Foto: Johanna Deitmer | Quelle

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Tristan Brusch – dieser Name dürfte vielen erst 2012 über den Weg gelaufen sein, zumindest, wenn sie sich mit der deutschen Hip-Hop-Szene auseinandersetzten. Denn da erschien mit „Das Chaos und die Ordnung” das Major-Debüt der Orsons, das besonders mit der rap-untypischen Single „Jetzt” auffiel. Die melancholisch anmutende Akustikgitarre samplete der in Genres abseits des Hip-Hops bewanderte Maeckes damals aus einem Song von Tristan Brusch, der damals schon seit einiger Zeit mit englischsprachigen Songs unterwegs war, bei vielen jedoch noch unter dem Radar lief. Dank des Samples entstand Kontakt zwischen dem experimentierfreudigen Rapperquartett und Brusch, der seitdem immer wieder im Dunstkreis von Chimperator in Erscheinung trat.

Seine anstehende Tour im Frühjahr 2016 wird folgerichtig von Chimperator Live präsentiert, seine jüngst erschienene EP kam raus bei… äh, Staatsakt?! Obwohl die Stuttgarter Chimps bereits seit einiger Zeit mit Bands wie Heisskalt auch Musik abseits ihres Hausgenres veröffentlichen, setzt Brusch offenbar auf einen Labeldeal im direkten Umfeld anderer Künstler, die sich in ähnlichen Soundgefilden wie er bewegen. Da passt Staatsakt mit Artists wie Jens Friebe oder den großartigen Locas in Love also wunderbar als neues Aquarium für Bruschs „Fisch” – denn so heißt sein erstes Werk, das er komplett in deutscher Sprache vorträgt. Im 10-Inch-Format erscheinen die vier Songs – das hat man auch schon länger nicht mehr in der Hand gehalten! Es hat sich also eine ganze Menge verändert beim Herrn Brusch.

Mit dem Titeltrack eröffnet er die EP und lässt direkt wissen: Dieser Mann hat ein Talent für hitfähiges Songwriting. Auf elektronisch geprägtem Sound singt er uns Zeilen ins Ohr, die sich so schnell nicht mehr vergessen lassen:

„Ich bin ein Fisch in kochendem Wasser! Ich bin ein Schneemann in the sun! Und irgendwann macht dir nicht mal das mehr Angst, macht dir nichts mehr Angst!”

Okay, das mit der komplett deutschen Sprache wird hier dann doch wieder leicht ad absurdum geführt, doch passt es wiederum zu Staatsakt, die mit Andreas Spechtl von Ja, Panik einen der begabtesten Sprachjongleure unserer Zeit beheimaten.

„Ihr seht mich an und lebt nur in Vergleichen” singt Brusch im darauffolgenden „Mein Zeitbegriff”, doch lässt sich ein Vergleich zu seiner hier präsentierten Musik gar nicht so recht finden, vor allem nicht in Deutschland. Wie er hier auf minimalistischem Synthie-Wabern aus Sicht eines Kindes von trostlosem Rot und blinden Spiegeln erzählt, ist schon sehr besonders. Besonders beeindruckend. Und auf der B-Seite seiner 10-Zoll-EP findet dann auch sein Quasi-Entdecker Maeckes seinen Platz auf dem gitarrenlastigen Lovesong „Bleib doch einfach hier”.

Als sei all das nicht schon spannend genug, holt Tristan Brusch zu guter letzt den Hammer raus und schlägt ihn den eigenen Charakterzügen direkt in die Magengrube – zumindest, wenn die in „Lügen” vorgetragenen Zeilen der Wahrheit entsprechen, denn um die genau dieses Thema dreht sich der Song:

„Manchmal muss ich richtig überlegen, welchem Mensch ich welche Lüge erzählt hab‘! […] Weißt du denn nicht, ich bin eine Lüge – wenn du die nicht liebst, dann liebst du auch nicht mich!”

Entweder, Brusch ist ein hervorragender Lügner und tischt uns in diesem Song eine Realität auf, die nicht seiner entspricht. Oder, Brusch ist ein hervorragender Lügner und in diesem Song über diese Tatsache so ehrlich wie noch nie. FischIn jedem Fall ist „Lügen” ein Stück Musik und vorallem Text, wie es entlarvender nicht sein könnte. Großes Kino.

So bleibt nach bloß vier Stücken schon zu sagen: Verehrtes Singer-Songwriter-Deutschland, mit ihm hier müsst ihr rechnen! Der Kontakt zur Bande um Frickel-Tua und Open-Minded-Maeckes hat Tristan Brusch hörbar gut getan – denn so ein facettenreiches Release hat bei 14 Minuten Laufzeit wohl selten ein im Indiepop tätiger Künstler abgeliefert! Ob organisch oder elektronisch, in jedem Soundgewand macht Brusch eine gute Figur. Wenn diese vier Tracks auch nur im Ansatz als stellvertretende Vorboten für ein Album herhalten können, dann sollten wir alle unbedingt dranbleiben bei Tristan Brusch, da geht ganz sicher noch einiges!