet. Von Lowtzows Gesang hingegen ist pop-driven, der Song bleibt im Ohr und ist somit direkt ein Hitkandidat des Roten Albums.

Einen weiteren Kandidaten jener Art ließen Tocotronic bereits im Vorfeld der Albumveröffentlichung hören: „Die Erwachsenen“ ist eine Hymne auf das Lieben und das Nicht-Erwachsensein mit prägnanten Synthies und abermals bedeutendem Einsatz von Jan Müllers Bass.

Poppig geht es auch bei „Rebel Boy“ zu. Besonders bemerkenswert sind hier die Lyrics, in denen von Lowtzow für ihn untypischerweise ganz alltägliche, profane Dinge der heutigen Zeit erwähnt, sie dann aber in Kontrast zu Leben und Liebe setzt.

„Ich will keine Punkte sammeln! Gib mir nur ein neues Leben.
Ich will keine Treueherzen! Kannst du mir Liebe geben?“

Überhaupt sind die Dinge und Vergleiche, die von Lowtzow auf dem roten Album zum Gegenstand seiner Texte macht, recht weit weg von seinem bisherigen Songwriter-Schaffen. In „Haft“ stellt er die Liebenden als miteinander verklebt, aneinander haftend dar. In „Zucker“ wäre die Abfahrt kurz vorm Kitsch beinahe verpasst worden:

„Du bist aus Zucker, du bist zart! Du schmilzt dahin, du wirst nicht hart!“

Die interessantesten Phasen erreicht das Album, wenn das Kernthema Liebe in Eintracht mit der Rebellion gebracht wird, wie es schon in „Die Erwachsenen“ zu hören war – immerhin erschien das Album am 1. Mai und die rote Farbe lässt sich im Hinblick auf das politische Engagement der Gruppe auch anders deuten. So trägt von Lowtzow an der Gitarre, nur unterstützt durch Streicherflächen, den Song „Solidarität“ vor und gibt kund:

„Die ihr jede Hilfe braucht, unter Spießbürgern Spießruten lauft. Von der Herde angestiert, mit ihren Fratzen konfrontiert. Die ihr nicht mehr weiterwisst und jede Zuneigung vermisst. Die ihr vor dem Abriss steht – ihr habt meine Solidarität!“

Auch „Chaos“ weiß von Abneigung auf die Welt um einen herum zu berichten. Der Song wird als Roadmovie dargestellt und wirkt wie eine Hetzjagd, der Protagonist ist „die ganze Nacht gefahren, um dein Gesicht nochmal zu sehen“ und stellt die Liebe und das Bett der geliebten Person als sicheren Hafen dar, als einzigen Schutzort vor dem Chaos.

Den Abschluss der Platte bildet „Diese Nacht“, das vielleicht klassischste Liebeslied, das Tocotronics Konzeptalbum zu jenem Thema bereithält. Mit seinem wundervollen, akustischen Instrumental nimmt der Song den Hörer in den Arm, die textlichen Protagonisten „öffnen unsere Augen, wir sind zur gleichen Zeit erwacht“. Ein letztes Mal noch setzt Dirk von Lowtzow die Liebe in Relation zum Widerstand:

„Pädagogisch wertlos war das Ergebnis dieser Nacht!“

Und dann ist sie vorbei, die elfte LP von Tocotronic. Mit einem wohligen Gefühl hinterlässt sie ihre Hörer, aber nicht ohne den – selbstverständlich roten – Faden des Gesamtwerks zu verlieren und gänzlich dem Kitsch zu verfallen. So haben sich die vier Hamburger also schon wieder selbst eine Frischzellenkur verpasst, und dieser ewigen Experimentierfreude ist es auch zu verdanken, dass Tocotronic in über 20 Jahren Bandgeschichte noch nie ein langweiliges Album abgeliefert haben. Hier macht auch das rote Album ganz sicher keine Ausnahme.

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Bildquelle: Amazon