Foto: Stefan Klueter

„Echt jetzt? Schon wieder ein deutscher Schauspieler, der eine Platte aufnimmt?“ So wird es vermutlich dieser Tage aus allerlei Munde tönen, wenn die Masse mitbekommt, dass der Berliner Tom Schilling heute seinen Erstling „Vilnius“ auf ebenjene loslässt. Wie könnte man es ihr auch verdenken, haben wir das Ekelgänsehaut verursachende „Lachen, Weinen, Tanzen“ von everybody’s darling Schweighöfer doch gerade erst verdaut. Nora Tschirner hat die geschmackssicheren Prag mittlerweile verlassen, Manfred Krug ist tot, woher also noch Hoffnung in singende Schauspieler nehmen?

Die Antwort geben der Mittdreißiger und seine Band The Jazz Kids, die bereits vor fünf Jahren durch die Filmmusik zu „Oh Boy“ gewissermaßen gemeinsame Sache mit Schilling machte. Die hieraus erwachsene Freundschaft mündet nun also in einem ersten Album, und legt man dessen ersten Track auf, fühlt man sich zunächst in einen ganz anderen Film mit Schilling in der Hauptrolle zurückversetzt: „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ nämlich, dessen Soundtrack damals Element of Crime verantworteten. „Kein Liebeslied“ könnte ohne weiteres aus Sven Regeners Feder zu Zeiten stammen, in denen er just mit seiner Kombo von der englischen in die deutsche Sprache gewechselt hatte. Ergo: Sehr gut!

Auf dem Fuße folgt das wildere „Genug“, das durch sein Tempo und den energetisch gerufenen Refrain aus dem Rest der LP heraussticht, die vorab veröffentlichte und weiterhin hervorragende „Ballade von René“ mal ausgenommen. Denn ansonsten zeigt sich Schilling auf „Vilnius“ von einer außerordentlich ruhigen Seite, nimmt uns mit auf eine Reise gen Vergangenheit – ganz zeitgemäß klingen Songs wie das liedermacher-eske „Rasteryaev“ nämlich sicher nicht. Stattdessen erwecken sie zeitweise das Gefühl, sie seien seit Generationen bestehende, nicht wegzudenkende Klassiker, die Schilling direkt aus Mundorgel und co. weggecovert hat.

Zugegeben, der Berliner hat durchaus ein gewisses Faible für Kitsch, manch einer wird sicher schon beim Lesen eines Titels wie „Kalt ist der Abendhauch“ die Platte schnell zurück ins Regal des Plattenladens stellen. Was aber sofort zu überzeugen weiß, ist die musikalische Umsetzung: „Ein Junge“ könnte in instrumentaler Version auch auf einem Bohren & der Club of Gore-Album zu finden sein – bis zur Hälfte jedenfalls, dann plötzlich tritt ein Beat in den Song, dann laute Riffs und Orgeln, der Song dreht sich immer wieder in Stimmung und Stil und wirkt dabei tatsächlich wie ein Film. Schillings Text rundet dieses Gefühl mit seiner bildlichen Sprache ab und schafft es tatsächlich, den imaginären 90-Minüter auf dreieinhalb Minuten herunterzubrechen.

„Ihr Blick ein wüstes Land, das Glas zittert in der Hand, eine Träne tropft auf’s Abendbrot. Oh, wie sehr sie ihn damit quält, wie sie daistzt und nichts isst, und manchmal wünscht‘ er, sie wär’…“

Deutschland ist mit dieser LP nun um einen singenden Schauspieler reicher, und hier trifft dieses Adjektiv auch wirklich einmal zu. Denn anders als die meisten beschert Tom Schilling uns kein Me-Too-Produkt, sondern offenbart eine wahre, zweite Leidenschaft und definitiv auch Talent. Vielleicht ist er also bald schon eher als schauspielender Sänger bekannt?!

Audiovisuelle Erlebnisse mit Tom Schilling & The Jazz Kids gibt es in Kürze dann auch, live auf folgenden Bühnen:

  • 02.05. Hannover, Musikzentrum
  • 03.05. Münster, Gleis 22
  • 04.05. Leipzig, UT Connewitz
  • 05.05. Gera, Songtage
  • 07.05. München, Strøm
  • 08.05. Heidelberg, Karlstorbahnhof
  • 09.05. Frankfurt, Brotfabrik
  • 10.05. Köln, Stadtgarten
  • 11.05. Hamburg, Nochtspeicher
  • 12.05. Berlin, Columbiatheater

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