Lieblingsplatten von Tim Harrius

03: Michaela Meise – Ich bin Griechin

Das zweite musikalische Werk von Michaela Meise, deren Name mir bis dato nichts sagte, kam eher durch Zufall vor meine Augen und Ohren. In dieser Reihenfolge – denn insbesondere das Cover faszinierte mich, ein 1985 am Polytechnio Athen aufgenommenes Foto einer Widerstandskämpferin. Es korreliert mit den Stücken, die Meise auf „Ich bin Griechin“ intoniert: Sie stammen vorwiegend aus griechischer Feder längst vergangener Jahre und erzählen von Krieg, Aufstand, Flucht. Größtenteils nur vom Akkordeon, stellenweise auch von Mitgliedern der Gruppe Isolation Berlin begleitet, singt Meise Übersetzungen jener Lieder in klassischer Chanson-Manier. Dass mich das in seinen Bann ziehen könnte, hätte ich vorher auch nicht gedacht. Gastinterpret Dirk von Lowtzow (Tocotronic) öffnete mir die Tür zu diesem Werk, nun komme ich nicht mehr heraus, so dicht ist die Atmosphäre, die Michaela Meise hier zu erzeugen weiß.

02: Die Time Twisters – Guten Morgen Sommer

Ist es unfairer Wettbewerb, eine Compilation in dieser Rangliste aufzuführen? Täte man das konsequent, hätte wohl niemand eine Chance gegen das dieser Tage als „Seitenhirsch“ erscheinende Die Ärzte-Gesamtwerk… Doch „Guten Morgen Sommer“, die von Carsten Friedrichs (Ex-Superpunk) und Bernd Begemann kompilierte Zusammenstellung der in Vergessenheit geratenen Bad Salzufler Kombo Die Time Twisters, klingt 2018 einfach so frisch und ungehört, dass diese vorwiegend in der 80ern aufgenommenen Stücke den Großteil der wirklich neuen Releases in den Schatten stellen. Wobei das hier viel mehr nach Sonnenschein klingt, nach Surf und C86-Pop, wie es ihn in Deutschland seither wohl nicht mehr in dieser Leichtigkeit gab. Mehr zum Thema lässt sich übrigens in meinem dreiteiligen Interview (Teil 1, Teil 2, Teil 3) erfahren.

01: Tocotronic – Die Unendlichkeit

Ich mag voreingenommen an diese Bewertung herangehen, habe ich doch am Abend, bevor ich diese Zeilen verfasse, das tolle „Gojira X-Mas“-Konzert im Uebel & Gefährlich besucht, und bin ich doch bereits seit 13 Jahren (also mein halbes Leben) Tocotronic-Fanboy. Zumal ich mir Ende 2017 den Traum, ein Interview mit Jan & Rick führen zu dürfen, erfüllen konnte. Schwierigste Voraussetzungen also, auf meiner Rangliste dieses Jahr an „Die Unendlichkeit“ vorbeizukommen. Hätte das Hamburger Quartett einfach zwölf mal hintereinander „Electric Guitar“ auf die Platte gepresst, wäre ich wohl nicht minder begeistert vom biografischen Werk des Dirk von Lowtzow. Dieses Albumkonzept hätte ja durchaus problematisch werden können, aber sei es das Hüsker Dü-eske „Ich lebe in einem wilden Wirbel“ oder das tiefbetrübt-orchestrale „Unwiederbringlich“: Hier wurde wieder einmal alles richtig gemacht. Auf die Variante in Buchform, das im Februar erscheinende „Aus dem Dachsbau“, bin ich schon jetzt gespannt.

Von erfundenen Bands und erfüllten Träumen: Tocotronic im Interview

Lieblingsplatten von Tim Harrius[nextpage title=“Tocotronic im Interview (1)“] Ich übertreibe nicht, und scheue mich ebenso wenig vor triefendem Fangirl-ism, wenn ich sage: Am 11. Dezember... Weiterlesen →